Andrej Holm
Andrej Holm ist zu sehen. Foto: Klaus-Dietmar Gabbert/Archiv dpa

Die Rücktrittsforderung an Holm ist heuchlerisch

Stichwort: Politik

Andrej Holm zu diskreditieren ist eine schmutzige Finte der Konservativen und Rechten, die die eigene Geschichte ignoriert.

Berlin steht Kopf. Berlin steht immer Kopf, das ist ja das Besondere an Berlin. Gestern Abend wurde darüber entschieden, ob Andrej Holm weiter als Staatssekretär der rot-rot-grünen Koalition arbeiten darf. Ergebnis: Ja. Er darf. Allerdings unter Vorbehalt. Man wolle eine Überprüfung der Humboldt Universität abwarten. Hier hatte Holm im Personalbogen falsche Angaben zu seiner Vergangenheit und Verstrickungen in das Unrechtssystem der DDR gemacht. Hätte er nicht gelogen, wäre er wohl eher nicht eingestellt worden.

Klar, dass die Rechten weinen

Aber hat er gelogen? Er verweist auf Erinnerungsschwierigkeiten über seine genaue Tätigkeitsbezeichnung damals, als er noch keine 20 war.
Die Sondersitzung der Koalition gestern Abend sollte nun, nach wochenlangen Diskussionen um die Zukunft Holms entscheiden, ob er für die Koalition tragbar ist. Immerhin steht Rot-rot-grün unter Beobachtung der ganzen Bundesrepublik. Klappt die Zusammenarbeit hier, wer weiß, vielleicht kann die SPD doch nochmal einen Kanzler stellen. Dass die Anfangstage aber von einer Personalie überschattet werden, ist deshalb nicht im Interesse der Beteiligten. Von niemandem – außer den Gegnern der letzten sozialdemokratischen Machtoption.

Dass es also nun die Konservativen und die Rechten sind, die besonders laut heulen, um die Vernunft in der Hauptstadt zu übertönen, überrascht nicht. Scheitert Rot-rot-grün in Berlin, hat nur noch die AfD einer Kanzlerschaft Merkels etwas entgegenzusetzen. Also hetzen CDU und AfD zusammen mit der FDP so laut, dass man die Stimmen, die dafür einstehen, dass man sich auf die Politik konzentriert, kaum noch zu vernehmen sind.

Reue, was ist Reue?

Das Abstruse daran ist, dass es doch gerade die CDU ist, die so tief im Glashaus sitzt, dass jeder verbale Stein, den sie gen Linke wirft, auf sie zurückfallen muss. Ob sich die CDU noch an die vielen, vielen NSDAP-Mitglieder erinnert, die später in der Bundesrepublik fette Karriere machten. Wenn da jemand fragte, was die Politiker vor 1945 gemacht hatten, konnten sie sich nicht erinnern oder relativierten, was das Zeug hielt. Dabei richteten sie einen viel größeren Schaden an, als ein Andrej Holm es jemals tun könnte.
Andrej Holm hat immer zugegeben, dass er Scheiße gebaut hat, damals, 1989 und vorher. Früh hat er begonnen zu reflektieren und seine eigene Schuld zu thematisieren. Eine Schuld, die bei Weitem nicht so schwer wog wie die einiger CDU/CSU Politiker.

Natürlich war auch hier häufig von Reue die Rede. Aber wirklich offen zugegeben, wie tief in das Verbrechend er Nazis verstrickt sie waren, hat so gut wie niemand. Heute die politische Karriere eines Mannes zerstören zu wollen, der zwar Fehler gemacht hat, diese aber offen angesprochen und sich auf vielen anderen Wegen rehabilitiert hat, ist heuchlerisch.

Die eigene Nase, bitte sehr

Holm hat sich in der Stadtentwicklung hervorgetan wie sonst nur wenige. Dass er dabei Verbindungen zu zweifelhaften Organisationen pflegt, kann man ihm vorhalten, man kann es aber auch als inklusive Politik verstehen. Die CDU wird nicht ernsthaft erwarten, dass Rot-rot-grün den destruktiven Hardliner-Kampf gegen die Hausbesetzerszene fortführen wird, für die Frank Henkel bekannt ist. Schon weil diese Politik in weiten Teilen der Bevölkerung keine Unterstützung findet.

Statt also zu versuchen, Holm jede Zukunft zu verbauen, sollte man sich an die eigene Nase fassen und überlegen, wie weit Anschuldigungen gehen sollten.
Ähnliches gilt auch für die SPD, denn der mittlerweile verstorbene Großvater der deutschen Spzialdemokratie, Helmut Schmidt, war selbst als Jugendlicher in der SS. Deshalb beurteilt Holm nach seiner Arbeit, nicht nach seiner Vor-Vergangenheit. Am Ende sind es solche Menschen, die es schaffen können, wahre Impulse in der Stadt zu setzen. Und das ist heute notwendiger denn je.

Quelle: Robert Hofmann