Die ewige Nymphe

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CD "Divinidylle" kaufen

"Divinidylle": Vanessa Paradis bringt nach langem Privatisieren ein neues Album heraus

Wie man gleichzeitig sehr vergesslich und sehr nachtragend sein kann, das lehrt uns immer wieder das Popmusikbusiness: Neue Skandale werfen Schatten der Verdammnis auf alte Erfolge, siehe Britney Spears. Umgekehrt funktioniert das Ganze genauso mühelos; neue Erfolge machen alte Skandale niemals vergessen, siehe Vanessa Paradis.Da kann man rasend raffiniert für Chanel-Parfüms werben, von Chansongott Serge Gainsbourg protegiert werden, sowohl zwischenmenschlich als auch musikalisch mit Lenny Kravitz kooperieren und in Patrice Lecontes Film "Die Frau von der Brücke" (1999) als liebes- und lebensmüde junge Dame verzücken - die Leute werden bei Nennung des Namens ja doch nur wieder "Joe le Taxi" piepsen, möglichst süßlich und unecht, wie ja überhaupt die Musik der späten 1980er-Jahren gern gehässig als vollsynthetisch beschrieben wird.

20 Jahre ist es nun schon her, dass Vanessa Paradis mit "Joe le Taxi" sich und ihre Zahnlücke bekannt machte, sieben Jahre datiert ihre CD "Bliss" zurück. Nach ausgiebigem Privatisieren ist in Deutschland aber gerade Paradis' fünftes Album "Divinidylle" erschienen, welches in ihrem Heimatland Frankreich im September von null auf Platz eins in die Charts einstieg. Und was soll man sagen: Verwunderlich ist das nicht. "Divinidylle" wirkt verblüffend smart, lässig und charmant - und setzt dem zarten, immer noch zuckersüßen Stimmchen glücklicherweise keine bombastischen, glatt produzierten Studio-Arrangements zur Kaschierung mangelnden Volumens entgegen. Produzent Matthieu Chedid alias "M" spinnt Vanessa Paradis stattdessen in den Kokon eines realen Band-Kontextes ein. Man präferiert dort handgemachten Rock'n'Roll und leistet sich zum Amüsement diverse musikalische Schrullen: ein bisschen Reggae, ein jammerndes Banjo, ein dramatisch sich steigerndes Schlagzeuggrollen, etwas Sixties-Yéyé, so bleibt es spannend. "Dès Que J'Te Vois" ist ein tempogerecht taugliches, sexy dahingezischeltes Tanzstück; "Les Revenants" zitiert zärtlich Tom Waits' müde dahinschlurfende Balladen; "Les Piles" ist fast kabarettisch dahingeschnarrt, einer von elf Titeln, gewidmet dem Herumlungern auf dem Sofa, so lethargisch wie eine Fliege. Denn auch die Texte wollen sich nicht mehr ins Lolita-Klischee fügen: Vanessa Paradis lässt Liebesdramen minutenschnell verstreichen - und schwärmt sehr viel ausgiebiger von Seelenverwandten.

Das Cover zu "Divinidylle" hat übrigens Paradis' Gefährte Johnny Depp gemalt. Ein bisschen so wie Klimt bei seinen goldenen Damen fasst er ihre Gesichtskonturen ein im Mosaik der Pinseltupfer. Und was soll man sagen: Sogar das ist künstlerisch überzeugend.

Text: Carmen Böker / BLZ