Mary J. Blige: "Growing Pains"

Und täglich grüßt das leidende Mädchen. In der Endlosschleife: "Growing Pains" von Mary J. Blige

Es darf wieder gelitten werden. Kaum zwei Jahre und ein Greatest-Hits-Album ist es her, da hatte Mary J. Blige vom endgültigen Durchbruch, dem "Breakthrough" gesungen. Womit natürlich nicht gemeint war, ihr sei ein paar Alben, Grammys und Dollar-Millionen zu spät aufgefallen, dass sie es "künstlerisch" - wie man in diesen Kreisen die Kontobilanzen interpretiert - geschafft hat. Vielmehr, so die seelenreiche Kunde, sei sie zu sich selbst vorgedrungen und habe endlich den positiven Ansatz zum Leben und vor allem zur Liebe gefunden. Und nun spürt sie also wieder "Growing Pains", die wachsenden Schmerzen ums Herz herum, die sie seit 1992 auf jedem zweiten Album so drücken. Während das jeweils nächste dann wiederum das Ende der Qual beschwört. Denn in der Musik bleibt ihr Liebesleben - anders als in echt, wo sie seit längerem solide verheiratet ist - ein ständiges Auf und Ab, oder, wie sie diesmal auf "What Love Is" analysiert: "Fühlt sich an wie Sonnenschein, fühlt sich an wie Regen." Zu solcherart Eingebungen presst sie die volle Stimme unverwechselbar in die dürftig mollfarbenen Grundharmonien hinein, weshalb man wieder überall vom tiefen Soul und den heftigen Gefühlen lesen kann, die sich in dieser Musik ausdrücken. Das kann man so sehen. Wir würden trotzdem gern widersprechen.

Video: "Just Fine"


Langsam ist es nämlich gut. Textlich wie musikalisch fühlt man sich hier wie in "Und täglich grüßt das Murmeltier", jener Horrorkomödie, in der Bill Murray seine Tage bei vollem Bewusstsein als Endlosschleife leben muss. Ein Leben im permanenten Déja Vu, in dem nichts, was man tut, sagt oder denkt, bleibende Folgen zeitigt. Etwa so, wie man nun in einem der Tracks, die besonders mit dem emotionalen Elend wuchern, miterleben muss, wie Frau Blige erklärt: "Ich war dort, ich hab so manches getan, und ich habe mir versprochen, nie mehr verletzt zu werden." Ein Versprechen, das sie sich schon im Titel ihres fünften Albums 2001, "No More Drama", gab, und ungezählte Male zuvor. Die leeren Floskeln werden dann zwecks Authentifizierung solange mit der stets leicht gequetschten Markenstimme extemporiert, bis man glaubt, da sei irgendwo tatsächlich eine Melodie. Ein falscher Eindruck.

MJB, wie Fans sie gerne abkürzen, war einst die Königin des Hip-Hop-Soul, weil sie die nüchterne Härte der Straße mit den zarteren Gefühlen, Sehnsüchten und Enttäuschungen des Frauenlebens auf der schattigen Seite der Gesellschaft verbinden konnte. Sie wirkte für ihr Zielpublikum nicht nur glaubwürdig, weil sie selbst aus dem Ghetto kam. Sie überzeugte auch durch den Do-It-Yourself-Aspekt ihres Diventums, das noch nicht von Kindesbeinen an in den Starsearch- und Disney-Clubprogrammen auf Superstar geschult worden war.

Mary J. Blige wurde 1988, so jedenfalls die Legende, durch ein billig eingespieltes, karaokeartiges Tape entdeckt. Kein geringerer als Sean "P. Diddy" Combs produzierte drei Jahre später ihr enorm erfolgreiches Debüt. Während er sein opportunistisches Kunstkonzept entwickelte, förderte er MJB mit eingängigen, wenn auch meist nicht unbekannten Melodien und Samples, bis sich die beiden im Streit trennten. Mary J. Blige konnte dabei geschickt und sympathisch ihren Glamourfaktor gerade durch gewisse Unwahrscheinlichkeiten steigern, wie die etwas stämmige Erscheinung und die mehr robuste als qualifizierte Stimme. Und die raue Nähe zur Straße ließ sie erwachsener wirken als die sogenannten New Jills von Mädchenbands wie TLC. Mary J. Blige war die Diva mit der Messernarbe aus der Jugendschlägerei im Gesicht und den Problemen mit Alkohol und Drogen, die Journalisten verprügelt und stets, vom Vater über den Produzenten zu den Partnern, in missbräuchlichen Beziehungen landete.

Daraus wurde ein Programm, das ihr über die Jahre weit über 20 Grammy-Nominierungen eingebracht hat, allein acht davon für das letzte Album, mit dem sie drei Grammys dann auch gewann. Diesen Erfolg wird sie mit "Growing Pains" zweifellos wiederholen. Beinahe 700 000 Einheiten konnte sie unmittelbar nach Veröffentlichung in den USA vor einem Monat davon absetzen. Eine nicht nur vor dem Hintergrund der branchenweit drastischen Umsatzabstürze beeindruckende Zahl.

Welche sich einer Gefühlswelt verdankt, die MJB so formuliert: "Ich will, dass du mich rettest und aus meinem Elend erlöst"."Feel Like a Woman" heißt der Titel, der sich nicht als einziger ungefähr auf der Bewusstseinshöhe von "Frauentausch" festgefahren hat. Darunter legen ihr hochkarätige Produzenten von Tricky Stewart über die norwegischen StarGate zu den Neptunes passende Minimalmelodien mit Midtempo-Beats. Es gibt keinen Track, der nicht auf eins der letzten vier Alben gepasst hätte. Und angesichts des allgemein schwindenden historischen Gedächtnisses im Pop würde es vermutlich auch kaum auffallen, hätte sie den einen oder anderen tatsächlich recycelt. Abgesehen von gelegentlicher Radiotauglichkeit wie mit der aktuellen Single "Work That" breitet Mary J. Blige ein Werk betäubender Redundanz aus. Dass sich damit offenbar genug arme Frauen da draußen identifizieren müssen, macht die eigentliche, wachsende Pein aus.

Mary J. Blige: Growing Pains (Geffen/Universal)

 
Text: Markus Schneider, BLZ