Nachbarschaftsnetzwerk nebenan.de
Ina Brunk - Mitgründerin der Nachbarschaftsplattform nebenan.de Monika Haider/BerlinOnline

Hilfe von Nebenan oder wie man seinen Nachbar über das Internet kennenlernt

Stichwort: Sharing City

Das Interview führte Monika Haider

Irgendetwas oder –jemand fehlt immer! Entweder ist es ein Ei, eine Bohrmaschine oder ein Laufpartner. Vielleicht ist man krank, einsam oder einfach bald in Urlaub. Wer hilft in all diesen Fällen? Eine einfache Lösung wäre der oder die Nachbar/In. Aber die einerseits gewünschte Anonymität, die man in der Großstadt genießt, erschwert andererseits, dass man ungeniert an der Tür des fremden Nachbarn klingelt und um einen Gefallen bittet. In Zeiten der digitalen Revolution findet die erste Kontaktaufnahme zum Nachbar oft über das Internet statt. Damit ist die erste Hürde überwunden, sagt Ina Brunk. BerlinOnline hat sich mit der Mitgründerin der Nachbarschaftsplattform nebenan.de unterhalten und gefragt, wie digitale Nachbarschaftsnetzwerke funktionieren und was da geschieht.

BerlinOnline: Warum soll es einfacher sein, über eine ditigale Plattform mit der Nachbarschaft in Kontakt zu kommen?

Ina Brunk:
Auf der digitalen Plattform findet der Kontakt nicht linear statt. Man hat nicht den einen Nachbar, dem man einen Gefallen tut und von dem man dann irgendwann auch mal eine Gegenleistung erwartet. In praktischen und konkreten Dingen sehen wir das ganz oft. Heute z.B. hat jemand bei mir in der Nachbarschaft ein Laminiergerät gesucht. Wenn man beim Nachbar klingelt, steht die Chance 1:0, dass er eines hat. Aber wenn ich natürlich in eine digitale Nachbarschaft rufe, wo 200 Leute angemeldet sind, ist die Chance 200 Mal größer, zu bekommen, was man braucht. Und man bekommt es deutlich schneller.
Gerade jetzt - seit kurzem gibt es unsere Apps - gehen dann so Adhoc-Geschichten noch schneller und sind einfacher zu realisieren.

BerlinOnline: Wo kann die Community Anfragen stellen und wo sind diese dann sichtbar?

Ina Brunk: Die Beiträge können auf der Startseite verfasst werden. Diese sind dann auch dort in einem Feed sichtbar, wo alles einfließt und der von allen Nachbarn meiner Nachbarschaft gesehen werden kann.

Ich hab auch die Möglichkeit eine Gruppe zu gründen, z.B. wenn ich ein bestimmtes Interessengebiet hab, von der Lokalpolitik zum gemeinsamen Joggen oder den Schülerabend.

Es gibt eine Übersichtsseite mit einer Karte, die heißt „Deine Nachbarschaft“. Dort sollen in Zukunft Points of Interest – super Bäcker, Kita oder auch Historisches über die Nachbarschaft - eingetragen werden. Damit kann man die Nachbarschaft entdecken, wenn man z.B. neu ist.

Es gibt in vielen Nachbarschaften eine Handvoll Leute, die schon sehr lange in ihrem Kiez leben und die wahnsinnig viel wissen. Dieses Wissen soll für andere Nachbarn zugänglich gemacht werden. In manchen Nachbarschaften werden jetzt schon Kiezspaziergänge angeboten, wo die Nachbarn sagen, Mensch ich zeig euch mal unsere Nachbarschaft.

BerlinOnline: Es gibt also sogenannte Kiezspezialisten?

Ina Brunk: Ja, teilweise schon. Manchmal werden sie von alleine aktiv oder es ergibt sich etwas bei einem Stammtisch, wenn jeder ein bisschen erzählt.
Nebenan.de bemüht sich aber auch, besonders engagierte Nachbarn auszumachen und mit ihnen in Kontakt zu treten. Für diese besonders engagierten Nachbarn haben wir ein eigenes kleines Forum geschaffen, wo sie sich untereinander austauschen können. Über das Forum können wir schöne Ideen in einer Nachbarschaft entdecken, die dann von engagierten Nachbarn in weitere Nachbarschaften weitergegeben werden. So finden diese ganzen Ideen, die so im Kleinen entstehen, auch ein bisschen Verbreitung.

BerlinOnline: Es passiert also viel in den Communities?

Ina Brunk: Ja. Die kritische Masse liegt bei 100 Nachbarn. Dann nimmt die Nachbarschaft so richtig Fahrt auf. Dann passiert es, dass wenn ich z.B. nach einer Bohrmaschine frage, es immer einen gibt, der eine hat. Und auch diese Vielfalt, die stattfindet, von praktischen Dingen adhoc „Ich suche was“, „Ich hab was“, „Kann ich mir etwas ausleihen“, bis hin zu diesem Gemeinschaftlichen. Das hätte ich mir vorher nicht ausgemalt, dass der Bedarf da so groß ist.

BerlinOnline: Welche Leute machen mit. Ist die Nachbarschaft durchmischt? Betrifft es alle Generationen? Oder sind es eher die Singles oder Bedürftigen, die sich da hauptsächlich eintragen?

Ina Brunk: Wir fragen kein Alter ab, das ist keine Plicht bei uns, aber wir sehen, dass es bunt gemischt ist, was die Generationen betrifft. Das finde ich total genial, weil dieser generationenübergreifende Austausch heutzutage nirgendwo mehr stattfindet. Man bewegt sich immer in seiner eigenen „Bubble“. Wenn man Künstler ist, ist man mit befreundeten Künstlern unterwegs. So ist es auch in Berufswelten. Auf der Plattform ist es so, dass plötzlich ganz viele spannende Leute aufeinandertreffen.
Wir sehen schon, dass bestimmte Gruppen besonders gut vertreten sind. Das sind junge Leute und Familien mit kleinen Kindern deren Thema „Sesshaft werden“ ist, wo das direkte Umfeld ja eine Rolle spielt.
Auch in der Gruppe 55+ entsteht sehr viel. Das sind Leute, die vielleicht schon lange in der Nachbarschaft leben, eventuell ein bisschen den Anschluss nach Draußen verloren haben. In dieser Gruppe finden viele Treffen statt. Diese Nachbarn geben Nachhilfe, Klavierunterricht oder Stricken zusammen.

BerlinOnline: Wie sieht es mit Community-Mitgliedern mit Migrationshintergrund aus? In vielen Kiezen ist der Anteil sehr groß. Gibt es da Kontakte? Könnt Ihr diese Mitbürger für die Plattform gewinnen? Oder ist das schwierig?

Ina Brunk: Das würde ich mir persönlich noch viel mehr wünschen. Wir sind in ganz Berlin vertreten. Da sind Bezirke, wie Neukölln dabei, wo der Anteil an Menschen mit Migrationshintergrund sehr hoch ist. Aber wenn man die Zahlen genauer betrachtet, sind auf unserer Plattform im Verhältnis tatsächlich weniger angemeldet, als tatsächlich im Bezirk wohnen. In dieser Gruppe ist das Familienverhältnis ganz anders. Der Familienzusammenhalt ist da so stark, dass das Thema Nachbarschaft gar nicht so präsent ist. Das ist das eine. Das andere ist die Sprache. Die Plattform ist auf Deutsch. Manchmal schreibt jemand etwas auf Englisch. Aber auf Türkisch oder in einer anderen Sprache geschieht das noch nicht so häufig.
Worüber wir uns auch Gedanken machen, zumindest schon erste Schritte gegangen sind, ist Integration über Nationalitäten hinauszudenken. Gerade jemand, der z.B. gehbehindert oder sehbehindert ist, für den ist Nachbarschaft auch extrem wichtig. Unsere Seite ist für Sehbehinderte schon auf einem ganz guten Level lesbar und Beiträge können erstellt werden.

BerlinOnline: Gibt es eine Begrenzung der Nachbarschaft, also können es zu viele Nachbarn werden und dann wird eine neue Community aufgemacht?

Ina Brunk: Das hatten wir bis jetzt noch nicht. Wir haben Nachbarschaften, die bewegen sich rund um die 600 Nachbarn, das sind momentan die größten. Davon gibt es in Berlin zwei bis drei, im Winsviertel, im Samariterkiez, auch in anderen Städten wie in München und Hamburg. Es gibt auch andere Städte, wo es sehr große Nachbarschaften gibt. Wir haben aber noch nicht festgestellt, dass sie zu groß sind.

Die Herausforderung ist dann eher, dass es übersichtlich bleibt. Wir haben ganz neu eingeführt, dass die Plattform über Schlagwörter läuft. Es gibt eine Suchmaschine. D.h., wenn man Bohrmaschine eingibt, finde ich alle Nachbarn, die eine anbieten. Alles, was man seiner Nachbarschaft anbietet, wie z.B. Einkaufshilfe oder Bücher verleihen, kann man beim eigenen Profil eintragen, genauso wie seine eigenen Interessen und Fähigkeiten. Diese Einträge können durchsucht und gefunden werden.

BerlinOnline: Wie werden die Grenzen der Nachbarschaft festgelegt?

Ina Brunk: Wir starten eine neue Nachbarschaft, wenn es ein, zwei Nachbarn gibt, die gerne eine Nachbarschaft haben möchten. Wir achten auf eine gute Größe und wie das Gebiet historisch gewachsen ist. Wir würden z.B. den Graefekiez nicht teilen, nur weil er groß ist. Jeder identifiziert sich doch mit seinem Kiez.

BerlinOnline: Was passiert dann, wenn eine neue Nachbarschaft angelegt wurde. Wer organisiert die weiteren Nachbarn?

Ina Brunk: Wenn sich jemand anmeldet, der engagiert ist, legen wir ihm nahe, dass er sich ein paar Mitstreiter sucht. Dann kann man sich einen Einladungszettel von unserer Plattform als pdf selbst ausdrucken und verteilen. So haben wir auch in unserer eigenen Nachbarschaft angefangen. Es gibt immer wieder Nachbarn, die sagen, ach das mach ich mal in meiner Straße, ich geh sowieso mit dem Hund.
In vielen Fällen leisten wir aber eine sogenannte Starthilfe. Bei Nachbarn, die sich das wünschen und das bei uns bestellen, helfen wir und verteilen die Einladungen.

Berlin ist eigentlich schon ziemlich gut erschlossen. Es gibt nur noch wenige weiße Flecken. Wir haben eine Funktion, die nennt sich angrenzende Nachbarschaften. D.h., selbst wenn sich noch nicht so viele Leute für eine neue Nachbarschaft finden, kann nebenan.de angrenzende Nachbarschaften dazuschalten und so den Radius erweitern. Dadurch werden von Anfang an auch deren Aktivitäten und Beiträge angezeigt.

Wenn kein Bedarf oder Wunsch für eine neue Nachbarschaft geäußert wird, dann legen wir auch keine Nachbarschaft an. Das bringt nichts, weil man dann eine tote Community hätte.

BerlinOnline: Ist es in Deinen Augen nicht auch eher Aufgabe der Immobilienbesitzer, Architekten oder Wohnungsbaugenossenschaften, der Anonymität der Stadt z.B. mit einem Gemeinschaftsraum in den Häusern entgegenzuwirken?

Ina Brunk: Wir haben tatsächlich Kontakt zu öffentlichen Einrichtungen oder Behörden. Wir merken, dass sich Städte momentan sehr viel mit dem Thema beschäftigen. Auch von Wohnungsbaugenossenschaften kommen immer mal wieder Anfragen. Für die ist das ein großes Thema, weil sie ein großes Interesse daran haben, dass ihre Wohnsiedlung gut funktioniert, dass es dort sicher ist, dass man sich kennt, dass man lange da wohnen kann, auch als älterer Mensch.

Wir glauben daran, dass eine Plattform wie nebenan.de, die etwas von unten heraus entstehen lässt, auch viel bewirken kann, vielleicht auch als Signal an alle, die sich öffentlich damit beschäftigen.

Wir haben z.B. eine Nachbarschaft in Tiergarten-Süd, wo ein relativ großes Gebiet an Neubau-Wohnungen entstanden ist. Bewohner der Neubausiedlung haben über nebenan.de als Gruppe zusammengefunden und dann für ihre neue Siedlung ein kleines Fest veranstaltet. Das war gleich eine gute Möglichkeit, sich auszutauschen.

Es gibt Nachbarschaften, die jeden Monat einen Stammtisch machen. Da sie immer ins gleiche Café oder in den gleichen Biergarten gehen, kann man als Nachbar einfach dazu kommen, muss aber nicht. Da steckt kein Zwang dahinter. Auf diese Weise funktioniert die Nachbarschaft auch offline.

BerlinOnline: Gibt es besondere Geschichten, die Euch begeistert haben?

Ina Brunk: Diese gibt es jeden Tag aufs Neue. Manchmal sind es kleine Dinge, manchmal sind es Dinge, die einen wirklich anrühren. Wenn man z.B. mitbekommt, dass Menschen generationenübergreifend zusammenfinden. Ich hatte da so einen Fall: Ich habe mit einer Frau telefoniert, die sehr schwer sehbehindert ist. Normalerweise kümmert sich ihr Mann um alles. Dann aber ist auch er erkrankt und seine Frau hat über nebenan.de um Hilfe gebeten. Da ging es ums einkaufen und ums Gassi gehen mit dem Hund. Aus dieser Anfrage entstand eine Freundschaft zu einem 30 Jahre jüngeren Paar. Die Frau erzählte, „da hat man mal eben das Gassi gehen abgenommen oder hat zum Grillen eingeladen und dann haben die noch einen Tisch gesucht. Wir hatten einen auf dem Dachboden stehen,…“ Das ist schön, wenn das plötzlich so vielschichtig wird. Eben wenn aus Fremden Nachbarn werden und dann auch Freunde.

Aber auch die kleinen Hilfen sind wunderbar. Da hat z.B. ein Mann aus Halensee gesagt, er geht jeden Tag zum Friedhof um Blumen zu gießen und dann meinte plötzlich ein anderer, „ja ich auch, wollen wir uns nicht abwechseln?“ Das macht ja Sinn, weil man dann nicht jeden Tag hingehen muss, man kann sich aber auch mal treffen.
Also es gibt unzählige Geschichten, die Spaß machen.
Da möchte z.B. einer am Ostkreuz ein Floß bauen. Er hat angefragt „Wer hat noch Lust“? Da haben sich ganz viele Leute gemeldet. Da muss ja schon auch viel Wissen zusammenkommen. Der eine hat vielleicht gute Kontakte, um an Material zu kommen, der andere bringt eigene Erfahrungen mit. Und wieder andere haben einfach nur Lust mitzumachen. Das finde ich schön, wenn solche Dinge entstehen.

BerlinOnline: Gibt es Beispiele dafür, dass Nachbarn über das Netzwerk gemeinsam versuchen, Interessen für die Entwicklung im Bezirk durchzusetzen, z.B. beim Thema Stadtentwicklung oder Gentrifizierung?

Ina Brunk: Das wünschen wir uns, aber in Deutschland ist das noch nicht so ausgeprägt wie z.B. in den USA. Es gibt ein Beispiel aus Hamburg. Da gab es ein ganz hässliches Rondell. Das wurde dann in Abstimmung mit dem Gartenamt begrünt. Es wurde sogar erlaubt, dass die dort stehenden Poller weggenommen werden. Da fand tatsächlich eine gute Kommunikation unter den Nachbarn und dem Gartenamt statt.
Ich glaube Vieles wird noch nicht zu Ende geführt, aber es wird zumindest schon in der Community diskutiert, wie z.B. eine Tempo 30 Zone oder gewisse Dauerbaustellen. Vor allem werden Informationen weitergegeben. Aber auch da ist noch Luft nach oben.

BerlinOnline: Werdet Ihr von den Nachbarn als Ansprechpartner wahrgenommen?

Ina Brunk: Wir sind da, wenn jemand Fragen hat. Wir sind direkt und schnell erreichbar - per e-mail und per Telefon. Uns werden auch gerne schöne Geschichten erzählt, weil die Leute oft dankbar sind, dass sich etwas so plötzlich ergeben hat. Das freut auch uns und wir teilen das mit dem ganzen Team. Gerade wenn man mal einen schlechten Tag hat, tut es gut, solche Geschichten zu hören. Dann ist der Ärger schnell wieder weg. Ansonsten versuchen wir in das alltägliche Geschehen nicht einzugreifen.

Wir haben uns selbst am Anfang Gedanken gemacht, was uns wichtig ist, wie es auf der Plattform zugehen soll und haben drei goldene Regeln aufgestellt: dass es bei uns nett, ehrlich und hilfsbereit zugehen soll. Das wird eigentlich in den meisten Fällen auch so eingehalten. Die Nachbarn wissen, 'Wir sind uns räumlich nah. Wir könnten uns theoretisch auf der Straße begegnen und ich kann mich nicht hinter einem Pseudonym verstecken. Ich kann mich nicht mit A.B. anmelden und keiner weiß, wer ich bin, sondern ich bin halt die Frau Müller'. Das ist ein ganz entscheidender Faktor, der das Nachbarschaftsnetzwerk nebenan.de von Facebook unterscheidet

Bei uns begrüßt man sich, bedankt sich, es wird auch diskutiert, aber man fängt nicht sofort an, Leute einfach grundlos anzupöbeln. Das lässt einen wieder an das Gute im Menschen glauben.

BerlinOnline: Vielen Dank für das Gespräch Ina.

Quelle: Monika Haider