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Gläubige im Kloster Siegburg
Sich einfach mal besinnen: Eine Gläubige betet in einer Kapelle eines Exerzitienhauses des Klosters Siegburg. © dpa

Exerzitien: Wellness mit dem lieben Gott

Schweigen, beten, meditieren- was Mönche und Nonnen ausgeglichen macht, kann auch Normalmenschen entschleunigen.

Drei Tage ohne ein Wort können lang sein und beim Schweigenden viel verändern. Das sagen zumindest Seelsorger, die Menschen bei Exerzitien- geistlichen Übungen im Rahmen der Kirche- begleiten.

Exerzitien sind vielfältig: von mehrtägigem Schweigen, über lange Wanderungen bis zu Gruppengesprächen. Ziel dabei ist es, Gott näher zu kommen. Wieso so viele Menschen an Exerzitien teilnehmen und was sie dabei erleben, erklärt Markus Roentgen (46) vom Erzbistum Köln. Roentgen ist Leiter des Referats für Spiritualität und seit 1996 Exerzitien-Begleiter.

Warum sind geistliche Übungen bei vielen Menschen so gefragt?

Roentgen: «Ich glaube, das Leben ist für viele zu laut, zu schnell und zu hektisch. Der Druck ist immens, den viele Menschen aushalten müssen im Spannungsfeld zwischen Arbeit, Familie und den Anforderungen einer durchkapitalisierten Leistungsgesellschaft. Daher suchen viele ein Gegengewicht, das mit Entschleunigung und leiser werden zu tun hat. Damit genauer zu werden und sich selbst wieder ernster zu nehmen mit seinen Bedürfnissen. Das wird im Schweigen wieder freigelegt, und das erfahren die Menschen nicht mehr so oft in der Gemeinde, wo man sonntags zum Gottesdienst geht und in der Gruppe ist. Viele suchen eine explizitere und deutlichere Form.»

Was erleben Menschen, die Exerzitien nehmen?

Roentgen: «Die Menschen erfahren eine Vertiefung und Erweiterung der alltäglichen Dinge. Viele, die zunächst Angst vor den langen Schweigephasen haben, fangen an, sie zu genießen und sehen, wie wohltuend das ist, wenn sie beim Essen mal nicht reden müssen, dass sie viel genauer schmecken, und dass sie dadurch oft eine ganz andere Form von Aufmerksamkeit für die alltäglichen Dinge entwickeln. Sie bekommen eine Ahnung davon, dass in jeder Suche nach Gott schon ein Finden von Gott steckt. Dadurch werden die Teilnehmer wacher für die eigenen großen Fragen und bekommen eine Ahnung, dass hinter ihnen eine große liebende, geheimnisvolle Antwort steckt.»

Welche Menschen machen bei den geistlichen Übungen mit?

Roentgen: «Es sind oft Menschen, meist über 30 oder 40 Jahre alt, die in irgendeiner Form eine Lebenskrise erfahren haben, beruflich oder privat. Das reicht von der Hausfrau und Mutter, die nach zehn Jahren Arbeit auf einmal merkt, dass sie sich verloren hat, bis zu überarbeiteten Management-Leuten oder Angestellten, die sich wie in einem Hamsterrad fühlen. Bei den klassischen Exerzitienformaten, etwa im Kloster, machen mehr Frauen mit als Männer. Mit Männern mache ich eher Wanderexerzitien, gehe auf den Berg oder fahre mit dem Rad oder dem Kanu. Für sie ist es oft wichtiger rauszukommen und sich auf einer anderen Ebene von Wirklichkeit zu spüren.

Braucht man eine bestimmte Religion?

Manche Teilnehmer sind klassische Katholiken, die nach etwas suchen, das intensiver ist. Aber es sind auch Leute aus anderen Konfessionen oder Menschen, die gar keine explizite Religion haben. Ich frage nie, ob jemand katholisch ist oder nicht, wenn ich ihn in die Kurse aufnehme. Manche kommen erst mit einer großen Skepsis, aber auch mit Neugier. Um es mit Goethe zu sagen: Es sind Menschen, die suchen, was die Welt im Innersten zusammenhält.»

Meditation DAK/dpa/tmn

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Quelle: dpa
(Bilder: DAK/dpa/tmn; Grüne Woche Berlin; dpa)