Diana Marossek
Diana Marossek Thomas Schubert

Ghettosprache: Verkommt die deutsche Sprache?

Wann: 9. März 2016 – 9. März 2016

Stichworte: Termin Kultur Literatur Berlin-Bücher

«Ich bin noch Büro.» In Eile hat wohl schon so mancher eine solche SMS verschickt. Tatsächlich breitet sich ein solches Kurzdeutsch inzwischen auch in der Alltagssprache aus, wie die Sprachforscherin Diana Marossek feststellt.

Preisgekrönte Dissertation

Am 01. Februar 2016 ist das Buch "Kommst du Bahnhof oder hast du Auto?" von Diana Marossek im Verlag Hanser Berlin erschienen. Es geht aus der Doktorarbeit der Sprachforscherin über den Sprachwandel im Deutschen hervor. Diese brachte ihr den zweiten Preis des Deutschen Studienpreises 2014 in der Sektion Geistes- und Kulturwissenschaften der Körber Stiftung ein und erfuhr enorme Medienresonanz.

Wer spricht die "Ghettosprache"?

Ziel ihrer Dissertation war es herauszufinden, wer die als "Türkendeutsch", "Ghettosprache" oder "Kiezdeutsch" in der Öffentlichkeit und den Medien stigmatisierte Sprache überhaupt spricht, wodurch sie gekennzeichnet ist, warum sich die Jugendlichen dieses Jargons bedienen und ob er in die Berliner Umgangssprache auf Dauer einfließen könnte.

Studie an 30 Berliner Schulen

Dr. Diana Marossek hat für ihre Studie insgesamt an 30 Berliner Schulen recherchiert und in 75 Unterrichtsstunden 1395 Schülerinnen und Schüler beobachtet. Ausgegeben hat sie sich als Referendarin, um den authentischen Sprachgebrauch der Jugendlichen in ihrem sozialen Umfeld untersuchen zu können. Die Schüler waren Acht- und Zehntklässler, also 13 bis 14 und 16 bis 17 Jahre alt. Studien in Testlabors oder direkte Befragungen schieden aus, um den natürlichen sprachlichen Umgang der Jugendlichen nicht zu beeinflussen.

Erkenntnisse aus dem Buch

«Kommst du eigentlich nachher mit Kino?» Der Satz, so erzählt es Diana Marossek, brachte das Fass zum Überlaufen. Als jemand der Berliner Sprachwissenschaftlerin diese Frage stellte, fiel ihr auf, wie oft in ihrem Bekanntenkreis eine Sprache verwendet wird, die sie Kurzdeutsch nennt.
«Seltsamerweise sah kein Mensch einen Anlass, derlei verkürzte Sätze zu korrigieren», schreibt sie in ihrem Buch.

Kiezdeutsch in allen Schichten

In der Praxis heißt das: Der Artikel oder die Kombination aus Präposition und Artikel wird weggelassen. Heraus kommen Sätze wie «Ich bin noch Büro» oder «Er hat Tor geschossen». Die Forscherin, die sich dem Thema bereits in ihrer Doktorarbeit widmete, versuchte daher zu ergründen, warum inzwischen so viele in breitestem Kiezdeutsch reden. Denn: Den vermeintlichen Fehler machen demnach inzwischen längst nicht mehr nur Migranten, sondern Deutsche aus allen sozialen Schichten. Die Frage ist nur: warum?

Jugendlich wirken

«Das liegt auch daran, dass solche Ausdrücke zitiert werden, wenn sich jemand jugendlich geben will», erklärt der Direktor vom Institut für Deutsche Sprache, Ludwig Eichinger. «Nicht bloß bei jungen Leuten mit Migrationshintergrund, sondern auch bei deutschen Muttersprachlern, die sich jugendlich geben wollen.»

"Vorbild" soziale Medien

Ein weiterer Faktor seien soziale Medien. «Wenn es stark auf Kürze ankommt, ist die Wahrscheinlichkeit groß, dass solche Strukturen eine Rolle spielen», erklärt er. «Da sind Geschwindigkeit und Zeichenzahl wichtig. Da lässt man weg, was nicht unbedingt nötig ist.»

Auch Akademiker nutzen "Ghettoslang"

Das hat auch Sprachforscherin Marossek festgestellt. «Es gibt immer eine formelle und eine informelle Sprache», sagt sie. In einem Chat wie bei Facebook und WhatsApp gebe es keine Vorgaben. «Man chattet mit seiner Mutter wie mit seinem Kumpel.» Das habe auch dazu beigetragen, dass in bestimmten Situationen selbst Akademiker in einer Art "Ghettoslang" kommunizierten.

Verbreitet auch im Lehrerzimmer

Marossek beobachtete inkognito an Berliner Schulen aller Formen die Sprache von Schülern und Lehrern. Sogar im Lehrerzimmer hörte sie Folgendes: «Welches Kino geht ihr denn?» - «Wir gehen Titanium.»

Marossek: «Je verbreiteter diese vereinfachte Art zu sprechen unter Jugendlichen ist, desto mehr Einfluss übt sie nach und nach auf Erwachsene ohne Migrationshintergrund aus, die beruflich oder anderweitig viel mit ihnen zu tun haben», erklärt sie. «Die Lehrer nehmen das natürlich dann mit nach Hause und so verbreitet sich das.»

Einfluss des Türkischen und regionaler Dialekte

Aber wie kam das Phänomen überhaupt auf? «Als Entstehungsfaktor für das Weglassen von Artikeln und Präpositionen sehen sprachwissenschaftliche Studien den Einfluss des Türkischen», erklärt Melanie Kunkel aus der Dudenredaktion. Dort gebe es nämlich keine Artikel oder Präpositionen. Zugleich komme Kurzdeutsch hierzulande auch in regionalen Dialekten vor. «Ich bin auf Arbeit» sei in Berlin beispielsweise schon lange gebräuchlich. Auch «Ich bin in Urlaub» dürften manche kennen.

Ost-Berliner Schulen nutzen eher Berlinerisch

Diana Marossek ist auf das Phänomen des Weglassens der Artikel und Präpositionen zwar an allen 30 Schulen gestoßen, aber vorwiegend taucht es an Haupt- und Realschulen in den westlichen Bezirken auf.

Für die Ost-Berliner Schulen konstatiert die Soziolinguistin einen stärkeren Gebrauch des Berlinerischen, jedoch gepaart mit einem problemlosen und ganz selbstverständlichen Beimischen ethnolektaler Formen.

Teile der Kurzsprache bleiben möglicherweise

Für Marossek ist das ein Indiz, dass die reduzierte Syntax, also Sätze wie „Hast du Edding?“, „Alex, du Spast, gehst du wieder heimlich Plus?“, „Klar, man. Hinterher geh ich wieder Döner“ oder „Muss ich Quark Kirschen tun oder Kirschen Quark?“ bald auch in die Berlinische Alltagssprache Eingang finden oder zumindest Teile davon, sozusagen sozialisiert wird.

Marossek hält jedoch mit Blick auf die Verbreitung auch noch andere Szenarien für möglich: Das Kurzdeutsch verschwindet wieder oder es bleibt ein Phänomen einer Generation

Bewusster Umgang mit Kurzdeutsch

Sorge, dass Lehrer den Kindern die falsche Grammatik beibringen, muss aber niemand haben. «Wendungen wie «Kommst du Bahnhof?» werden von den Sprechern selbst als umgangssprachlich empfunden», betont Kunkel vom Duden. «Die meisten Menschen, die sie verwenden, sind durchaus in der Lage, situationsabhängig in die Standardsprache zu wechseln.»

Informationen zu Frau Marossek

Diana Marossek wurde 1984 in Berlin geboren. Diana Marossek leitet ihren eigenen Kinderbuchverlag sowie mit ihrem Partner die Firma Street Art Berlin. (Quelle: Carl Hanser Verlag)

Gruppenspezifische Anwendung

Eingesetzt werde dieses sprachliche Mittel, um sich innerhalb einer Gruppe zu profilieren, gegenüber allen anderen Gruppen abzugrenzen, zur gruppentypischen Imagepflege und von deutschen Schülern auch zur Profilierung gegenüber der türkisch-arabischen Jugendkultur beziehungsweise zu deren spielerischen Abwertung.

Zum Thema

Veranstaltung mit Diana Marossek

Was: Diana Marossek: "Kommst Du Bahnhof oder hast Du Auto?" (im Rahmen des Science Slam)
Wann: 09. März 2016, 20:30 Uhr
Wo: Lido
Cuvrystr 7
10997 Berlin

Lido

Adresse: Ghettosprache: Verkommt die deutsche Sprache?
Cuvrystrasse 7
10997 Berlin

Interviews mit Frau Marossek


Info

Ethnolekt - von griech. ethnos, „Volk“, und legein, „sprechen“) ist ein Sammelbegriff für sprachliche Varianten bzw. Sprechstile, die von Sprechern einer ethnischen (eigentlich: sprachlichen) Minderheit in einem bestimmten Sprachraum verwendet und als für sie typisch eingestuft werden. (Quelle: Wikipedia)

Quelle: dpa/TU Berlin/Hanser Berlin/Wikipedia