In der tiefenpsychologisch fundierten Psychotherapie werden verdrängte Konflikte angegangen. Der Therapeut ist dabei aktiver als bei der Psychoanalyse.
Eine aus der klassischen Psychoanalyse abgeleitete Therapieform ist die tiefenpsychologisch fundierte Therapie (TP). Mit der auf Sigmund Freud (1856-1939) zurückgehenden Psychoanalyse teilt die TP die Theorien über das Entstehen von psychischen Krankheiten.
«Symptome wie depressive Verstimmungen treten auf, wenn das Verhalten des Menschen durch innere, unbewusste Konflikte beeinträchtigt wird», erläutert Prof. Rainer Richter, Präsident der Bundespsychotherapeutenkammer in Berlin. Diese Symptome beruhen demnach zumeist auf Erfahrungen in der Kindheit oder Jugend, unter anderem was die Bindung an die Eltern angeht. Als Ursache für psychische Erkrankungen gelten in der TP auch Vernachlässigung emotionaler Art in der Kindheit, Missbrauch, Gewalt und andere ungünstige Lebensbedingungen.
«Die tiefenpsychologisch fundierte Psychotherapie ist eher fokussiert auf Konflikte, die im Alltag obenauf liegen und Schwierigkeiten machen. Im Dialog wird zwischen Patient und Therapeut ein tieferes Verständnis für die Probleme erlangt», sagt die Analytikerin Wendula Walther-Kirst vom Michael Balint Institut in Hamburg. Dort können sich Ärzte und Diplompsychologen in Psychoanalyse und TP weiterbilden.
«In den 1960er Jahren erreichten sozial und politisch engagierte Psychoanalytiker bei den Krankenkassen erstmals, dass Psychotherapie anerkannt und bezahlt wurde», sagt Richter, der auch der Deutschen Fachgesellschaft für tiefenpsychologisch fundierte Psychotherapie vorsitzt. «In diesem Zusammenhang entstand neben der analytischen Psychotherapie auch die tiefenpsychologisch fundierte Psychotherapie, um diese neue Behandlungsmethode flächendeckend anbieten zu können.»
Die TP unterscheidet sich laut Richter von der Analyse in der Anzahl und Frequenz der Therapiestunden. Die Krankenkassen veranschlagen maximal 100 Stunden bei ein bis zwei Terminen in der Woche. Die Patienten sitzen immer, außerdem werden Gruppentherapien angeboten. Bei der klassische Analyse, bei der der Patient meist auf der Couch liegt und mehrmals in der Woche frei über seine Gefühle und Gedanken reden kann, sind zunächst 160 Therapiestunden vorgesehen. Er kommt durchschnittlich dreimal die Woche zum Analytiker.
«Im Gegensatz zur Psychoanalyse bewertet der Therapeut auch einmal Situationen und gibt konkrete Ratschläge», fügt Richter hinzu. «Die Probleme werden strukturierter angegangen, und es wird verstärkt nach Ressourcen geschaut, die den Patienten stützen können, also Dingen und Verhaltensmuster, die ihm gut tun und helfen.» Auch würden Prioritäten bei der Bearbeitung von psychischen Problemen gesetzt, und einzelne Teilaspekte der Persönlichkeit stünden im Fokus der Behandlung, während die Psychoanalyse sich weniger einschränke.
«Hat ein Patient beispielsweise einen starken Selbstwertkonflikt und ein starkes Kontrollbedürfnis, was immer wieder zu psychischen Problemen führt, so wird besprochen, welcher Aspekt vordergründig behandelt werden soll», erklärt Richter, der an der Hamburger Universität Psychotherapeuten ausbildet. Der Therapeut müsse darauf achten, dass sich beide im Verlauf der Therapie immer wieder auf das jeweilige Behandlungsziel zurück besinnen. Dennoch gehe es wie bei einer Psychoanalyse um das Bewusstmachen von unbewussten und verdrängten Konflikten und Gefühlen, beispielsweise Verlustängsten. Thema sei häufig auch, zu lernen, sich in andere Menschen hinein zu versetzen.
Vor allem die Behandlung von leichten bis mittelschweren Depressionen gilt als wissenschaftlich abgesichert, was die Wirksamkeit einer tiefenpsychologisch orientierten Therapie bis zu 80 Stunden betrifft.
«Schwere Depressionen sollten laut Leitlinien der Fachgesellschaften mit einer Kombination aus Antidepressiva und Psychotherapie behandelt werden», sagt Richter. Da reine Psychotherapeuten keine Psychopharmaka verordnen, müssten die Therapeuten dafür sorgen, dass Patienten entsprechende Medikamente etwa von ihrem Hausarzt oder einem Psychiater verschrieben bekämen.
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