Victor Ash: Astronaut/Cosmonaut
Berlin.de/Clara Rocktäschel

Stadtführungen im Test: Alternative Free Tour Berlin - "See Berlin like a Berliner!"

Stichwort: Reportage

Ihr seid neu in Berlin und wollt die Stadt richtig kennenlernen? Wohl keine deutsche Stadt bietet so viel Geschichte auf einem Fleck, wie Berlin. Wir testen für euch die schönsten Stadttouren durch die Hauptstadt. Heute: Die Stadtführung „Alternative Free Tour Berlin“.

„See Berlin like a Berliner!“, lautet die Überschrift der Webseite. Das Herz und die Seele der Stadt kennenlernen, heißt es weiter. “Das probiere ich aus“, denke ich mir und recherchiere auf der Internetseite.

Alternative Berlin bietet verschiedene Stadttouren an, aber auch Pubcrawls oder Streetart Workshops. Zwischen den verschiedenen Angeboten entscheide ich mich für die Alternative Free Tour. Wer möchte, kann seine Teilnahme anschließend direkt online buchen. Da das Ganze aber gratis ist, ist dieser Schritt nicht notwendig.

Jeden Tag, aber auf Englisch

Der Tourstart ist jeweils um 11 und 13 Uhr, jeden Tag. Treffpunkt: Der Starbucks beim Fernsehturm. Die Tour findet komplett auf Englisch statt.

Die Gruppe, etwa 20 Personen, schart sich um den Guide, der alle begrüßt: “Hey, my name is Dave.“ Vor vier Jahren verließ er Schottland, reiste in die deutsche Hauptstadt „and never left Berlin again.”

Feiernde Menschen und eine Katze, die umgebracht wird

Zunächst biegen wir in die Dircksenstraße ein. Little Lucy ist groß an der Wand zu sehen. Dieser Comic-Charakter ist vielerorts im Stadtbild zu sehen, erzählt Dave. Little Lucy bringt dabei auf immer unterschiedliche Arten ihre Katze um. Direkt daneben befinden sich tanzende Menschen. Dave erzählt, dass die Leute beim Feiern fotografiert wurden und jetzt hier an der Wand abgebildet werden. Gute Laune ist also vorprogrammiert. Die `Partyreihe‘ ist von SOBR und heißt „It’s Time To Dance!“. So reiht sich in der Straße ein Kunstwerk an das nächste. Wer sich in der Szene nicht auskennt, dem hilft Guide Dave. Er kann zu fast jedem Werk die Hintergründe erklären. Auch Skulpturen sind am Straßenrand zu finden, berichtet Dave und zeigt auf „Detlef the climbing sprayer“ des Künstlers Slava Ostap an der Wand. Der dreidimensionale Körper besteht vollständig aus transparentem Klebeband. Warum? Er wollte etwas entwerfen, was zuvor noch keiner gemacht hat.

Kunst Dircksenstraße Monika Haider
Little Lucy bringt ihre Katze um (links), daneben feiert eine junge Dame lässig ab.

Fest angekettet sind viele von ihnen, damit weder die Polizei noch irgendwelche Kunstfanatiker, sie schnell mitnehmen können. Häufig werde versucht, Aufkleber abzumachen, um damit sein eigenes Wohnzimmer zu schmücken, erzählt Dave leicht verärgert über die teilweise zerstörten Bilder an der Wand. Zurück bleiben halbe Köpfe oder halbe Skulpturen; das Gesamtbild wird beschädigt.

Kunst Dircksenstraße Monika Haider
Fest angekettete Kunstwerke sind keine Seltenheit in der Dircksenstraße.

Ein Riesen-Gorilla direkt neben Anne Frank

Der nächste Stopp heißt: Hof des Hauses Schwarzenberg beim Hackeschen Markt. Der wohl bekannteste Graffiti-Hinterhof Berlins, berichtete Dave. Ein großes Porträt von Anne Frank ist dort an der Wand zu finden. Gesprayt von Jimmy C. soll es auf das dortige Anne-Frank-Zentrum aufmerksam machen, so Dave. Direkt daneben ist ein Riesen-Gorilla abgebildet und so geht es weiter. Fast jeder Fleck in dem Hinterhof ist mit Graffiti verziert, jedes einzelne mit seiner ganz eigenen Bedeutung.

Das Portät von Anne Frank im Hof des Hauses Schwarzenberg, danebe ein Riesen-Gorilla Monika Haider
Hof des Hauses Schwarzenberg: Anne Frank an der Seite eines Riesen-Gorillas.

Mit der U-Bahn geht es von der Station Weinmeisterstraße zum Kottbusser Tor, danach weiter die Skalitzer Straße entlang. Wer in der Szene etwas auf sich halte, der sei hier verewigt, klärt uns Dave auf. Links und rechts entlang der Unterführung reihen sich Graffitis an den Häuserwänden aneinander. An der Ecke Mariannenstraße machen wir einen kurzen Stopp. Vor uns prangt ein riesiger `Astronaut/Cosmonaut` an einer Häuserfassade. Seinen Daumen und Zeigefinger hält er wie eine Größenangabe zusammen. Die Bedeutung: Der Mensch ist im Vergleich zu den Territorien, derer er sich ermächtigen möchte, klein und vergänglich. Vor gut zehn Jahren wurde er dort von Victor Ash an die Wand gesprayt.

Die Tour wird am Heinrichplatz für eine kurze Pause unterbrochen. Stärkung finden die Teilnehmer in zahlreichen Cafés und Restaurants am Straßenrand. Währenddessen erzählt uns Dave von der `1UP´-Crew. Überall in Berlin spraye die Gruppe ihr Logo auf die Häuserwände. Sogar weltweit seien sie organisiert, so Dave.

Das 'DDR-Baumhaus' von Osman Kalin in West-Berlin

Vorbei am Feuerwehrbrunnen, geht die Tour nach einem kurzen Zwischenstopp im Kunstraum Kreuzberg/Bethanien, weiter bis zum Baumhaus an der Grenze zwischen Ost-und West-Berlin. Zu DDR Zeiten lag das Grundstück brach. Warum? Das Grundstück gehörte der DDR, befand sich aber auf der westlichen Mauerseite. Keiner kümmerte sich um die kleine Fläche. Also nahm sich Osman Kalin der Sache an. Er baute im Garten eine Grünfläche mit Gemüse an und nebenan errichtete er in kürzester Zeit ein Baumhaus. Dieses Baumhaus bewohne er im Sommer heute noch, erzählt Dave.

Baumhaus an der Mauer Hanna Gerwig
Das Baumhaus von Osman Kalin an der Mauergrenze.

Der letzte Stopp ist an der Spree gegenüber des afrikanischen „Yaam“ Clubs. Viele Clubs mussten in letzter Zeit in der Gegend schließen, berichtet Dave. Der Grund dafür: Die Mediaspree Company kaufe Immobilien auf und bebaue die Grundstücke nach ihren eigenen Vorstellungen. Da sei kein Platz für Kultur, schon gar nicht für das Nachtleben, so Dave.

Nach der kurzen Anekdote endet die Tour. Ganz so gratis, wie ich am Anfang dachte, wird sie dann doch nicht. Trinkgeld dient als Bezahlung und ist mehr Pflicht als freiwillige Bezahlung an den Guide. Alle Teilnehmer geben Beträge in Höhe von 5 bis 10 €. Aber das war es definitiv Wert. Berlins Vielfalt kennenzulernen und das ganz fernab vom täglichen Rummel, ist sehr interessant.

Quelle: Dennis Schwarz / tape-art-ostap.com / berlin.de / alternativeberlin.de
(Bilder: Monika Haider; Hanna Gerwig)