BerlinOnline.de

Hypochonder haben große Ängste
Menschen mit Hypochondrie beruhigt der Arztbesuch nur kurzfristig - bald kommen ihnen Zweifel, dass organisch wirklich nichts zu finden ist. © dpa

Hypochondrie: Süchtig nach Krankheit

Hypochonder sind tatsächlich krank- und können geheilt werden.

«Der schon wieder» mag mancher Arzt denken, wenn ein Patient nach kurzer Zeit erneut mit unerklärlichen Beschwerden auftaucht. Klagte der Mann vergangene Woche noch über heftige Brustschmerzen und die Sorge, einen Herzinfarkt erlitten zu haben, sind es heute vielleicht Kopfschmerzen, die ihn einen Hirntumor befürchten lassen. Organisch fehlt ihm nichts, so viel steht fest. Ist er deshalb nur ein «eingebildeter Kranker»?

Jedes Zipperlein wird katastrophisiert

Was auf den ersten Blick komisch anmuten mag, ist eine ernsthaftes Problem: Der Mann simuliert seine Beschwerden nicht, er hat sie tatsächlich. Und er hat massive Ängste- vor Krankheiten. Sorge um die eigene Gesundheit kann zwar überlebenswichtig sein. Doch wer unter Hypochondrie, also Krankheitsängsten leidet, neigt dazu, jedes noch so kleine Zipperlein als Vorboten einer schrecklichen Erkrankung zu interpretieren. Er «katastrophisiert» sie, sagt Prof. Ute Habel von der Deutschen Gesellschaft für Psychiatrie, Psychotherapie und Nervenheilkunde. Bei Hypochondern geht die Erklärung für die Beschwerden in die falsche Richtung, ergänzt Maria Gropalis vom Psychologischen Institut der Uni Mainz.

Körperliche Beschwerden ohne organische Ursache

Arztbesuche dienen dann zwar der Beruhigung- aber nur der kurzfristigen. Denn bald kommen Zweifel an der Diagnose, dass alles in Ordnung ist, und die nächsten Beschwerden lösen neue Ängste aus, die nächsten Arztbesuche folgen. «Sie werden zur Sucht», sagt Thomas Gärtner, Chefarzt der Schön Klinik Bad Arolsen für Psychosomatische Medizin.

Hypochondrie ist eine somatoforme Störung

Hypochondrie gehört zu den sogenannten somatoformen Störungen. Das bedeutet: körperliche Beschwerden ohne ausreichende organische Ursachen. Anfällig sind Menschen mit verschärfter Wahrnehmung und besonderer Wachsamkeit für den eigenen Körper, erläutert Gärtner. Oftmals spielten auch frühere eigene Krankheitserfahrungen oder Erkrankungen bei engen Bezugspersonen eine Rolle. Laut Gropalis haben sie Probleme, gut mit negativen Emotionen umgehen zu können. «Manchmal sind die Ängste auch Ausdruck hoher Stressbelastung.»

Ärzte-Hopping gehört dazu

Wenn Betroffene in psychotherapeutische Behandlung kommen, ist ihnen oft die Bestätigung wichtig, dass sie «nicht verrückt» sind, sagt Gärtner. Denn die Krankheitsangst ist recht beschwerlich, ergänzt Gropalis: «Der normale Krankheitsängstliche schämt sich eigentlich für seine Probleme.» Auch das ist ein Grund, warum er mehrere verschiedene Ärzte aufsucht. Von «Ärzte-Hopping» spricht Habel.

Doch bis Betroffene die richtige Therapie bekommen, vergehen oft Jahre. Sie haben häufig eine Odyssee an Arztbesuchen und mitunter schmerzhafter Diagnoseverfahren hinter sich. Um ihre Ängste besser bewältigen zu können, müssen sie zunächst erkannt haben, dass es sich um eine psychische Störung handelt.

Pro- und Contra-Liste anfertigen

Behandelt wird die Störung mit einer kognitiven Verhaltenstherapie. Eine wichtige Rolle spielt die sogenannte kognitive Umstrukturierung. Die Patienten müssten zur Einsicht kommen, dass es ganz normale Körperreaktionen gibt, sagt Habel. Sie nennt Beispiele: Ein Schwächeanfall etwa könne durch Stress ausgelöst worden sein, und Freude zu Herzstolpern führen- jeweils auch mit gewissem zeitlichen Abstand.

Zum andern sollen die Patienten lernen, Ängste auszuhalten beziehungsweise Dinge in Relation zu sehen. Dazu erstellt Gropalis mit ihnen zum Beispiel eine Pro- und Contra-Liste: «Was spricht dafür, was dagegen, dass ich krank bin?» So sollen «Fehlgewichtungen» erkennbar werden.

Ursachen für Hypochondrie

«Im Gegensatz zu anderen Störungen ist der genetische Faktor bei Hypchondrie wahrscheinlich geringer», sagt Gärtner zu den Ursachen. Umso entscheidender sind äußere Faktoren: Das können traumatische Erlebnisse wie der Tod eines nahe stehenden Menschen sein, ärztliche Fehldiagnosen oder das Lernen am Modell der Eltern, wenn die sehr übervorsichtig und ängstlich waren und immer gleich das Schlimmste befürchtet haben, erläutert Habel.

Rückfälle sind nicht selten

Rückfälle sind zwar möglich und auch gar nicht so selten, wie Habel sagt. Doch wer wegen seiner Störung behandelt worden ist, hat in solchen Momenten Methoden zur Hand, um nicht wieder in den alten Teufelskreis zurückzufallen, sondern seine Angst wieder in den Griff zu bekommen.

Wenn die Seele schmerzt dpa

Somatoforme Störung mit Verhaltentherapie heilen

Schmerzen und Beschwerden, aber der Arzt findet keine Ursache? Meist ist es eine somatoforme Störung, die psychotherapeutisch behandelt werden kann. Mehr

Quelle: dpa
(Bilder: dpa; Grüne Woche Berlin)