Deutsches Theater in Berlin
Das Deutsche Theater in Berlin ist zu sehen. dpa

Dynamisch, Arglos und jede Menge Hass: Premiere von Katzelmacher im Deutschen Theater

Stichworte: Theater Kultur

Am Montag lud das Deutsche Theater zur Premierenvorstellung von Fassbinders Werk „Katzelmacher“ ein. Fazit: das Thema wird bis in die Tiefe hervorragend aufgearbeitet.

Was, wenn es für Fremdenfeindlichkeit keinen Fremden braucht? Existiert alles nur in unseren Köpfen? Diese Fragen werden in der Bearbeitung des Stoffes von Jessica Glause aufgeworfen.

Eine Jugendclique wächst zusammen auf. Alltagsprobleme bestimmen die Szenerie auf den Dächern der Kleinstadt. Liebe, Gewalt, Eifersucht, Neid. Jeder kämpft mit dem Problem der Tristesse.

Die Geschichte ist kurz erzählt. Marie ist die Freundin von Paul, der sie mit Helga betrügt. Helga ist die schwangere Freundin von Erich, der das Kind aber mit aller Macht abtreiben will und zeitgleich eine Affäre mit Klaus hat. Peter wird von Elisabeth ausgehalten, die ihn zunehmend triezt. Dann gibt es noch die pöbelnde Gunda, Rosy und Franz. Der schnöselige Franz bezahlt Rosy dafür, dass er Sex mit ihr haben darf. Denn ihr sind alle Mittel Recht, um ihre Fernsehkarriere voranzutreiben.

"Ein Griech, aus Griechenland" erscheint in der Ferne

Die jungen Schauspieler überzeugen durch ihre Kraft und Ausdauer. Der Zuschauer wird die gesamte Zeit durch die wechselnden Charaktere auf Trab gehalten. Viele Nebengeschichten, kleine Rangeleien und Pöbeleien, wie die ständige Erniedrigung Peters durch Elisabeth, beherrschen die ersten Minuten des Stückes. Alles scheint seine Bahnen zu ziehen, als in der Ferne Jorgos auftaucht. Der ist „Griech, aus Griechenland“ und kurz gesagt Gastarbeiter. Jorgos tritt nie leiblich in Erscheinung, sondern bleibt lediglich Gesprächsthema der Anderen.

Plötzlich ändert sich die Tristesse. Ein Feindbild wird langsam aufgebaut. „Was will der hier? Soll er doch bei sich arbeiten.“ Die Jungs sehen einen Konkurrenten in Jorgos, während die Mädchen ihn anhimmeln. Marie verliebt sich sogar in Jorgos und träumt von einer gemeinsamen Zukunft mit dem Gastarbeiter. Dabei lässt sie den Blick immer wieder in die Ferne schweifen. Die Gruppe stellt sich gegen sie, schließt sie aus. Sie will das Paar nicht akzeptieren.

Elisabeth erklärt den Zuschauern süffisant, wie sie mit den Arbeitern aus Südeuropa Geld machen will. Daraufhin wird ihr erstmals etwas Anerkennung in der Gruppe zuteil. „Die versteht was von dem Geschäft.“

Die Szenerie spitzt sich zu, Aggressionen kommen hoch. Die Gruppe greift den „Unsichtbaren“ Jorgos an. „Das hat mal sein müssen.“ „Der muss weg.“ „Genau. Eine Ordnung muss wieder her.“ Mittels Nintendo Wii-Controllern wirken die Effekte beim Kampf gegen Jorgos real.

Wie konnte das alles nur passieren?

Dadurch, dass Jorgos nicht sichtbar wird, herrscht immer eine gewisse Abstrusität, den die Schauspieler mit dem Blick in die Ferne zu kompensieren versuchen. Jorgos ist nicht greifbar, er ist zu weit entfernt. Dieser Fremde ist das Feindbild, welches die Freunde gar nicht sehen können. Sie können und wollen es auch überhaupt nicht sehen. Dadurch geraten die Freunde in die Gruppendynamik. Einer pöbelt, die Gruppe schaukelt sich hoch, am Ende schlagen alle den Fremden zusammen, doch keiner weiß so recht, wie er sich dazu hinreißen lassen konnte. Denn: der Fremde ist überhaupt nicht sichtbar.

In der Gruppe, der Masse, fühlt sich jeder sicher. Elisabeth konfrontiert Peter mit der Schlägerei, der dafür keine Erklärung findet. Der innere Zwiespalt wird hier sehr gut durch den Schauspieler verdeutlicht. Nach dem Motto: Es ist halt einfach geschehen. Die Gruppe hat so gehandelt, dann wird es schon richtig sein.

Der da! Der ist Schuld an meinem Unglück, nicht ich selbst!

Fassbinders Stück lässt sich von den 60er Jahren auf die heutige Zeit übertragen. Fremdenfeindlichkeit ist ein großes, ein sehr schweres Thema. Glause gelingt es, durch den nicht sichtbaren Jorgos, diese Feindlichkeit zu charakterisieren. Der Hass nimmt stetig zu. Die eigene Unzufriedenheit wird auf die Anderen projiziert. Die Anderen, die Fremden. Die sind Schuld an meiner Tristesse, an meinem Leben. Alles in meinem Kopf. Doch gibt es den Anderen, den Fremden, den Einen, der mein Leben zerstört wirklich? Oder bin ich es nicht selbst am Ende? Passiert alles in nur in meinem Kopf? Grandios gelöst.

Quelle: Dennis Schwarz / Deutsches Theater