Liebe
dpa

Die große Liebe. Träumt davon nicht jeder? In Zeiten der "Tinder-App" ist dieser Wunsch antiquiert!

Stichwort: Liebe

Seit Tinder können Menschen online ausleben, was sie offline nie zugeben würden: Der Wisch nach links ist die Möglichkeit, endlich oberflächlich sein zu dürfen, ohne dass jemand einen dafür verurteilt, es ist das fehlende Dislike auf Facebook, der Daumen Cäsars auf der eigenen Wohnzimmer-Couch. Tinder ist Macht. Macht darüber, selbst zu bestimmen, wie die Leute einen sehen. Die Macht, das eigene Ego am vorrüberfließenden Gesichter-Band zu pushen. Die Macht, nie zurückgewiesen zu werden, sondern immer nur Erfolg zu haben. Match. Match. Match.

Verändert Tinder die Gesellschaft? Nein, Tinder ist das Phänomen einer Gesellschaft, die von Angebot und Nachfrage lebt. Mit zwei Angaben nutzt Tinder alles, was die Wissenschaft über Beziehungen herausgefunden hat. Spielerisch, produktiv und effizient wird die eigene Persönlichkeit verkauft – und dafür belohnt.

Kennenlernen ist kein Zufall

Wissenschaftliche Studien haben erwiesen, dass das Kennenlernen zweier Partner zwar romantisch, aber in den meisten Fällen kein Zufall ist. Schon 1932 stellte der US-Soziologe James Bossard fest, dass die meisten Ehepaare bloß einen Block voneinander entfernt leben, nicht nur auf dem Land, auch in der Großstadt. Tinder nutzt das– und stellt Matchings zwischen Personen her, die sich im maximalen Umkreis von 100 Kilometern befinden.

Doch nicht nur räumliche, auch soziale Nähe spielt eine Rolle: "Zwei Drittel aller Paare lernen sich im direkten, sozialen Umfeld kennen", ergaben Auswertungen der Parfaim-Studie vom Deutschen Jugendinstitut in München. Konkret meint "soziales Umfeld" damit den Freundes- und Bekanntenkreis (Platz 1), die Arbeit oder Schule (Platz 2) und den Gesangs- oder Sportverein (Platz 3). Tinder "matcht" das komplett Paket Platz 1 bis 3 online: Mit Algorithmen werden Facebook-Freunde von Facebook-Freunden vorgeschlagen, die vom Kindergarten über den Job bis hin zum Fanclub alle Kanäle auf einmal bedienen.

WG-Party mit Hellseher-Fähigkeiten

Ist es denn schlecht, im Schlafanzug auf dem Sofa statt gestylt auf einer Party den potentiellen, neuen Partner kennenzulernen? Eigentlich nicht, schließlich erhöht sich so die Treffsicherheit, den Partner fürs Leben zu finden, ums Hundertfache. Wenn man tatsächlich auf der Party und gleichzeitig bei Tinder angemeldet ist, kann man den Chat überspringen und gleich zum ersten Date übergehen. Denn schon beim Eintreten weiß ich, wer auf Sex oder Beziehung Lust hat, wer mich "hot" findet und ob die betreffende Person in der Küche oder im Schlafzimmer anzutreffen ist.

Soziale Schichten überwindet Tinder selten

Wenn es allerdings die WG-Party im Stock tiefer ist und man sich Tinder-frei bewegt, hat man trotz Tinder-Geo-Tagging größere Chancen, als Friseur auch eine Anwältin zu treffen. Die Überwindung sozialer Grenzen ist mit Tinder unwahrscheinlich. Algorithmen führen dazu, dass sich Friseur und Anwältin, obwohl sie in der gleichen Straße wohnen, nicht auf Tinder vorgeschlagen werden. Das ist eigentlich ganz praktisch, denn die Wahrscheinlichkeit, eine Beziehung mit jemandem aus einer anderen sozialen Schicht einzugehen, liegt laut Spiegel bei unter zehn Prozent. Mit Tinder kann man die Zeit sparen, die man in einen zu nichts führenden Chat investiert hätte.

Denn spätestens beim ersten Treffen, oder bereits im Chat davor, hätte es wahrscheinlich nicht gefunkt. "Ähnlichkeit" erhöht die Anziehung zwischen zwei Menschen. Gleicher Musikstil, gleiche Wohnungseinrichung oder gleicher Fußballclub geben nicht nur ein Gesprächsthema, sondern auch die "Seelenverwandschaft" vor, die so viele in der Paarbeziehung suchen. Sogar ein übereinstimmender Sprachstil führe dazu, dass sich zwei attraktiver finden, hat eine Forschungsgruppe in Texas festgestellt. Über Facebook mit Ikea-Likes gematcht, im persönlichen Chat mit "Hey digger" angesprochen. Erstes Treffen: Sido-Konzert.

Tinder ist ein Spiel – und das ist gut so

Diplompsychologe Holger Lendt empfiehlt im Spiegel-Magazin zum einfachen Kennenlernen "Spielorientierung statt Zielorientierung". Denn wenn man liebt, muss man unvernünftig sein und seinen Gefühlen freien Lauf lassen. Perfekt – die meisten Menschen sehen Tinder als Spiel, bei dem sie nicht verlieren können. Keine Abweisung – nur Glücksgefühle.

Tinder - die perfekte Partnervermittlung der heutigen Zeit?

Ja – und nein. Es gibt Theorien, die besagen, dass die monogame Beziehung die Flucht aus der kapitalistischen Gesellschaft ist. Im Job ist man austauschbar. Im Fitnessstudio auch. Aber in der Beziehung? Da ist man einzigartig. Weil man der schönste, beste, tollste Mensch für den Partner ist. War! Seit Tinder kann es bessere geben, jederzeit, an jedem Ort.

Jedes "Match" schüttet laut Huffington Post Dopamin im Körper aus, man fühlt sich glücklich. So glücklich, dass man immer weiter wischen möchte, auch wenn man die "perfekte" Partnerin gefunden hat. Gibt es noch perfektere? Kann das Glück meiner Beziehung zu noch mehr Matches führen?

Tinder zeigt, dass man einen "Marktwert" nicht nur im Berufsleben, sondern auch im Privatleben entwickeln kann - Millionen Tinder-Nutzer zeigen, dass wir genau das wollen. Zumindest eine Zeit lang. Sich selbst zum Produkt machen und nach anderen Angeboten schauen. Zum Produkt dieser Gesellschaft, die von Angebot und Nachfrage lebt. Nicht nur im Supermarkt, nicht nur auf Amazon, auch im eigenen Bett.

Trotzdem. Wer eine Beziehung sucht, kann sie über Tinder finden. Genauso, wie er sie über Tinder wieder verlieren kann. Clemens Lukitsch schreibt in TheEuropean: "Tinder entpuppt sich für mich als die Quintessenz der Großstadt-Single-Identität: Der tägliche Massenmord der Möglichkeiten konzentriert in der Form einer Gratis-Handy-App. Es macht keinen Unterschied, ob man selektiert oder einfach alles mitnimmt, was einem angeboten wird. Der nächste Vorschlag kommt immer."

Die Wahrscheinlichkeit, dass es ein Match wird, ist groß.

REPORTAGE - Tinder-App

Quelle: BerlinOnline/Hanne Bohmhammel