M.I.A. "Kala"

Ich klopfe an die Tür deines Geländewagens. HipHop für die Kinderguerillas der Welt: "Kala" von der britisch-tamilischen Rapperin M.I.A.

Solider Nervfaktor und brauchbares Betäubungspotenzial: Das sind zwar keine neuen Kriterien, aber sie sind noch immer meist zuverlässige Indikatoren für eine ordentliche Jugendkultur. So kann man zum Beispiel bunt gewürfelte Globalisierungseinwürfe rappen und musikalisch die natürliche Lautstärke in den Clubs zum Vorwand nehmen, fies fiepende oder brummende und bollernde, jedenfalls nervtötende Sounds rhythmisch gebündelt auf das Publikum zu hauen. Das wäre ungefähr der Ansatz von M.I.A., der britisch-tamilischen Terroristentochter, die nach ihrem ausgiebigst und ganz zurecht gehypten Debütalbum "Arular" vor zwei Jahren heute ihre neue LP "Kala" veröffentlicht.

Benannt nach der Mutter der Dreißigjährigen, die bürgerlich auf den schönen Namen Mathangi Maya Arulpragasam hört, besticht es schon im ersten Durchlauf mit eindrucksvoll hirnlähmenden Attacken. Ein schönes Beispiel ist "XR2", das schon seit Ende letzten Jahres auf M.I.A.s MySpace-Seite steht: "Where were you in 92?" fragt eine desinteressierte Frauenstimme, bevor eine hektische Bassdrum zu pochen beginnt, gepitchte Hihats und Claps rasseln und schließlich als melodisches Signal eine billige Sirene hektisch auf einem Ton quietscht - albern, sinnlos und definitiv nur im Club zu ertragen, wo sich das Stück lässig ins Ekstatische verlängern lässt.

"XR2" ist nicht das beste Stück des Albums, aber in seiner ritalinvergessenen Rappeligkeit sein konsequentestes. Dabei bezeichnet der Titel einen getunten Kleinwagen, der sich zu einer Aufzählung von Akronymen fügt, als deren deutlichste Aussage die genölte Parole "MTV has ADD" wie die Losung einer neuen Kinderguerilla daherkommt.

Denn insgesamt muss man hier keineswegs auf griffige Parolen oder andere sprachliche Haken verzichten. Schließlich war das Spiel mit globalen Widerstandsmotiven das Markenzeichen der Rapperin aus der Londoner Grime-Szene. Deren erprobte Mischung aus schnellen UK-Garage-Beats mit Dancehall und Hip-Hop bildet das Fundament von M.I.A.s Musik.

Allerdings wies die Kunststudentin von Beginn an über ihre musikalischen Zusammenhänge hinaus und inszenierte sich als globalisierungskritisches Agitprop-Projekt des Dance-Undergrounds. Dabei streute sie geschickt den Hinweis, dass ihr Vater auf Sri Lanka mit den tamilischen Tigern - einer ziemlich wirren Truppe, die gern mit Selbstmordattentaten auf sich aufmerksam macht - für die Unabhängigkeit ihres Volksstamms kämpfte. Zwar wusste niemand so genau, worum es dabei ging, aber der Terrorzusammenhang verlieh der Rapperin eine authentische Härte und dem Sound einen zusätzlichen Hipness-Schub.

Was M.I.A. ohne Umstände verschärfte, indem sie für Album und Live-Präsentationen ikonische Grafiken von Waffen- und anderen Kampfmotiven als Pseudo-Logos benutzte und in Military-Montur über die Bühnen stapfte. Auch der Sound klang nach dieser glamourösen Pop-Militanz, die nicht weiter vom ehrlichen Helfersyndrom der Bonos oder Geldofs hätte entfernt sein können. So stolz wie umfassend beutete Maya Arulpragasam alle möglichen regional markierten Stile aus, ließ trötenden, brasilianischen Baile-Funk, leiernde indische Bhangra und Afrobeats in ihren Tracks zusammenrasseln. Weltmusik, so folkloristisch wie ein Autostau in Bombay.

Und so klingt es auch auf "Kala". Den Überraschungseffekt des Debüts kann das Album natürlich nicht mehr erzeugen; abgesehen davon, ist es sogar noch besser als "Arular". Denn der Agitprop-Aspekt wirkt einerseits sehr nonchalant, andererseits selbstverständlicher. Auch diesmal gibt es wieder extrem agile Covergrafiken, die gleichermaßen Party- und Partei-Flyer zitieren und dabei Schnipsel aus Polit-Ikonografie, Fotomotiven aus afrikanischen Straßen, Londoner Clubs und globaler HipHop-Kultur anspielen.

Aber irgendwie posiert M.I.A. jetzt gelassener inmitten all der Politstreusel, in denen es um Waffen, Geld, Globalisierung und die Frage geht, ob wir so dumm sind, wie "sie" glauben. "Some I Murder, Some I Let Go" heißt es am Ende des kinderliedhaften "Paper Planes" mit The-Clash-Sample, das als rhythmisches Element eine Sequenz aus Schüssen, den Geräuschen beim Nachladen des Gewehrs und Kassenrasseln benutzt. Denn: "M.I.A. - Drittwelt-Demokratie, ich hab mehr Platten als der KGB," erklärt sie und zeigt damit die amüsante Streuung dieser Pop-Militanz aus Photoshop und Protools.

Schon "Arular" glänzte in einem selten gehörten Immigrantenselbstbewusstsein. Auf "Kala" wird das noch getoppt, indem M.I.A. buchstäblich die ganze Welt besetzt. Weil ihr ein längeres Arbeitsvisum in den USA verweigert wurde, produzierte sie das Album in Indien, Trinidad, Australien, Jamaika, Japan und - dann noch kurz - in Kalifornien. Es spricht für ein enormes Stilbewusstsein, dass sich daraus keine touristische Vision, sondern ein überzeugender musikalischer Club-Kosmopolitismus ergibt. Geholfen hat ihr dabei meist Switch, ein House- und Electroproduzent, der bisher vor allem als Remixer von Acts wie Lily Allen, Basement Jaxx und sogar Nine Inch Nails bekannt wurde. Ihr Ex-Partner und Erstförderer Diplo ist dagegen auf nur noch zwei Tracks vertreten - ganz unpoppig beleidigt und aufgeregt spielt M.I.A. in Interviews derzeit seinen Einfluss auf ihr frühes Werk herunter.

Ebenfalls dabei - eins der deutlichsten Zeichen für den Markt-Appeal ihrer Pilotenbrillen-Revolte - ist der US-Chartsmonopolist Timbaland. Sein Track "Come Around" gehört mit seinen entspannt-kühlen HipHop-Beats zu den schwerfälligeren des Albums und war in Großbritannien bereits als Zugabe auf seinem eigenen Soloalbum "Shock Value" veröffentlicht.

Scheinbar mühelos verknüpft M.I.A. Bollywood-Samples mit afrikanischen Trommeln und Gesängen, Didgeridoos und Aborigines-Rappern und bindet sie in ihren Hyper-Clubsound ein. In welchen neben The Clash auch noch Jonathan Richman passt, dessen "Roadrunner" mit tribalistischem Trommeln zur Touristenbedrohung wird: "Ich klopfe an die Tür deines Geländewagens". Auch die Pixies werden in "20 Dollars" mit "Where Is My Mind" nachgesprochen, was dann irgendwie mit billigen Waffen in Afrika zu tun hat.

Im Grunde sind aber auch diese Sounds vor allem deswegen da, weil für M.I.A. gilt, dass mehr mehr ist - und noch mehr noch besser. Noch mehr bekiffte Politparolen und noch mehr kritisches Gemaule. Und noch viel mehr Sägen und Leiern, Blubbern und Pochen, Scheppern und Quieken. Und alles, womit man den Verhältnissen sonst noch auf den Nerven herumtrampeln kann.

M.I.A.: Kala (XL/Beggars/Indigo)

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Text: Markus Schneider, BLZ