Punks, Nonnen und Hare-Krishna-Jünger

Mehr als 200 000 Fans feiern beim Festival "Haltestelle Woodstock" hinter der polnischen Grenze

Die frohgelaunte Radiomoderatorin sagt in den Morgennachrichten Temperaturen von 22 bis 26 Grad voraus. Nur an der Oder-Neiße-Friedensgrenze könnte es an diesem Sonnabend regnen. Das klingt nicht so gut für die Besucher des europaweit größten Umsonst-und-Draußen-Rockfestivals im polnischen Kostrzyn.

Doch vor Ort sieht alles ganz anders aus. Der Himmel ist blau, ein paar weiße Wolken spenden ab und an Schatten. Außerdem ist das Wetter den Teilnehmern relativ egal. Das Festival heißt "Haltestelle Woodstock" - und beim legendären Vorbild im Jahre 1969 war Schlammbaden Pflicht. Auch auf dem ehemaligen Militärgelände gleich hinter der Grenze geben sich viele der mehr als 200 000 Besucher diesem Spaß hin. Es ist heiß, nicht nur über der riesigen Zeltstadt, auch auf der Bühne, von der seit dem frühen Nachmittag Punk, Reggae, Heavy-Metal dröhnt. Mehr als 60 Bands treten an zwei Tagen auf.

Gustav aus der Uckermark sitzt vor seinem Zelt, in der Hand eine Dose polnisches Tyskie-Bier. "Das ist das wichtigste internationale Treffen aller gutgelaunten Punks und Biertrinker", sagt der 21-jährige Punk, der trotz der Hitze eine Lederjacke trägt. "Ich bin hier, weil wir ganz entspannt feiern können. In der schönen Uckermark müssen wir als Linke aufpassen, dass uns die Glatzen nicht kriegen", sagt er. Von der Bühne dröhnt eine polnische Version der Punk-Hymne "God save the Queen" von den Sex-Pistols. "Ist doch egal, ob ich den Text verstehe, Hauptsache der Sound ist cool und hier herrscht Peace."

Das Friedenszeichen der Hippies ist das Symbol des Festes. Hippies gibt es aber nicht allzu viele. Es sind vor allem schwarz gekleidete Punks und Heavy-Metal-Fans. Alle friedlich, gut gelaunt und fröhlich angetrunken. Nur bei der Anreise geschah am Freitag ein Unglück. Zwei Besucher fielen nach Angaben der polnischen Nachrichtenagentur PAP aus dem Zug, einer starb.

In Kostrzyn trifft sich Polens unangepasste Jugend. Das Fest ist vielen Konservativen des Landes ein Dorn im Auge. Nonnen in Schwarz reden auf betrunkene Rocker ein. Die katholische Kirche verteilt Bibeln, doch die meisten Jugendlichen lehnen sie ab und holen sich lieber billiges Essen bei den Hare-Krishna-Jüngern im "Food for Peace"-Zelt.

Das Festival findet zum 13. Mal statt. Es ist das alljährliche Dankeschön der größten nichtstaatlichen karitativen Stiftung Polens mit dem eigentümlichen Namen "Das große Orchester zur Weihnachtshilfe" (WOSP). Die 1992 gegründete Stiftung des charismatischen Journalisten Jerzy Owsiak sammelt landesweit Geld, um die schlecht ausgerüsteten polnischen Krankenhäuser mit moderner Technik zu versorgen. Bisher kamen 50 Millionen Dollar zusammen. Als Dank für die Spenden organisiert WOSP das Rock-Festival mit freiem Eintritt.

"Vor zwei Jahren haben Bundesgrenzschutz und die Bahn 20 000 Besucher aus Deutschland gezählt", sagt Marco Riemer. Der 33-Jährige ist einer der deutschen Mitorganisatoren und veranstaltet auch das alljährliche Oboa-Open-Air-Festival im Fort Gorgast im Oderbruch. "Es hat sich bei den Deutschen längst rumgesprochen, dass hier in Polen richtig was los ist", sagt er.

Deutsche Besucher fühlen sich schnell heimisch und sind auch etwas irritiert. Denn überall laufen Leute mit T-Shirts herum, auf denen "Farben Lehre" steht - der Name einer polnischen Punkband.

Politik spielt keine Rolle

Die Band kennen die vier Mädels nicht, die am frühen Nachmittag mit dem Zug aus Berlin angereist sind. "Was die Musik betrifft, sind wir völlig naiv", sagt die 26-jährige Wirtschaftsrechtstudentin Cindy. "Wir wollten schon immer zu einem Festival. Und das hier ist nahe an Berlin und kostenlos." Dass fast nur polnische Bands auftreten stört sie nicht. "Wir haben uns einige Bands im Internet angehört, die klangen ganz gut", sagt sie.

Außerdem sind ihre Freundinnen dabei, drei gebürtige Polinnen. "Als ich sechs Jahre alt war, wanderten meine Eltern mit mir nach Deutschland aus", sagt die 26-jährige Fremdsprachenstudentin Katharina. Dass das deutsch-polnische Verhältnis derzeit nicht rosig ist, spielt an solch einem Tag keine Rolle. "Meine Mutter regt sich immer über die Zwillinge auf, die Polen gerade regieren", sagt sie. Die meisten Festivalbesucher sähen auch nicht gerade aus wie Fans der Kaczynski-Brüder. "Aber hier spielt Staatspolitik keine Rolle. Hier wird gefeiert."

 
Text: Jens Blankennagel, BLZ vom 06. August 2007