Bernau Hussitenfestspiele
Die rote Kapuze über den Kopf und das Richtschwert drohend gezogen, zieht der "Henker von Bernau" durch das Steintor in die Stadt ein. Der martialische Aufzug ist Teil der Hussitenfestspiele in Bernau. picture-alliance / dpa

Bernau: Stadtgeschichte

Bernaus 800 jährige Geschichte ist in der Stadt nur noch an wenigen Orten sichtbar. Dennoch wird sie jährlich beim Hussitenfest gefeiert.

Die Altstadt von Bernau ist von Berlin aus bereits seit 1843 über einen Bahnanschluss erreichbar. Die S-Bahn ist in Bernau sogar aus der Taufe gehoben worden, denn der erste reguläre mit einer Stromschiene betriebene S-Bahn-Zug Deutschlands verkehrte hier am 8. August 1924.

Beim Bahnhof Bernau trifft man direkt auf die Zeugnisse der Stadtgeschichte. Wie in Berlin ist das einzig erhaltene Stadttor heute Wahrzeichen Bernaus. Vom Bahnhof nur eine Straßenkreuzung entfernt, berichtet das Steintor gleich im doppelten Sinne von der Geschichte der Stadt, ist es doch seit 1882 Museum.

Das Tor stammt aus dem 14. Jahrhundert, das Mansarddach mit dem hölzernen Uhrtürmchen aus dem 18. Jahrhundert. Nebenan steht der ältere sogenannte Hungerturm, der zwecks guter Aussicht seit 1994 auch zu besteigen ist. Im Museum sind unter anderem Waffensammlungen und Handwerkskunst ausgestellt.

Die Stadtmauer Bernaus ist bemerkenswert gut erhalten; ursprünglich bestand sie aus einer anderthalb Kilometer langen und etwa acht Meter hohen Feldsteinmauer mit drei Toren und zwei Rundtürmen.

Ein dreifaches Wall- und Grabensystem, nördlich der Mühlenstraße Richtung Schwanenteich erkennbar, schützte zusätzlich vor Angreifern wie den märkischen Raubrittern der Quitzows, den Pommern oder den Hussiten.

Hussitenstadt Bernau

Die Abwehr der Hussiten im Jahre 1432 ist der Grund für den Ehrentitel »Hussitenstadt Bernau«. Wer die Hintergründe nicht kennt, wundert sich, wenn er erfährt, dass es gerade um die Abwesenheit von Hussiten in Bernau geht.

Die Anhänger des böhmischen Reformators Jan Hus zogen brandschatzend durch deutsche Lande und verwüsteten unter anderem die Frankfurter Vorstadt, Strausberg, Müncheberg und Lebus.

Doch die tapferen Bernauer und ihr heißer Brei – angeblich teils aus Braurückständen, wirkungsvoll von der Stadtmauer gekippt – fügten den Hussiten eine Niederlage bei.

Was auch zur Geschichte gehört, ist der Mord an Jan Hus während des Konstanzer Konzils. Trotz der Zusage für freies Geleit wurde Hus 1415 von der katholischen Kirche hingerichtet; er vertrat »ketzerische« Ideen: Er forderte eine Reform von Kirche und Gesellschaft und zugleich mehr nationale Eigenständigkeit der Tschechen.

Die Antwort war der Einmarsch katholisch-kaiserlich-deutscher Truppen in Böhmen. Oberbefehlshaber war zeitweilig Friedrich I., Kurfürst von Brandenburg.

All dies steht eher im Hintergrund, wenn alljährlich im Juni das Bernauer Hussitenfest als großes Mittelalterspektakel gefeiert wird, wenn Hexen tanzen, Ritter und ein Henker auftreten. Zu DDR-Zeiten hieß das Stadtfest friedlich »Parkfest«, denn die Tschechen galten als Brudervolk und die Hussiten als frühbürgerliche Revolutionäre.

Marienkirche und Rathaus

Weniger friedlich ist eine andere Erinnerung an die DDR: Ende der 1970er Jahre wurde die Altstadt Bernaus weitgehend abgerissen. Die modernen neuen Wohnungen in meist vierstöckigen Häusern bewahren zwar in etwa den alten Stadtgrundriss, doch die eintönige Montagebauweise ersetzt natürlich nicht den Charme der früheren Vielfalt.

Trotz allem finden sich noch manche Altbauten, allen voran die Marienkirche.

Die romanischen Rundbögen an der Nordseite datieren von etwa 1200, Apsiskranz und Feldsteinmauerwerk der Westwand entstanden um 1280, der ab 1400 einsetzende Umbau zur Hallenkirche wurde 1519 abgeschlossen. Der 1839 abgetragene alte Doppelturm wurde zehn Jahre später durch die heutige Lösung ersetzt. Der Flügelaltar aus dem Umkreis von Lukas Cranach dem Älteren entstand 1511. Schon diese grobe Baugeschichte zeigt, dass auch diese Kirche, wie so viele ihrer Art, wie ein Geschichtsbuch gelesen werden kann.

Neben dem klassizistischen Rathaus von 1805 zeigt seit 1987 die Stadtsäule einiges zur Stadtgeschichte. Eben dieser widmet sich auch das Museum Henkerhaus in der nach ihm benannten Straße.

Hier wirkte fast 300 Jahre lang der jeweilige Henker von Bernau; heute zeigt die Abteilung des Heimatmuseums neben dem Richtschwert aus dem 16. Jahrhundert auch eine ganz friedliche Bürgerstube. Hexenverbrennungs-, Deserteurs- und Kriegerdenkmäler schaffen in der Umgebung des Henkerhauses eine sehr anregende Gedenklandschaft.

Informationen

Anreise

Bernau ist mit der S-Bahn Linie 2 und der Regionalbahn von Berlin aus zu erreichen.

Mit dem Auto gelangt man über die B 2 oder die A 11 von Berlin nach Bernau.

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