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Pharoahe Monch "Desire" und Common "Finding Forever"
Friede sei mit den Beats und Breaks. HipHop geht auch ohne Prügel-Attitüde: neue Alben von Pharoahe Monch und Common
Es ist naheliegend, dass die HipHop-Offensive im Sommerloch stattfindet. Offenbar glaubt in der Industrie niemand mehr daran, dass sich die Alben der Gattung gegen die Konkurrenz durchsetzen können, die ihre Produkte bekanntlich in Frühjahr und Herbst vorstellt. So erscheint das neue Album des Branchenprimus Kanye West Anfang September, K.I.Z - der vermutlich entscheidende deutsche Act dieses Jahres - Ende August, und mit Pharoahe Monch und Common veröffentlichen in diesen unbewegten Tagen zwei der bekanntesten Rapper des Conscious-Milieus, der kritisch-erhebenden Richtung im HipHop, neue Alben.
Die Firmenvorsicht ist vermutlich wohlbegründet. Sie hat allerdings weniger mit der Qualität einzelner Alben zu tun als mit dem abgewetzten Zustand des Genres, dessen Bedeutung jenseits der Nische ungefähr den harten Metal-Spielarten entspricht. Es wird fleißig produziert und die Fanbasis ist groß - aber der Diskurs findet weitgehend abseits der breiteren Öffentlichkeit statt. Was im Falle Commons und Pharoahe Monchs auch deswegen schade ist, weil beide in der Lage wären, die klangliche Schönheit von rhythmisierten Worten über wimmligen, monotonen Beats und süßen Samples zu veranschaulichen. Darüber hinaus können sie zur aktuellen Diskussion auch der deutschsprachigen Prügel- und Flegeltexte einen erwachsenen Standpunkt beisteuern und darauf hinweisen, dass es im HipHop noch immer auch darauf ankommt, wie man etwas sagt - und nicht darauf, möglichst ordinäres Rumpfvokabular möglichst redundant daher zu schreien.
Pharoahe Monch und Common sind andererseits natürlich alte Säcke, ersterer - vor knapp 35 Jahren als Troy Jamerson geboren - ist zudem ein beinah tragischer Fall. Der New Yorker galt seit seinen Anfängen mit Organized Konfusion in den frühen Neunzigern als einer der vielversprechendsten US-Rapper. Nach drei Alben mit seinem OK-Partner Prince Po erschien 1999 sein Solo-Album "Internal Affairs" mit der Hit-Single "Simon Says", einem musikalischen und textlichen Tritt in den Hintern aller politisch wohlmeinenden Hörer, gefälligst endlich in die Gänge zu kommen. Dummerweise hatte sein Label, der nur angebliche Indie Rawkus, die Rechte für ein Sample der Single (aus einem japanischen Godzilla-Film) nicht geklärt, weshalb der Song vom Album genommen werden musste. So wurde der größte Erfolg der Beginn eines achtjährigen Veröffentlichungslochs, in dem Monch nur sehr gelegentlich auftauchte, so etwa als Songlieferant für "Charlie's Angels", 2003 mit "Agent Orange", einer wütenden Single zum Irakkrieg und zuletzt als gut erkennbarer Ghostwriter für P. Diddy. Auch das nun erschienene zweite Album hat bereits einige Jahre Gezerre hinter sich.
Auf dem Cover von "Desire" sieht man ihn in eine Art Mumien-Burka gewickelt, als wolle er darauf verweisen, dass er einst ein wichtiger Pharao war und nun ein wiederbelebter HipHop-Mönch sei, der sich streng den alten Tugenden verschrieben hat und nun mit schlafwandlerischer Sicherheit komplexeste Wortspiralen rappt, kraftvoll und mit Autorität, ohne je ins Schreien zu fallen oder sich faul auf Standardreime zurückzuziehen.
Die versaute Karriere verarbeitet er in einigen harten Ausfällen gegenüber der Musikindustrie, die mehrmals als Sklavenhandel gegeißelt wird. Womit er durchaus auch den derzeitigen jungen Kokainrappern eins mitgibt, denen er rät, die Vorschüsse für ihre Koksgeschichten und Blaxploitationraps wenigstens emanzipatorisch zu nutzen.
Als wollte er die letzten Jahre nachholen, streift Monch wortreich, technisch brillant und erzählerisch originell durch nahezu alle Songmodelle. Es geht gegen Krieg und um Stammzellen, um Drogen und das Ghetto, und wenn er zur Gangstererzählung kommt, dann muss er, wie im letzten, großartigen Track "Trilogy", mindestens Rashomon-artig drei verschiedene Perspektiven zu je unterschiedlich temperierten Beats anbieten oder, in "When the Gun Draws", aus der Sicht der Pistole erzählen. Etwas überraschend ist, wie soul-inspiriert die Beats geraten sind, die ihm von etablierten Underground-Größen wie Alchemist oder jungen Hoffnungen wie Black Milk geliefert wurden und neben wenigen abstrakt-synthetischen Sounds stehen. So entsteht bei aller Rauheit und Verschwörungstheorien ein Grundton gospeliger Euphorie, getragen von Soulbläsern und -Chören und einmal von der noch immer wundervoll nasalen Stimme der Neo-Soul-Göttin Erykah Badus, um die es betrüblich ruhig geworden ist.
Den Neo-Soul-Aspekt hat Common schon mit seinem letzten Album "Be" vor zwei Jahren auch kommerziell für sich perfektioniert, was er mit "Finding Forever", seinem siebten Album seit 1992, deutlich unterstreicht. Aus der strukturellen Ähnlichkeit zum Vorgänger ergibt sich auch der einzige kleine Einwand, den man gegen das Album erheben könnte. Im Gegensatz zum abgeklärten, ambivalenten Pharoahe Monch wirkt Common gelegentlich ein wenig rucksackhaft selbstgerecht. Meistens reiten Commons Texte jedoch mit gewohnter Gelassenheit und schmeichelnder Empathie über soulpralle Beats, die wie zuletzt mehrheitlich auf Kanye Wests Konto gehen - der sie als Hommage an den 2006 verstorbenen Produzenten J Dilla konzipiert hat. Dilla war als Teil der Soulquarians maßgeblich für den Neo-Soul der Jahrtausendwende zuständig, an den nun nicht nur Wests Soulsamples erinnern, sondern auch so tolle und halbvergessene Sänger wie D'Angleo und Bilal, von denen sich Common begleiten lässt.
Mit 35 Jahren braucht sich Lonnie Rashied Lynn, so Commons bürgerlicher Name, nicht mehr viel beweisen, zumal er in Filmen wie "Smokin' Aces" auch als Schauspieler erste Erfolge verbuchen konnte. Er scheint vielmehr den Erfolg zu genießen, den er mit der Mischung aus West'schem Populismus, eloquentem Flow und kritisch-solidarischer Tradition erreicht hat. "Finding Forever" ist, wie Pharoahe Monchs "Desire" im Grunde ein Soul-Album auf den Spuren von Siebziger-Größen wie Mavin Gaye, Curtis Mayfield und Stevie Wonder - Musik, die zugleich wach in die Welt schaut und sich bei aller kritischen Inspektion in den Dienst positiver Vibes stellt. "Das Schicksal der Straße mag Bedürfnis und Abgreifen sein", heißt es dazu in Commons bestem Track "The People", "aber manchmal finden wir Friede in Beats und Breaks."
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Pharoahe Monch: Desire (Universal)
Common: Finding Forever (Geffen/ Universal)
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| Text: |
Markus Schneider, BLZ |
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