Hörpol
Ausgestattet mit Karte und Handy, ging es durch die Straßen von Berlin. Heidi Scherm

Stadtführungen im Test: Hörpol - Die kostenlose Audioführung durch Berlin-Mitte

Stichwort: Reportage

Ihr seid neu in Berlin und wollt die Stadt richtig kennenlernen? Wohl keine deutsche Stadt bietet so viel Geschichte auf einem Fleck, wie Berlin. Wir testen für euch die schönsten Stadttouren durch die Hauptstadt. Heute: Die Audioführung Hörpol.

Selbständig, kostenlos und flexibel Berlin entdecken. "Klingt spannend", denke ich und zu Beginn meines Tests begebe ich mich zunächst auf die Internetseite Hörpol.de.
Hörpol ist eine Audioführung durch Berlin-Mitte, geeignet für Jugendliche ab 14 Jahren - so zumindest lauten die Angaben des Projektleiters Hans Ferenz.

Auf der Internetseite finde ich mich schnell zurecht. Einfach die Straßenkarte ausdrucken und die Tracks im MP3-Format auf sein Handy laden; schon kann es losgehen.

Startpunkt und Route flexibel wählbar

Bei Minusgraden wage ich mich am Tag darauf hinaus in die Kälte. Mein Startpunkt: U-Bahnstation Weinmeisterstraße. Jeder kann seinen Startpunkt aber genauso flexibel wählen, wie die Route selbst.
Ich hole meine Karte aus der Tasche. Auf der Alten Schönhauser Straße ist der nächste rotmarkierte Punkt. Mit dem Handy in der Hand gehe ich die Straße entlang. Ungefähr auf dieser Höhe müsste ich richtig sein, denke ich mir. Der Track heißt "Scherben". Ich suche ihn auf meinem Handy und drücke auf "Play". Laute Musik ertönt, ich schrecke auf. Mit dem Start habe ich nun wirklich nicht gerechnet. Eine freundliche Damenstimme beginnt zu erzählen: "Berlin im Jahre 1925. Hier in der Alten Schönhauser Straße 42, wo jetzt dieser Neubau steht, stand damals ein typischer Berliner Altbau."

In Gedanken reise ich in der Zeit zurück

"Ein Mann hatte dort seinen Leib-und Bettwäscheladen", heißt es weiter. "Niemanden störte es, dass der Inhaber Jude war." Bis zum Jahre 1933. Hitler ergriff die Macht. Dann seien die Pöbeleien losgegangen. Immer weniger Kunden trauten sich in das Geschäft des Mannes.

Dann der Höhepunkt: Geräusche im Hintergrund der Erzählstimme lassen die Umgebung verschwimmen. Ein Klirren. Eine Scheibe zerbricht. Das Zerschellen wirkt so real und nah, dass ich mich umgucke, ob neben mir ein Glas kaputt gegangen ist.

Die Erzählerin berichtet von der Reichspogromnacht am 9. November 1938. Die Scheibe des Geschäftes sei mit einem Stein eingeworfen worden. Der Inhaber habe dabei auf dem Balkon über seinem Geschäft gestanden. Die damaligen Erlebnisse schrieb er später auf: Rund 2000 Menschen seien vor dem Geschäft auf der Straße marschiert, Männer und Frauen mit Beilen. Seinen Laden räumten die Menschen vollständig leer. Aus Angst flieht er mit seiner Familie drei Monate später aus dem Land.

Vorfall im Jahre 2002

Erneut ertönt Musik. "Berlin heute", sagt die Erzählerin, mit diesem Zeitsprung hatte ich nicht gerechnet. Deutschland sei nun eine Demokratie. Jeder und Jede könne über sein eigenes Leben entscheiden, heißt es weiter. Trotzdem ereignete sich in Reinickendorf 2002 ein neuer Vorfall. Ein Mann hängt eine blau-weiße Fahne, eine israelische, vor seinen Laden und einen Davidstern in sein Schaufenster. Die Empörung rechter Gruppen über die Fahne wird laut. Die Stimmung schaukelte sich so weit hoch, dass Nazis eines Tages an das Geschäft urinierten und die Scheibe einwarfen, berichtet die weibliche Stimme aus meinen Kopfhörern. Die Nachbarn kritisierten daraufhin nicht das Verhalten der Nazis, sondern die Aktion des Inhabers. Warum habe er denn überhaupt den Davidstern aufgehängt? Die Kunden blieben fern, weil sie Angst hatten. Der Laden musste schließen. Der Mann verließ das Land.

Er wirft am Ende aber die Frage auf: Darf man Menschen einen Vorwurf machen, die sich einfach nicht trauen, gegen Nazis aufzustehen? Darf man das tun? Es folgen mehrere Stimmen zu dieser Frage. Durch die abschließende Frage und Diskussion setzt sich der Zuhörer aktiv mit dem Thema auseinander. Wie würde ich selbst in der Situation handeln? Wie bewerte ich die Situation? Wie handele ich richtig?
Ein überraschender Einschub eines Ereignisses aus der heutigen Zeit. Damit wird dem Hörer ins Gedächtnis gerufen, dass rassistische Beleidigungen und Handlungen auch heute allgegenwärtig sein können.

Ereignisse hautnah erleben

Und so geht es weiter. Eine abwechslungsreiche Begleitung bietet sich dem Hörer auf dem Weg durch die Straßen. Zeitzeugen erzählen aus ihrem Leben. Schauspieler und Moderatoren sprechen Texte. Bands aus Berlin liefern laut der Webseite von Hörpol ihre Musik.

Es ist spannend, die Geschichten direkt vor Ort, 70 bis 80 Jahre später zu erleben. Welches Gebäude stand dort noch in den 1940er Jahren? Wer hat dort gelebt? Wie war die Stimmung auf den Straßen? All diese Fragen werden auf der Tour beantwortet. Die eigene kritische Auseinandersetzung mit den Themen und die differenzierten Bewertungen verschiedener Personen ermöglichen dem Zuhörer, sich selbst eine Meinung zu den Themen zu bilden.

Wie lange dauert die Tour?

Jeder kann selbst entscheiden, wie lange die Tour durch Mitte gehen soll. Insgesamt war ich etwa drei Stunden auf den Straßen unterwegs, inklusive einer kleinen Pause. Durch die roten Markierungen auf der Karte, kann man sich die Spots selber aussuchen und die passenden Tracks abspielen. Und wenn euch eine Geschichte uninteressant erscheint oder nicht so viel Zeit übrig bleibt, könnt ihr diese einfach überspringen und die nächste abspielen.
Durch die flexible Tourgestaltung bieten sich zudem kleine Pausen in einem der zahlreichen Cafes in Mitte an.

Trotz der wärmenden Cafés empfehle ich trotzdem, die Tour an einem schönen Sommertag zu machen und die Karte mit Freunden zu erforschen. So kann man sich direkt über die Themen austauschen. Außerdem würde ich die Tour zu Fuß absolvieren, da die Punkte meist so nah beieinander liegen, dass es sich nicht lohnt, auf das Fahrrad zu steigen.

Wer Berlin mal fernab von den Touristen-Hotspots erleben und sich in die Zeit des Nationalsozialismus hinein versetzen möchte, hat bei der Audio-Tour Hörpol die perfekte Gelegenheit dazu.

Quelle: Dennis Schwarz / Hörpol