Der Goldene Aluhut 2016
Die Bühne der Preisverleihung beim Goldenen Aluhut 2016. Robert Hofmann

Reichsbürger & Chemtrails: Der Goldene Aluhut 2016 - Die Preisverleihung für Verschwörungstheoretiker

Stichwort: Preis

Sonntag wurde der Goldene Aluhut verliehen, die Auszeichnung für die absurdesten Verschwörungstheorien. Trotz Albernheit und Spaßes wurde es doch ernster als erwartet.

„Da sind wohl wieder Reptiloiden im System“, lacht Giulia Silberberger. Die Präsentation läuft nicht richtig. Eigentlich will sie gerade das Video zu ihrer Crowd Funding Kampagne zeigen. „Na gut. Dann machen wir jetzt mal zwanzig Minuten Pause. Holt euch doch noch ein Bier.“

Professionell wirkt das alles nicht, was da auf der Bühne passiert. Und so weiß man auch nicht so recht, was die Veranstaltung „Der Goldene Aluhut“ eigentlich sein möchte. Ausgezeichnet werden die absurdesten Verschwörungstheorien und –theoretiker des letzten Jahres.

Fünf Kategorien, fünf Preise

In fünf Kategorien wurden Preise vergeben. Esoterik, Politik, Medien und Blogs, Medizin und Wissenschaften sowie Verschwörungstheorien allgemein. Die Preisträger waren eingeladen, gekommen ist aber nur der Reichsbürger Dennis Schulz, Gewinner in der Kategorie Politik. Der hat vorher mit antisemitischen Äußerungen auf sich aufmerksam gemacht und auch den kürzlich von einem Reichsbürger erschossenen Polizisten mit Häme bedacht. Er ist mehrfach angezeigt worden: unter anderem wegen Waffenbesitz und versuchter Vergewaltigung. Die Veranstalter haben sich deshalb entschlossen, dem Mann keine Bühne zu bieten. Ihm wurde seine Redezeit verwehrt, der Preis kurz vor der Veranstaltung vor der Tür übergeben.

Giulia Silberberger ist die Initiatorin des Ganzen. Sie ist fröhlich und quirlig wenn sie auf der Bühne steht. Sie lacht viel und laut und in ihrer Stimme schwingt der Schelm mit, wenn sie über ihr Metier spricht: Verschwörungstheorien und wie verrückt die sind.

Die Struktur des Abends im Neuköllner Heimathafen ist sehr klar: Redner stellen Verschwörungstheorien vor und entkräften sie dabei. Dann folgt eine Preisverleihung inklusive Laudatio der Ausgezeichneten.

Mit Reichsbürgern geht es los

Am Anfang steht die Vorstellung des Glaubens von Reichsbürgern. Der Redner ist selbst Jurist und schlüsselt detailliert auf, warum so ziemlich jedes Argument von Reichsbürgern Unsinn ist. Der Grundglaube dieser Leute, die häufig rechtsextrem sind, ist, dass die Bundesrepublik Deutschland als Staat nicht existiert. Es habe nie einen Friedensvertrag mit den Alliierten nach dem Krieg gegeben, weswegen weiterhin das Deutsche Reich in seinen Grenzen von vor dem Zweiten Weltkrieg bestehe, das allerdings nach wie vor besetzt sei. Viele verweisen auf die BRD Finanzagentur GmbH, die für die Verwaltung Deutschlands stehe und deren Vorsitzende Angela Merkel sei.

Es dauert nicht lang, bis das Publikum schallend lacht und immer wieder Szenenapplaus gibt. Der Redner schließt seinen Vortrag allerdings mit einer chronologischen Auflistung aller Gewaltverbrechen, die seit 2011 von Reichsbürgern begangen wurden. Neben zahlreichen Körperverletzungen finden sich auch zwei Tötungsdelikte darunter. Das Publikum lacht nun nicht mehr.

Insgesamt ist es aber ein äußerst dankbares Publikum. Es besteht fast nur aus Menschen, die sich schon mit Verschwörungstheorien beschäftigt haben. Sie haben sich vorbereitet und wissen, was da vorgestellt wird. Sie sind Fans des Ganzen und müssen nicht überzeugt werden. Vielleicht krankt das Konzept der Veranstaltung genau hieran.

Reichsbürger in Nazi-Uniform

Passend zum Reichsbürger-Vortrag folgt darauf die erste Preisverleihung – beziehungsweise Laudatio für den Reichsbürger Dennis Schulz, der seinen Preis zu dem Zeitpunkt schon abgeholt hat. Der ist ein bunter Hund in der rechtsextremen Szene. Vielleicht sollte es eher „brauner Hund“ heißen, zeigt sich Dennis Schulz doch gerne in einer selbstgebastelten SA-Uniform. Als einziger der Preisträger scheint Dennis Schulz sich über die satirische Auszeichnung gefreut zu haben. So hat er auf seinen Kanälen Werbung dafür gemacht, dass man für ihn stimmt.

Zwei andere Vorträge teilen sich einen Makel, der die Freude daran mindert. Der eine erklärt, warum die weitverbreitete Behauptung, die Energielobby verhindere die Einführung freier Energie, also im Prinzip eines Perpetuum Mobiles, Quatsch ist. Der andere erklärt, dass die Einnahme von Natriumchlorid giftig ist, auch wenn viele Menschen daran glauben, dass man dadurch Krebs heilen könnte.

Der Makel besteht darin, dass die Vorträge sehr technisch bleiben. Das muss bis zu einem gewissen Grad so sein, schließlich sollen hier Theorien wissenschaftlich fundiert widerlegt werden. Andererseits können beide Redner die Trockenheit des Themas nicht durch rhetorische Fähigkeiten, Witz oder besonderen Esprit kaschieren. Bei einer Veranstaltung, die durch und durch lustig sein will und immer wieder in Albernheiten abschweift, fallen die beiden deshalb raus – auch wenn man hier wirklich etwas lernen kann.

Orgon und das Internet

Anders die beiden anderen Vorträge. Der eine erklärt, was Orgonit ist – nämlich ein Wunderding, das positive Energie erzeugen und sogar Chemtrails unschädlich machen kann. Tobias Geissler, der Redner, ist spritzig und eloquent. Zwar wirkt sein Vortrag an einigen Stellen einstudiert, andererseits improvisiert er an anderer offensichtlich. Das Publikum ist begeistert.

Franzi von Kempis, die einzige Frau unter den Rednern, ist auch erfolgreich dabei, das Publikum mitzunehmen. Sie erklärt, wie man Internet-Debatten gewinnen kann und zeigt dabei nicht nur, wie respektlos die Verschwörungstheoretiker ihr gegenüber kommunizieren – sondern legt auch den Finger in die Wunde der Online-Kommunikation generell: Den Sexismus. So ist ihr erster Tipp, wie man die Argumentationshoheit in Internetdiskussionen gewinnen kann: „Sei keine Frau“.

Weder Fisch noch Fleisch

Als die Veranstaltung vorbei ist, freuen sich Giulia Silberberger und die Organisatoren. Am Ende hat ihr Video doch funktioniert, die 200-300 Zuschauer im Heimathafen Neukölln wissen von der Crowdsourcing Kampagne, die das gesamte Projekt um den Goldenen Aluhut ausbauen und auf festere finanzielle Füße stellen soll.

Die unbegehrten Preise gingen an den Blog "Bewusst Vegan Froh", der mit absurden Gesundheitsideen aufwartet - so wird etwa versprochen, mithilfe von Kristallen Zähne nachwachsen zu lassen.
Außerdem an das Compact Magazin, ein bekanntes rechtspopulistisches Magazin, Astro TV, einen Fernsehsender, der seelische Beratung verspricht, eigentlich aber esoterischen Quatsch erzählt und dabei Menschen in Notsituationen ausnimmt. In der Kategorie "Verschwörungstheorie allgemein" gewinnt der "Honigmann". Ein Blog, der Verschwörungstheorien jeder Couleur verbreitet und dabei nicht vor Antismeitismus und anderer rechtsextremer Hetze halt macht.

Unterstützer werden sich gefunden haben

Die Preisverleihung wird mit Sicherheit einige Leute dazu bewegen, das Projekt zu unterstützen. Immerhin wurden auch bei der Versteigerung bereits mehrere hundert Euro investiert. Am Ende aber bleibt offen, was genau die Veranstaltung sein wollte: Wissenschaft und Albernheit wechselten sich ab, Aufklärung mit Eigen-PR. Und so gekonnt witzig Giulia Silberberger die technischen Ausfälle auch überspielt hat: Der Veranstaltungsort suggerierte hohe Professionalität: Herrschaftlicher Stuck, rot-samtene Vorhänge, dezentes Licht – alles war sehr stilvoll. Trotzdem wirkte es nicht professionell.

Vielleicht musste es das aber auch nicht. Denn Spaß hat es allen Beteiligten offensichtlich trotzdem gemacht. Und die ernste Message hinter dem ganzen Quatsch kam nicht zu kurz – schon weil ein verurteilter Rechtsextremer versucht hatte, das Ganze zu unterlaufen.

Quelle: BerlinOnline / Robert Hofmann