Gordian Amenth
Filmemacher Gordian Amenth BerlinOnline/Annekathrin Heier

Abseits der Berlinale: Rattenfänger in Kambodscha

Während der rote Teppich am Potsdamer Platz die Hollywood-Schönheiten dieser Welt trägt und der Glamour in goldenen Fäden die Stadt durchzieht, klingelt es am Sonntag irgendwo in Neukölln Sturm. Ein junger Filmemacher hat zu einer privaten Premiere eingeladen. Vier Wochen lang war er im vergangenen Jahr in Kambodscha und hat eine Familie porträtiert, die während der zweimonatigen Saison Ratten jagt - und verkauft.

Die "360° - Geo Reportage" von Gordian Arneth unterscheidet sich sehr von dem, was in diesen Tagen das Berlinale-Fieber verursacht. Keine von weißen Tüchern umwickelten Stehtische. Keine auftoupierten Frisuren. Stattdessen ganz normale Leute – Freunde, die er in die eigene Wohnung eingeladen hat, um mit ihnen gemeinsam seine Dokumentation zu sehen, die arte heute als Langversion ausstrahlt. Nach einem gemütlichen Frühstück in einer typischen Berliner WG-Küche gesellen sich gegen 13.40 Uhr noch mehr Leute hinzu. Man zieht um in ein Zimmer, das extra für heute zu einem sehr besonderen Kinosaal umfunktioniert wurde. Gordian Arneth wird zu einer Willkommensrede gezwungen. "Schön, dass ihr alle gekommen seid" und: "Ich hoffe, Ihr habt alle gut gefrühstück." Das Publikum klatscht, die Bilder auf dem Monitor werden bunt: Ein Film von Gordian Arneth. Erster Applaus.

Ratten gelten in Kambodscha als Delikatesse. Während der Regenzeit steigt das Wasser des Tonle-Sap-Sees viele Meter an, sodass der Fischfang der Jagd auf Ratten weicht. Sie leben bei Hochwasser auf den Bäumen und ernähren sich vorwiegend von den Früchten. "Die Ratten in der Stadt – die kann man nicht essen", sagt ein Passant in einer der gut besuchten Hafengarküchen. Deshalb zieht es die Menschen aufs Land – die Tiere hier sind genießbar. Wir fragen Gordian, ob er die Ratten auch probiert habe. Er nickt kurz, ohne den Blick vom Bildschirm abzuwenden: "Schmeckt wie Hühnchen. Nur fasriger", erklärt er.

Die Fischer des Sees gehen seit Ende der 90er Jahre auf Rattenfang. Einer von ihnen ist Sey Ha. Er ist 20 Jahre alt und sorgt für seine Familie so gut er kann. Hier auf dem Dorf bleibt den Bewohnern nichts anderes übrig, als auf die Ratte als Nahrungsmittel und Ware zurückzugreifen, während der Nager auf Märkten oder in Restaurants sogar als Delikatesse angeboten wird. Rattenfleisch ist dort teurer als Fisch.

Ausgehend von Sey Ha’s Familie erfahren wir sehr viel mehr. Die Reportage berichtet auf dieser Basis auch von der Geschichte des Landes Kambodscha, von dem traurigen Schicksal, das die Vorfahren in der Schreckenszeit der Roten Khmer heimsuchte. Die Mutter von Sey Ha ist noch immer traumatisiert. In der Stadt kümmert man sich um Menschen wie sie, und der Sohn, dem die Trauer der eigenen Mutter sehr nah geht, tut alles, um durch den Rattenverkauf die Reise zu finanzieren.

Gordian Arneth nimmt uns mit auf eine Krokodilsfarm. Er und sein Team vermitteln uns die Sorgen, Ängste und glücklichen Momente dieser Familie und verschaffen uns somit tiefe Einblicke in einen für uns fremden und befremdlichen Alltag. Als nach etwa 50 Minuten der Film endet, wird geklatscht, aber so richtig aufgetaucht bin ich noch nicht. Ich gehe zunächst einmal auf den Neuköllner Balkon, um weit oben über der kopfsteingepflasterten Straße tief ein- und auszuatmen.

Eine knappe Stunde später bin ich auf dem Potsdamer Platz und sehe drei weitere Filme. Was am Abend aber übrig ist, sind Krokodile, Ratten und der Mann, der es sich unter dem Stelzenhaus in einer Hängematte gemütlich gemacht hat, um sich von den Krokodilen und seiner Frau zu erholen.

Das Leben ist ganz schön viel. Ich glaube, das ist der letzte Satz, den ich denke, bevor ich nach einem filmreichen Berlinaletag, auf dem heute nicht die Berlinale der Höhepunkt war, einschlafe.

Wer die 360° - Geo Reportage »  mit dem Titel "Kambodscha, Ratte süß-sauer" verpasst hat, kann sie auf der Arte-Mediathek noch aufrufen. Eine Dokumentation, die sich lohnt - auch abseits der Berlinale.

Quelle: BerlinOnline/Annekathrin Heier