BerlinOnline.de

Magersucht
Wie dünn ist noch gesund? Von Magersucht sind vor allem Mädchen und junge Frauen betroffen. Neue Medien können helfen, Betroffene zu erreichen. © dpa

Magersucht: Therapiehilfe aus dem Internet

Damit Magersüchtige nach einem Klinikaufenthalt nicht in alte Gewohnheiten zurückfallen, bieten Experten Nachsorge-Programme per Internet oder Handy an.

Bei der Behandlung der lebensbedrohlichen Magersucht gehen Ärzte und Therapeuten neue Wege: Mehrere Kliniken bieten Nachsorge-Programme über das Internet oder per SMS an.

Magersüchtigen den Übergang in den Alltag erleichtern

«Die betroffenen Mädchen und jungen Frauen können sich in Selbsthilfe-Foren austauschen und bei Fragen an einen Therapeuten oder Coach wenden», sagt Prof. Martina de Zwaan, Sprecherin des Forschungsverbundes zur Psychotherapie der Essstörungen (EDNET). Die Internet-Angebote sollen den Übergang von der stationären Behandlung zurück in den Alltag erleichtern. «Die Gefahr besteht, zu Hause in alte Gewohnheiten zurückzufallen», sagt de Zwaan.

Magersucht: 50 Prozent werden geheilt

Unter Essstörungen wie Essbrechsucht (Bulimie) oder Binge Eating (krankhafte Ess-Attacken) ist Magersucht die seltenste, aber gefährlichste Krankheit. Bis zu zehn Prozent der Patientinnen, die deswegen stationär behandelt werden, sterben Schätzungen nach an den Folgen. «Die gute Nachricht ist aber, dass 50 Prozent völlig geheilt werden, das ist relativ viel für eine psychische Erkrankung», sagt de Zwaan, Direktorin der Klinik für Psychosomatik und Psychotherapie an der Medizinischen Hochschule Hannover.

Magersucht beginnt in der frühen Pubertät

Viele Mädchen erkrankten mit etwa 13 Jahren an Magersucht, wenn ihr Körper weibliche Formen annehme. Ein zweiter kritischer Punkt sei um den 18. Geburtstag herum die Loslösung vom Elternhaus. Etwa ein Prozent der 13- bis 25-Jährigen sind betroffen. «Allerdings zeigt mehr als jedes fünfte Kind Symptome einer Essstörung», betont die Expertin. 22 Prozent der 11- bis 17-Jährigen haben ein problematisches Essverhalten, wie eine Studie des Robert Koch-Instituts (RKI) ergab.

Online-Beratungen bei Essstörungen

Das Internet bietet Chancen im Kampf gegen Essstörungen. Betroffene schämen sich häufig wegen ihrer Erkrankung und zögern daher lange, Hilfe in Anspruch zu nehmen, wie Prof. Silja Vocks vom Institut für Psychologie an der Universität Osnabrück erläutert. Online-Beratungen können ein erster Schritt aus der Essstörung sein: Sie ersetzen laut Vocks zwar so gut wie nie eine herkömmliche Therapie, hätten sich in diversen Studien aber als gute Unterstützung für die Betroffenen erwiesen.

Magersüchtige leben dauernd Diät

Menschen mit Mager- oder Ess-Brechsucht sind Vocks zufolge sehr hin- und hergerissen zwischen den physischen oder sozialen Folgen ihrer Krankheit und dem Wunsch nach Schlankheit. So litten sie auf der einen Seite unter körperlichen Problemen durch ihren Gewichtsverlust, Konflikten mit ihrem Umfeld oder dem dauerhaften Gedanken an Essen. Andererseits schrecke sie oft die Vorstellung ab, nicht mehr Diät zu halten. Denn Dünnsein sei für ihr Selbstwertgefühl von großer Bedeutung.

Online-Programme wollen Magersüchtigen den Druck nehmen

Online-Programme wie das Angebot «Ess-Kimo», das für Frauen mit Essproblemen unter Vocks Leitung an der Universität Bochum entwickelt wurde, helfen dabei, sich ohne Druck mit der Krankheit auseinanderzusetzen. Im Idealfall erkennen Betroffene dadurch, dass die Essstörung mit ihrer langfristiger Lebensplanung und ihren Wünschen für die Zukunft nicht vereinbar ist und entschließen sich dann zu einer Therapie.

Gefahr im Internet: Pro-Ana-Websites

Allerdings birgt das Internet auch Gefahren für magersüchtige Mädchen. Die Zentralstelle für den Jugendschutz im Internet, Jugendschutz.net, registriert einen stetigen Anstieg von Webseiten, die Magersucht verherrlichen, sogenannten Pro-Ana-Websites. Häufig würden diese von betroffenen Mädchen betrieben, die nicht einsehen, dass sie krank sind. Die fehlende Einsicht sei typisch für die Krankheit, sagt Expertin de Zwaan. Trotz der Risiken hält auch sie die Neuen Medien für ein geeignetes niedrigschwelliges Angebot, um Menschen mit Essstörungen zu erreichen.

Quelle: dpa
(Bilder: Grüne Woche Berlin; dpa)