Montag, 20. Juli 2009 11:11 Uhr
Ein halbes Jahr nach dem Wechsel zur sechsten Generation schickt VW wieder einen GTI ins Rennen: Der neue Golf lässt die Muskeln spielen.
Liebevoll gestaltet mit vielen Anklängen an das Original von 1976, kräftig motorisiert und straff abgestimmt gibt er den Sportler für Jedermann und kommt der ursprünglichen Mission verdächtig nahe.
Vor 33 Jahren und 1,7 Millionen Zulassungen galt der GTI als Brandstifter unter den Biedermännern und war das einzig bezahlbare Auto, das einem Porsche, BMW oder Mercedes auf die Pelle rücken konnte.
Ganz so spitz ist die Positionierung heute zwar nicht mehr. Denn erstens ist ein GTI mittlerweile ein teures Vergnügen und kostet statt 13 850 Mark mindestens 26 650 Euro und zweitens sind auch die Autos aus Stuttgart oder München schneller geworden. Doch seine Rolle als ambitionierter Breitensportler mit hoher Alltagstauglichkeit spielt der Bestseller auch heute perfekt.
Dafür steht vor allem der zwei Liter große Direkteinspritzer, dem ein Turbolader 155 kW/210 PS und bis zu 280 Newtonmeter entlockt.
Ohne erkennbare Mühe schnellt der GTI damit nach vorn - ganz so, als würde er von einem Katapult geschossen.
Und so vergehen nur 6,9 Sekunden beim Sprint auf Tempo 100. Den fürs Überholen wichtigen Zwischenspurt von 80 auf 120 km/h absolviert er in 7,5 Sekunden, und Schluss ist erst bei rund 240 km/h.
Dass der GTI kein normaler Golf ist, kann man aber auch hören. Nicht umsonst haben die Ingenieure zum Sportauspuff auch noch einen Soundgenerator entwickelt, der mit jedem Gasstoß ein wunderbar leidenschaftliches Röhren in den Innenraum zaubert.
Nur an der Zapfsäule gibt sich der GTI lammfromm. Musste man früher kräftig Vergnügungssteuer zahlen, ist der Kraftmeier heute mit 7,4 Litern zufrieden und damit sogar zehn Prozent sparsamer als das Original von 1976.
Und das, obwohl der GTI heute 74 kW/100 PS stärker, 58 km/h schneller und 508 Kilogramm schwerer ist. Zwar klettert der Verbrauch bei ambitionierter Fahrweise auch mal in den zweistelligen Bereicht. Doch wer sich halbwegs an die Schaltempfehlung hält und gelegentlich den Bleifuß lupft, lernt den GTI als Dauerläufer kennen und kommt zwischen zwei Tankstopps mehr als 700 Kilometer weit.
Natürlich gibt es selbst bei VW mittlerweile eine ganze Reihe von Modellen, für die auch der GTI die Überholspur auf der Autobahn räumen muss. Doch sobald sich die Fahrbahn ein wenig verengt und die Radien kleiner werden, ist der Breitensportler in seinem Element.
Die um knapp zwei Zentimeter verminderte Bodenfreiheit bringt den Schwerpunkt nach unten, das straffer abgestimmte Fahrwerk hält den Wagen sicher in der Spur und das neue, elektronische Sperrdifferential an der Vorderachse sorgt auch in schnellen Kurven für genügend Bodenhaftung. So macht der GTI jede Landstraße zur Lustmeile und bringt einen Hauch von Nordschleife in den Alltag.
War der GTI früher ein Muskelprotz, der seine Faszination aus der Kombination von geringem Gewicht und starkem Motor schöpfte, ist er heute ein Modellathlet, der wie ein Profisportler nur die beste Technik nutzt.
Das schlägt sich auch auf der Preisliste nieder. Neben Komfortmerkmalen wie der automatischen Abstandsregelung, der Einparkhilfe oder den Xenon-Scheinwerfern gibt es deshalb auch Leckerbissen wie die Doppelkupplung für noch schnellere Schaltvorgänge und das adaptive Fahrwerk DCC, das den Spagat zwischen Alltag und Adrenalin vergrößert.
Weil damit auf Knopfdruck die Federung variiert werden kann, schüttelt einem der GTI auf dem Weg ins Büro nicht die Zahnfüllungen aus dem Kiefer, liegt aber einen Knopfdruck später wie das sprichwörtliche Brett auf der Fahrbahn.
Nicht nur beim Fahrspaß sind sich Enkel und Ur-Opa überraschend nahe. Auch beim Design des dezent, aber wirkungsvoll aufgemotzten GTI schlägt VW geschickt die Brücke zwischen gestern und heute.
Wie ein roter Faden der Geschichte zieht sich deshalb zum Beispiel auch bei der sechsten Generation ein rotes Band um den schwarzen Kühlergrill, die festen Sportsitze ziert wieder ein Karomuster.
Anders als 1976 ist der GTI heute längst nicht mehr der einzige Sportler in der Golfklasse. Und mit 210 PS zählt er nicht einmal zu den stärksten Vertretern der kompakten Kraftprotze.
Doch kaum ein anderes Auto dieser Art wirkt gleichermaßen so ambitioniert und alltagstauglich wie der GTI. Deshalb hat der Mythos auch nach drei Jahrzehnten nichts von seiner Faszination verloren.
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