Mr. Sandman, der Besamer. Eine gelungene Platte mit allerlei lustigen Alterssex-Witzen: "Dig, Lazarus, Dig!!!" von Nick Cave
Recht erstaunlich, wie ausgerechnet der meist etwas angestrengte Nick Cave sozusagen hinterrücks zu einem richtig coolen Typen geworden ist. Zumindest scheint es so auf seinem neuen Album "Dig, Lazarus, Dig!!!", seit 1984 dem immerhin 14. mit seiner Band The Bad Seeds. Nicht, dass sich aufs oberflächliche Hören wirklich Grundsätzliches verändert hätte. Allerdings wirkt sich die Abkehr von der Opulenz - nach dem Doppelalbum "Abattoir Blues/ The Lyre of Orpheus" von 2004 - nachhaltiger aus, als man denken würde. Mit der reduzierten Instrumentierung hat sich Cave vom knödligen Las-Vegas-Lumpencrooner zum postironischen Bluessänger gewandelt. Im letzten Jahr hatte er ja außerdem als Befreiungsmaßnahme zwischendurch kurz die Punk-Rock-Sau rausgelassen und mit dem Nebenprojekt Grinderman die eigene Birthday-Party-Jugend beschworen.
Diesmal ist er einerseits ganz bei sich, bei seinem 50-jährigen Künstler-Ich, das morgens die Familie aus Supermodel und Zwillingskids verlässt, um bis zum Abend im Büro der Muse zu frönen. Wo er sich gewohnt seltsame Lieder zwischen texanischer Wüste und New Yorker Gosse ausdenkt. Andererseits streut er übers ganze Album alberne Sexscherzchen wie der greise Picasso, orgelt hemmungslos mit der Hammond herum und lässt in einem der schönsten Titel seine Band nach dem Autor rufen, damit der jetzt bitte mal seinen Kram erkläre: "That's when we call the author to explain".
Video: Nick Cave & The Bad Seeds "Dig, Lazarus, Dig!!!"
Dass gerade Cave mal so fröhlich daher dekonstruieren würde, hätte am Anfang seiner Karriere keiner erwartet - von diesem original-irren, pathosgetränkten Australier, der sich dekadenlang drogensüchtig in Melbourne, London, Berlin, New York und Sao Paolo herumtrieb. Dabei heulte er sich erst mit dem prächtig missverstandenen Bluesmatsch seiner Band Birthday Party in die erste Liga der symbolisch überhitzten Noisepunks. Um ab Mitte der Achtziger dann viele dunkle und hysterische Großballaden zu raunen, Archaisches aus dem alten Testament zu grummeln und zornig Elvis' Grab zu plündern.
Nun ist er seit langem clean und eher dem Neuen Testament zugewandt. Lazarus interpretiert er als Zombie und scheucht ihn im Titelstück durch Manhattan: "Erst Suppenküche, Drogenwrack und Sklave, dann Knast, dann Irrenhaus, dann Grab." Doch obwohl Cave findet, er habe die Worte und Ideen ausgeblutet - und natürlich trifft man hier immer wieder auf Tod, Religion und Gewalt -, leistet er sich nun ganz offen Ironie. Er klingt unverschämt entspannt, ohne gemütlich zu werden und weit entfernt vom früher oft nervenden Pathos.
So lässig wie er mit Grinderman lärmte - und mit dem masturbierenden Affen auf dem Cover nicht besonders heimlich seine Seriosität bezweifelte -, herrscht nun ein distanzierter, lakonischer Ton, dessen Litaneien gelegentlich den schuffelnden Rhythmen davoneilen.
Man erfährt von "Mr. Sandman, dem Besamer", Frauen, die "die Lampe zwischen ihren Beinen reiben und hoffen, der Geist würde ihnen singend erscheinen," oder Typen, die sich auf dem Weg durch den US-Süden "in den Wäldern von Le Vulva verirren". Doch auch wenn man nicht recht hinhört, kann man sich ganz umstandslos am eleganten Sound dieses beatnikartigen Bewusstseinsstroms erfreuen. Der klingt mal etwas höhnisch dylanesk, mal eher nölig wie Mark E. Smith und nimmt sich offenbar, auch wenn er mal mit Symbolen oder Pathos rasselt, nicht weiter ernst.
Diese neue Souveränität kommt sicherlich auch daher, dass Cave seit einiger Zeit sehr eng mit Bad Seed Warren Ellis zusammenarbeitet. Der begleitet ihn zwar schon seit 1996, wurde aber erst seit den Soundtracks für die Western "The Proposition" und "The Assassination of Jesse James by the Coward Robert Ford" zu einer Art zweitem Mann. Als solcher versorgt er Cave vor allem mit Tonschlaufen, was hörbar den neuen schlichten Ton in der Musik begünstigt hat. Kompakt, flüssig und gelassen spielen sich die Bad Seeds durch ihre entschlackten Songs, die in den Akkorden ebenso wie in der Instrumentierung sich aufs Wesentliche beschränken, nämlich auf Blues und Garagenrock, voll treibender, schmieriger Gitarren, flott trabender Percussion und lustig dynamischem Georgel.
Man hat sich ja mittlerweile daran gewöhnt, dass auch Rockmusiker mit ihrer Kunst nicht aufhören, bloß weil sie älter werden. Dabei hat man gelernt zu unterscheiden: zwischen den uncoolen Alten, von Sting bis Mick Jagger - und den Coolen, von John Cale über Neil Young bis zu Bob Dylan. Und zu letzteren, behaupten wir, sollte man jetzt auch Nick Cave zählen.
Nick Cave & the Bad Seeds: Dig, Lazarus, Dig!!! (Mute/EMI)