Drogen-Aufklärungshefte von Fixpunkt
Drogen-Aufklärungshefte von Fixpunkt Patrick Diekmann

Cannabis, Ecstasy & Heroin: BerlinOnline spricht mit dem Fixpunkt-Sozialarbeiter Ralf Köhnlein über Drogenkonsum, den Görlitzer Park und über die Berliner Partyszene

Stichwort: Drogen

BerlinOnline: Wie können Sie Ihre Arbeit bei Fixpunkt beschreiben?

Köhnlein: Ich bin seit 2009 Sozialarbeiter bei Fixpunkt. Wir fahren mit den Mobilen zu verschiedenen Szenetreffpunkten und leisten Hilfestellungen - eine unkomplizierte Hilfe vor Ort mit einem „akzeptierenden“ Ansatz. Das heißt, die Drogenkonsumierenden dürfen zu uns kommen und es gibt keinen „Clean-Anspruch“. Wir gucken welche Unterstützungsmöglichkeiten wir weitervermitteln können, haben Kontakte zum gesamten Hilfesystem und bieten eine medizinische Versorgung im Gesundheitsmobil an. Wir versuchen über die Infektionskrankheiten HIV und Hepatitis aufzuklären. Besonders Hepatitis C ist sehr verbreitet in der Drogenszene. Neben der mobilen Präventivarbeit sind wir auch in den Berliner Clubs unterwegs, klären über die Partydrogen auf und machen Risikoreduzierung mit einem „Partypack“.

BerlinOnline: Auf Basis Ihrer Erfahrungen: Wie sehen Sie die Entwicklung des Drogenkonsums in Berlin?

Köhnlein: Bei jungen Generationen gibt es ganz andere Substanzen die mittlerweile eine Rolle spielen: Synthetische Drogen, vor allem die aufputschenden Substanzen werden immer beliebter in der Partyszene. Bei Heroinkonsumenten gibt es eine Überalterung in der Berliner Drogenszene. Also die Leute werden immer älter, da sie auch die Substitutionen bekommen. Neben dem Heroin- und dem Kokainkonsum ist auch der Alkoholkonsum ein immer größeres Problem. Wir beobachten oft die Verlagerung der Sucht – die Leute bekommen Opiate beim Arzt und beginnen begleitend das Trinken. Unter den Jungen sind eher synthetische Drogen relevant.

BerlinOnline: Was für Menschen kommen auf Sie zu?

Köhnlein: Wir haben sehr gebildete Menschen, die irgendwann abhängig geworden sind. Wir haben Menschen, die aus schwierigen Lebensverhältnissen kommen und einige haben wirklich Traumata hinter sich und konsumieren, um mit ihrem persönlichen Schicksal leben zu können. Es gibt aber nicht den klassischen Konsumenten.

BerlinOnline: Bei jungen Menschen werden die sogenannten „Partydrogen“ immer beliebter. Wie gefährlich ist diese Tendenz?

Köhnlein: Die jungen Menschen werden nicht durch entsprechende Hilfsangebote erreicht. In dem Bereich wird zu wenig gemacht. Es ist wichtig, dass auch hier eine Aufklärung stattfindet – über die Substanzen und das Risikopotential. Es gibt immer wieder neue psychoaktive Substanzen, die als sogenannte „legal Highs“ auf den Markt kommen. Dort geht man fälschlicher Weise davon aus, dass sie ungefährlich sind.

BerlinOnline: Wie ist das Suchtpotential dieser Substanzen?

Köhnlein: Das Suchtpotential dieser Substanzen ist sehr unterschiedlich. Vom Abhängigkeitspotential ist Crystal ein sehr verbreitetes Thema. Aber das ist eher in den Medien und nicht in der Berliner Partyszene verbreitet. Im Berliner „Partysetting“ sind vielmehr Cannabis, Speed, Ketamin und MDMA die beliebtesten Drogen. Aber Alkohol steht immer noch an erster Stelle.

BerlinOnline: Ihr Bus in Kreuzberg ist nicht weit vom Görlitzer Park entfernt. Wie bewerten Sie die polizeilichen Interventionen dort in letzter Zeit?

Köhnlein: Da die Polizei im Görlitzer Park aktiv ist, ist natürlich weniger Polizei am Kottbusser Tor. Durch ordnungspolitische Maßnahmen verändert sich die Lage nicht groß. Sie wird nur temporär verlagert und verlagert sich dann oft wieder zurück. Einige Menschen gehen dann auch einfach in den Görlitzer U-Bahnhof, wenn Maßnahmen im Park stattfinden. Eine Verlagerung der Dealer aus dem Görli zum Kottbusser Tor konnten wir bisher aber nicht feststellen.

BerlinOnline: Hat sich Ihre Arbeit dadurch verändert, dass Drogen mittlerweile einfach über das Internet zu bestellen sind?

Köhnlein: Letztlich ist das ja nur eine Folge der Illegalisierung der Substanzen. Die Menschheit passt sich immer an die Rahmenbedingungen an. Die Problematik aus gesundheitlicher Sicht ist, dass das Risikoprofil der Substanzen, die über das sogenannte Darknet vertrieben werden, überhaupt nicht bekannt ist. Neben- und Langzeitwirkungen werden wir erst in 20 bis 30 Jahren erkennen können. Die oft jungen Menschen, die über diesen Weg Drogen bestellen, sind oft nicht gut genug aufgeklärt. Die Verfügbarkeit ist aber nicht das Problem. Es gibt in jeder Kultur Drogenkonsum, der mehr oder weniger problematisch stattfindet. Die Frage ist nur, wie die Kultur mit dem Drogenkonsum umgeht. Das würde ich nicht an dem Stellenwert „legal“ oder „illegal“ messen. Das Wissen über die Droge und die Art und Weise des Konsums sind wichtiger. Beispiel Alkohol: Sich möglichst schnell zu betrinken ist eine völlig andere Konsumkultur, als am Abend ein Glas Wein beim Essen zu trinken und dementsprechend ist auch das Gefahrenpotential unterschiedlich.

Sozialarbeiter Ralf Köhnlein von Fixpunkt Patrick Diekmann
Sozialarbeiter Ralf Köhnlein von Fixpunkt

BerlinOnline: Ist die Einfachheit, beispielsweise in Berlin an Ecstasy zu kommen, nicht problematisch?

Köhnlein: Problematisch ist, dass Ecstasy mit einem Haufen Streckmitteln verkauft wird. Da sind diverse Substanzen beigemengt, die bis zum körperlichen Kollaps führen können. Die Illegalisierung der Substanzen führt letztendlich dazu, dass sie in einer hochriskanten Form abgegeben werden. Wieder der Vergleich zum Alkohol: Wenn ich eine Flasche Bier kaufe, dann kann ich sicher sein, dass sie nach dem deutschen Reinheitsgebot gebraut wurde. Bei Ecstasy müssen die jungen Leute wissen, dass die Pillen momentan sehr stark dosiert sind. „Eine halbe Pille zum Antesten“ ist nicht nur ein Spruch. Außerdem sollte man darauf achten, zwei unbekannte Substanzen nicht zu vermischen. Ein großes Problem ist der Mischkonsum.

BerlinOnline: In gewissen Fachkreisen gelten Cannabis und sogenannte Partydrogen als Einstiegsdrogen für härtere Substanzen. Können Sie dies auf Basis Ihrer Arbeit bestätigen?

Köhnlein: Nein, dafür gibt es keine Anhaltspunkte. Die meisten Menschen haben eigentlich einen sozial-integrierten Konsum, wenn es um Hasch und Ecstasy geht. Sie gehen in einer bestimmten Lebensphase am Wochenende feiern und haben meistens einen unproblematischen Konsum. Nur wenige Menschen, die Konsumerfahrung haben, werden süchtig. Diejenigen, die süchtig werden, haben aber oft einen problematischen Familienhintergrund oder möchten mit den Drogen traumatische Erlebnisse verarbeiten.

BerlinOnline: Was würden Sie jungen Menschen, die in Berlin feiern gehen und Drogen konsumieren, raten?

Köhnlein: Erholungspausen zwischen den Konsumvorgängen, ausreichend Schlaf, gesunde Ernährung und viel Wasser trinken. Ganz wichtig ist, dass Freunde aufeinander achten sollten. Wenn es um Psychedelika geht, sollte immer jemand nüchtern bleiben, um auf den Rest aufzupassen. Es sollten auch mal mehrwöchige Konsumpausen eingelegt werden. Das sind so die Standards, die wir den Leuten mitgeben.

BerlinOnline: Wird ihre Präventivarbeit ausreichend von der Politik unterstützt?

Köhnlein: Es gibt Unterstützung, auch finanzielle. Aber natürlich gibt es immer einige Wünsche und Probleme, die wir auch ansprechen. Wir haben aktuell viele Menschen, wo der Krankenversicherungsstatus nicht geklärt ist. Da ist es schwierig, die passende medizinische Versorgung zu vermitteln. Da sind Menschen, die teilweise mit Drogen- und Gesundheitsproblemen nach Berlin migriert sind. Trotzdem leben sie hier, weil Berlin lebenswerter ist, als der Kontext aus dem sie kommen. Durch die nicht vorhandene soziale Absicherung ist es für uns schwierig, eine geeignete Hilfe zu organisieren. Wir kämpfen außerdem schon seit Jahren für ein Drug-Checking, wobei die Konsumenten ihre Drogen auf Sauberkeit testen können. Das ist in Berlin aber leider immer noch nicht möglich.

BerlinOnline: In der Politik gibt es immer wieder Stimmen, die eine Legalisierung von Drogen fordern. Wie stehen Sie dem gegenüber?

Köhnlein: Ich spreche mich für eine regulierte Abgabe aus. Dabei sollen Drogen nicht unkontrolliert auf den Markt geworfen werden. Es gibt ja schon das Modell, dass in Berlin beispielsweise Heroin an Schwerstabhängige ausgegeben wird. Bei dieser Substanz ist es sinnvoll, weil die Menschen bei Heroin in der Regel an Überdosierungen, an den Umständen ihrer Sucht und an dem Streckmittel sterben. Aus gesundheitlicher Perspektive macht auch ein regulierter Verkauf von Drogen Sinn. Wenn die Menschen unter Aufsicht Drogen konsumieren, ist eine sofortige Hilfe im Notfall möglich. Außerdem ist es für uns Sozialarbeiter bei einer Regulierung einfacher, mit den Konsumenten in Kontakt zu kommen und zu intervenieren.

Das Interview führte Patrick Diekmann.


Einen Kommentar zu den Polizei-Interventionen im Görlitzer Park finden Sie hier. 

Quelle: BerlinOnline/Patrick Diekmann
(Bilder: Patrick Diekmann)