Austra in der Berliner Volksbühne

Austra

hypnotischer Synthie-Wave

Manchmal mag eine Location auf den ersten Blick nicht so recht zum Künstler passen. Zu gediegen wirkt der große Saal der Berliner Volksbühne an diesem Abend für eine Band, die irgendwo zwischen Synthie, Gothic, New Wave und Dance angesiedelt ist. Die kanadische Kombo rund um Sängerin Katie Stelmanis ist spätestens seit dem SXSW Festival in Austin, Texas kein echter Geheimtipp mehr, sondern wird rund um den Globus als einer der Acts 2011 gefeiert.

Eingeleitet wurde der wirklich gelungene Neujahrsabend in der Volksbühne mit dem Support Touchy Mob, der mit einer aufgeladenen Rave-Elektro-Performance mindestens die Füße zum Wippen brachte. Seine Musik kann man kaum besser beschreiben als es der erste Absatz der offiziellen Künstlerinfo bereits tut: „Touchy Mob ist die Affäre eines warm herumspukenden Folksongs mit der Körpersprache von Beats, für den Tanzboden gemeint, auf vielen weichen Knien.“

Nach einer guten Stunde Performance betritt dann Katie Stelmanis mit Band die Bühne. Wenn man bisher nicht wusste, dass der Bandname „Austra“ sich auf die Göttin des Lichts in der lettischen Mythologie bezieht, dann spürt man es jetzt. Austra baut eine Dramaturgie auf, die eigentlich nicht passt und doch in einen Bann zieht. Die Synthie- und Elektroelemente wollen den Körper unweigerlich tanzen lassen, die nahezu hypnotische Stimme von Katie Stelmanis jedoch lässt einen fast erstarren und entführt in eine mythologisch anmutende Welt mit hohen Klängen und ausladenden Gesten. Es scheint, als wolle Stelmanis ihr Publikum mit einem positiven Fluch belegen. Wer jetzt die Augen schließt kann eben diesen erleben und wird getragen auf einer Welle von Sehnsucht und Hoffnung.

Spätestens nach vier Songs hält es keinen mehr in den Sitzen, die Volksbühne wird kurzerhand zum „Club“ umfunktioniert, getanzt wird in den Reihen und auf den Treppen am Rand. Spätestens bei Hits wie „Beat and the pulse“ oder „Lose it“ wippen auch geneigte Nicht-Tänzer zwangsweise mit irgendeinem Körperteil. In diesem Moment wird auch klar, dass es eigentlich eine ideale Location ist, weil sie durch Stil und Anmut die dramaturgisch aufgebauten Klänge ideal unterstützt und doch Raum bietet für Bewegung.

Austra bietet über eine Stunde atmosphärisch einwandfreie Musik und zeigt, dass die The Knife und Fever Ray-Vergleiche der Fachpresse nicht unbegründet sind. Mit tosendem Applaus aufgeweckt, tritt man aus der Synthietraumwelt hinaus auf den Platz vor der Volksbühne und verschwindet beseelt bei leichtem Nieselregen im Berliner Nachtleben. Ein Abend, der zur Wiederholung einlädt.

Text: Rico-Thore Kauert