Bei Kindern mit seelischen oder körperlichen Behinderungen wird vermehrt auf die Zusammenarbeit mit Pferden gesetzt.
Seit fast 40 Jahren wird beim Verein zur Förderung der Integration Behinderter Taunus (VzF) in Oberursel Therapeutisches Reiten angeboten. «Seitdem hat sich wahnsinnig viel getan», sagt die Leiterin Konstanze Mann. Früher wurden fast nur körperbehinderte Kinder therapiert, heute hat sich das Spektrum weit ausgedehnt.
Da ist zum Beispiel ein spastisches Kind, das nicht gerade sitzen kann. In den ersten Wochen schaukelt es halb liegend auf dem Pferd durch die Reithalle, dann wird sein Sitz immer aufrechter. Kinder mit Sprachproblemen werden ebenfalls behandelt. Das Pferd hört zu und lacht nicht, wenn ein falsches Wort verwendet oder gestottert wird. Dadurch sinkt bei vielen die Hemmschwelle, und sie beginnen zu reden.
«Stark angestiegen ist in den letzten Jahren der Anteil autistischer Kinder», erzählt Mann. Diese Kinder haben meist Probleme, jemanden anzufassen oder sich selbst berühren zu lassen. In der Therapie laufen sie oft zuerst um das Pferd herum, bis sie es anfassen. Irgendwann ist der Bann zwischen Mensch und Tier gebrochen, das Kind fasst Vertrauen. «Das Tier stellt keine Forderungen, das macht es den Kindern einfacher», fügt Mann hinzu.
Ein Wunderheilmittel für alle Menschen mit körperlichen oder seelischen Krankheiten ist die Reittherapie jedoch nicht. «Entweder es geht gut oder es geht gar nicht», fasst Mann ihre Erfahrungen zusammen. Das sieht auch die Sport- und Bewegungstherapeutin Katharina Alexandridis nicht anders. Sie leitet die Abteilung Sport- und Bewegungstherapie der Klinik Roseneck in Prien am Chiemsee.
Die Therapeutin beschäftigt sich dabei viel mit Menschen mit Ess-Störungen: Auch hier hilft nach ihrer Beobachtung die Begegnung mit dem Pferd. Im Umgang mit diesen Tieren ist Konzentration gefragt, die Körpersprache muss eindeutig sein. Das alles kommt den Patienten zugute. «Oft kreisen ihre Gedanken nur um das Thema Essen. Beim Umgang mit dem Pferd müssen sie mit ihren Gedanken in der realen Welt sein», erzählt Alexandridis.
Sie lässt die Patienten zum Beispiel ein Pferd führen und auf Kommando anhalten. Die Männer und Frauen lernen, ihren Körper einzusetzen und sich wieder in ihm wohlzufühlen. Dass ein so großes Tier rückwärtsgeht, wenn sie ein kleines Zeichen mit der Hand geben, hebt außerdem das Selbstbewusstsein. «Wenn ein Therapeut etwas sagt, wird es manchmal als falsch oder abwertend empfunden. Die Reaktion des Pferdes sehen die Patienten dagegen als wertfrei und nehmen sie daher an», zählt die Therapeutin einen weiteren Vorteil auf.
Die Abrechnung mit den Krankenkassen gestaltet sich aber meist schwierig. «Manchmal hat man Glück», sagt Alexandridis. Ähnliche Erfahrungen hat auch der VzF aus Oberursel gemacht. «In der Regel zahlen die Krankenkassen nichts», sagt dessen Leiterin Mann. Das Problem ist beim Deutschen Kuratorium für Therapeutisches Reiten (DKThR) im westfälischen Warendorf bekannt. Es plant gemeinsam mit der Technischen Hochschule in Aachen eine Langzeitstudie über den Nutzen von Reittherapien. Damit sollen die Krankenkassen von einer Kostenübernahme überzeugt werden.
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