Bei der Auswahl von ambulanten Pflegediensten sollte man genau hinsehen- und hinterher auch deren Leistungen kontrollieren.
Der erste Arbeitstag von Markus Breitscheidel als Pflegekraft ist knapp bemessen. Er bekommt von seiner Chefin den Schlüssel der 71-jährigen Frau K. in die Hand gedrückt und macht sich ohne Einarbeitung auf den Weg zu ihr. Dort angekommen, bleiben ihm genau 15 Minuten, um sie zu waschen und anzuziehen - ohne, dass er über ihren Gesundheitszustand und ihre Eigenheiten Bescheid weiß. Für Breitscheidel keine ungewöhnliche Erfahrung, wie er bei seiner Undercover-Recherche als mobile Pflegekraft feststellen musste. Seine Erlebnisse hat der Autor in dem Buch «Gewaschen, gefüttert, abgehakt» zusammengefasst.
Auf ambulante Pflege setzen viele, die ihren Angehörigen eine Versorgung im Heim ersparen wollen. Eine Betreuung zu Hause scheint bequemer und entspricht häufig dem Wunsch der Pflegebedürftigen. Doch die Versorgung zu Hause weist auch Defizite auf. Die Fluktuation der Pflegekräfte ist oft hoch - laut Breitscheidel die Folge von schlechter Bezahlung, hohem Zeitdruck und monotonen Arbeitsabläufen.
Für den Pflegebedürftigen bedeutet wechselndes Personal, dass er sich ständig auf neue Personen einstellen muss, die ihn anfassen und füttern. Die Angehörigen haben wiederum den Anspruch, dass Mutter oder Vater gut gepflegt werden. Doch wann ist eine Pflege «gut»?
Den richtigen Pflegedienst finden- Pflegestützpunkte helfen
Mit dieser Frage hat sich unter anderem Helmut Budroni beschäftigt. Der Pflegewissenschaftler arbeitet am Lehrstuhl für familienorientierte und gemeindenahe Pflege der Universität Witten/Herdecke. Gemeinsam mit einer Kollegin hat er einen Kriterienkatalog für ambulante Pflegedienste erstellt. Grundsätzlich habe diese Form der Pflege große Vorteile: «Für den Angehörigen ist das eine ganz wichtige Entlastung», sagt er. Einen ersten Überblick über mobile Pflegedienste können Angehörige am besten auf lokaler Ebene gewinnen. Unterstützung finden sie dabei zum Beispiel in Pflegestützpunkten.
Vor der Auswahl eines Pflegedienstes steht das Erstgespräch. Dabei sollte der Anbieter nicht nur fragen «Was braucht der Betroffene», sondern auch «Was braucht der Angehörige?», findet Budroni. Besprochen werden sollte, welche Angebote zur Entlastung nötig sind oder ob die Pflegestufe ausreicht. Ein gutes Gespräch lässt sich auch an der Dauer bemessen: «Mindestens eine Stunde sollte es dauern.»
In dem Erstgespräch kommt es nicht nur darauf an, dass die Chemie zwischen Anbieter und Kunde stimmt. Angehörige sollten auch die Möglichkeit wahrnehmen, ausreichend Fragen zu stellen, rät die Stiftung Warentest in ihrem Heft «Eltern versorgen». Wichtige Themen sind zum Beispiel: Welche Hilfskräfte werden eingesetzt? Wie viele Pflegefachkräfte mit welcher Ausbildung werden beschäftigt?
Erst eine Probezeit vereinbaren
Auf keinen Fall sollten sich Angehörige dazu drängen lassen, einen Vertrag zu unterschreiben. «Ich würde dazu raten, erstmal einen Vertrag auf Probe für vier Wochen abzuschließen», sagt Breitscheidel. In dieser Zeit bekomme man ein gutes Gespür dafür, ob die Zusammenarbeit klappt. Um zu überprüfen, wie der Pfleger mit den Älteren umgeht, sind unangemeldete Besuche hilfreich: «Kommen Sie zu verschiedenen Zeiten. Einmal morgens, dann eher abends. Sonst können sich die Pflegedienste darauf einstellen.»
Wenn man nicht zufrieden ist mit dem Pflegedienst, kann der Vertrag jederzeit gekündigt werden. Das hat der Bundesgerichtshof im November 2011 entschieden (Aktenzeichen: III ZR 203/10). Begründung: Der Umgang mit pflegebedürftigen Menschen erfordert nicht nur Fachwissen, sondern greift auch in den persönlichen Lebensbereich ein. Laut BGH ist er daher als Dienst höherer Art anzusehen, der einem Pflegedienst aufgrund eines besonderen Vertrauens übertragen wird. Für höhere Dienste besteht ein fristloses Kündigungsrecht. Dieses Recht kann nicht dadurch ausgeschlossen werden, dass in vorformulierten Vertragsbedingungen eine Kündigungsfrist vereinbart wird. Pflegebedürftige können also selbst dann fristlos kündigen, wenn ihr Vertrag eine Kündigungsfrist vorsieht. Daraus folge auch, dass der Pflegedienst für den Zeitraum nach der fristlosen Kündigung nichts mehr in Rechnung stellen darf.
Ein alternatives Angebot bei den ambulanten Pflegediensten bietet das Netzwerk Pflege. Bei Breitscheidels Test schnitt dieses Konzept am besten ab. Dabei arbeiten freiberufliche Pflegefachkräfte mit Einrichtungen zusammen. Die Tagestouren werden so zusammengestellt, dass mehr Zeit für die Pflegebedürftigen bleibt und die Pfleger nicht jeden Tag dasselbe machen müssen. «Es ermöglicht einen viel intensiveren Kontakt zu den Patienten», sagt Breitscheidel.
Auch Helmut Budroni hält viel von dem Konzept: «So ein Netzwerk kann ein richtiges Fallmanagement betreiben und Angehörige durch die verschiedenen Hilfsangebote lotsen, die es gibt. Das ist vor allem bei Menschen mit verschiedenen Krankheiten sinnvoll.»
Breitscheidel, Markus: Gewaschen, gefüttert, abgehakt. Der unmenschliche Alltag in der mobilen Pflege. Econ, 224 S. 18,00 Euro, ISBN-13: 9783430200981
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