Ali Baba' Blumenladen - Tag der Zwangsräumung
BerlinOnline/akh

Freitag, 8.30 Uhr. Der Bus in Richtung Falkenseer Chaussee wird von einigen Einsatzwagen der Polizei überholt.

Vor "Ali Baba’s Blumen" stehen bereits einige Menschen. VertreterInnen der Initiative 'Zwangsräumung verhindern' sind darunter. MitarbeiterInnen. Freunde. Im Laufe der Zeit zu Stammkunden gewordene AnwohnerInnen. Und neugierige Menschen, die eigentlich nur so früh wie möglich ihre Einkäufe erledigen wollten, aber jetzt stehen bleiben und fragen: Was ist hier los?

Ali muss raus!, ruft ein junger Mann mit Schild in der Hand. Stop Zwangsräumungen, steht darauf. Die Einsatzwagen haben an der Seite geparkt. Zu viel Polizeiaufgebot vor dem Supermarkt sei nicht gut, sagt eine junge Frau, die zu den Demonstranten gehört, aber dennoch versucht, friedlich Kontakt zu den Polizisten aufzunehmen. Friedlich geht es ansonsten wenig zu, da ist ziemlich viel Wut. Auch im Gesicht von Ali, der sich nicht vertreiben lassen will. Dieses kleine Geschäft vor der Edeka-Filiale in Spandau ist seit langem sein täglicher Arbeitsplatz.

Der Gerichtsvollzieher sucht das Gespräch mit Ali. Ali appelliert an die Menschlichkeit. Aber der Gerichtsvollzieher hat einen Auftrag, den er ausführen muss. Die Tür zum Blumenladen öffnet sich. Polizisten bilden eine Mauer, es folgt ein kurzes Handgemenge zwischen der Polizei und den Protestierenden. Die Mitarbeiterinnen kommen mit ihren persönlichen Gegenständen heraus. Dann ist Ali verschwunden.
Kurze Zeit später taucht er auf dem Dach eines gegenüberliegenden Hauses auf.

Jemand brüllt, Ali wolle sich herunterstürzen. Und jetzt füllt sich der Parkplatz vor dem Supermarkt. Mehr Presse. Auch Fernsehen. Passanten legen die Köpfe in den Nacken. Hinter uns macht sich eine Gruppe lustig über die Situation. Es kommt zu Streitigkeiten auf dem Parkplatz. Die Feuerwehr rückt an. Ein Fallkissen wird aufgepustet. Absperrungen. Und immer wieder der Blick nach oben. Auch an der Hauptstraße bleiben die Menschen stehen.

Die Atmosphäre ist jetzt eine einzige große Hilflosigkeit. Der andauernde Blick nach oben ist wie ein kollektives Warten: aber worauf? Und warum möchten die, die stehen bleiben, nicht wissen, aus welchem Grund Ali da oben steht? Die Stimmung kippt immer wieder. Eine weinende Frau spricht über ihre eigene Zwangsräumung und greift Leute auf dem Parkplatz an, die das Geschehen filmen. Zwei Grüppchen Schaulustiger kämpfen heftig gestikulierend um ihre Stehplätze. Feuerwehrmänner beraten, was zu tun ist.
Das Menschenaufgebot ist inzwischen riesig, vor einigen Minuten waren die Leute noch zählbar. Ali blickt hinunter auf die sich rasant vermehrende Menge. Etwas stimmt hier nicht.

Edeka hat Ali durchaus Angebote gemacht, aber Ali’s Anwalt hatte Forderungen, die laut Edeka unrealistisch waren. Möchten Anwälte möglicherweise vor allem Geld verdienen? Und vor Ort: Entspringt die Wut einiger Protestler wirklich der Solidarität für Ali?

Vielleicht fehlt dieser eine Strang, an dem alle gemeinsam ziehen? Vielleicht steht uns allen selbst beim Einsatz für die gute Sache manchmal der Egoismus im Weg?

Ali jedenfalls harrt auf dem Dach aus. Er ist verzweifelt und weiß nicht, was mit ihm passiert, wenn das alles hier vorbei ist.

Hintergrundinformationen: Reportage 'Ali und die Räumer'

Quelle: BerlinOnline/akh