BerlinOnline.de

Internet-User ahnten Loveparade Unglück

Dienstag, 27. Juli 2010 13:54 Uhr

Die Massenpanik bei der Loveparade mit 19 Toten und über 340 Verletzten hat Deutschland schockiert. Doch wie überraschend kam das Unglück wirklich?

Es gab Warnungen im Internet

Im Internet hatten Nutzer Wochen und Tage vor dem Event teilweise sehr detailliert vor einer Katastrophe bei der Duisburger Loveparade gewarnt.

Auf lokalen Webseiten wurden sowohl ein zu kleines Partygelände als auch der potenziell gefährliche Zugang über den engen Tunnel kritisiert. So schrieb ein Nutzers namens «klotsche», auf der Seite «DerWesten.de» bereits am 7. Juni 2010: (Originalzitat)

"sehe ich das richtig, dass die versuchen 1 million menschen über die 1-spurige! TUNNELSTRAßE! Karl-Lehr-Straße mit zwischendurch 2 kleinen trampelpfaden hoch zum veranstaltungsgelände zu führen? also in meinen augen is das ne falle. das kann doch nie und nimmer gut gehen. wer in essen und dortmund dabei war weiß, wie groß das gedränge schon auf recht weitläufigen zugangswegen war. das war ne katastrophe und die wollen ernsthaft den zugang über nen einspurigen TUNNEL leiten? ich fass es nicht!!!! ich seh schon tote wenn nach der abschlußkundgebung alle auf einmal über diese mickrige straße das gelände verlassen wollen."

Diese Beschreibung trifft genau das Szenario vom Sonnabend, als tausende Menschen von Mauern eingekeilt waren und weder vor noch zurück konnten.

Es gab weitere Stimmen zu einem möglichen Unglück. Am Donnerstag (22.7./16.25 Uhr) und auch bei «DerWesten.de» schrieb Nutzer «Duisburger»:

"Es wird das größte Chaos geben. Die Stadt wäre besser beraten gewesen die Loveparade abzusagen. Dann wäre ein paar Tage negative Presse über Duisburg in den Nachrichten zu hören-aber über diese Loveparade wird man noch lange reden-leider nur in negativer Form."

Besonders der frühe Kommentar von «klotsche» hat sich derweil im Netz weit verbreitet. Manche Daheimgebliebene danken ihm, andere sehen darin ein Menetekel, viele leiten daraus Vorwürfe an die Stadt Duisburg ab, andere verbreiteten den Link kommentarlos an ihre Freunde. «masamedia» twittert:

"klotsche, Duisburger, Vasa49, Lover__P - man hätte auf Euch hören sollen."

Handy Amateurvideos der Massenpanik

Die drückende und ausweglose Enge in der Sommerhitze ist auf zahlreichen, mit Handy-Kameras innerhalb und außerhalb des Tunnel gedrehten Filmen zu sehen - in allen Details. Zwar war das Funknetz komplett überlastet, dennoch verbreitete sich mit den Bildern nach und nach der Schrecken - gleichfalls via Internet. Zu sehen ist etwa, wie Menschen Böschungen hochklettern, bluten, weinen, schreien, Gitter überklettern, einander helfen. Schnell greifen viele Fernsehsender auf das Material aus dem Netz zurück.

Die Marketinggesellschaft der Stadt Duisburg hatte vor dem Unglück einen Film über den Zustand des Geländes am 8. Mai bei «youtube.com» eingestellt. Der Streifen zeigt Mitarbeiter bei der Vermessung des vollkommen verwilderten ehemaligen Güterbahnhofes voller Bauschutt und Trümmer.

Das folgende Video zeigt die Situation an der Treppe, an der das Unglück passierte.

Loveparade-Internetseite abgeschaltet

Die Homepage der Veranstalters zeigt seit Samstagabend drei Zeilen des Mitleids auf schwarzem Hintergrund, unter anderem: "Unser aufrichtiges Beileid gilt allen Angehörigen und unsere Gedanken sind bei denjenigen, die derzeit noch versorgt werden müssen."

Facebook

Auch über das soziale Netzwerk Facebook (500 Millionen Nutzer weltweit) äußern Menschen nach dem Unglück ihre Gefühle. So berichten einige User direkt von Ihren Erfahrungen vor Ort, andere kommentierten ihr Entsetzen über das Geschehen. Auch über die Verantwortung der Organisatoren wird bereits bei Facebook diskutiert.

Den Opfern will man ein digitales Andenken ermöglichen, daher hat man in Facebook eine Gedenkgruppe  eröffnet. Über 5.000 Menschen sind ihr bereits beigetreten.

Twitter Loveparade © Screenshot Berlinonline

Notfall-Kommunikation via Twitter

Der Kurznachrichtendienst wurde während der Loveparade zum Kommunikationsmittel in der Not. Über die Plattform teilten Menschen mit, dass sie aus dem Gedränge entkommen konnten. Andere schickten auf diesem Weg Suchmeldungen nach Angehörigen in die Welt. Auch Diskussionen über die Schuldfrage wurden und werden bis jetzt bei Twitter geführt, meist unter dem Stichwort #loveparade.

Die Userin "timelinedancer" hat in einem Blogartikel (http://tinyurl.com/Loveparade10 )geschrieben, wie sehr ihr Twitter in den schweren Stunden geholfen hat. So haben sich über die Plattform sofort Freunde gemeldet und ihre Hilfe angeboten.

Bürger sind wütend

Nach dem Unglück wird nun die Frage nach der Verantwortung der Organisatoren immer lauter. Besonders wütende Reaktionen löste Duisburgs Oberbürgermeister Adolf Sauerland (CDU) aus, als er das Sicherheitskonzept «stichhaltig» nannte und sagte, «wahrscheinlich» seien «individuelle Schwächen» Auslöser der Katastrophe gewesen. Der Bürgermeister wurde am Tag nach dem Unglück beim Besuch der Unglückstelle von Menschen beschimpft und bedroht, seine Leibwächter mussten ihn in Sicherheit bringen.

Auch im Internet geht die Diskussion zum Unglück weiter, ob bei Facebook, Twitter oder in den Foren zahlreicher Newsseiten, überall kommen Augenzeugen, Medien und Menschen zusammen, die ihre Gefühle und Meinungen zur Tragödie austauschen möchten.

Aktuelle Augenzeugenbereichte veröffentlicht zum Beispiel die Webseite Tagesschau.de  oder aber die Webseite derwesten.de .

Die Menschen dort sprechen von "einer Hölle" und von "Menschen, die wie die Tiere über lebendige und am Ende tote Menschen getreten sind". Andere beklagen ganz konkret, dass weitere Notausgänge viel zu spät geöffnet wurden oder kritisieren die Polizei, weil Beamte angeblich trotz Flehen der Besucher auf den überfüllten Hauptausgang verwiesen.

Weitere Meldungen

(Bilder: getwired / www.sxc.hu ; Enrico Verworner/ www.enrico-verworner.de ; Dash - Fotolia.com; berlin.de)