Neue Alben von Kanye West und 50 Cent


Der süße Duft der Überreife
Wer hat das bessere? Die neuen Alben von Kanye West und 50 Cent


Der Veröffentlichungstermin wirkt wie eine Flucht nach vorne. Zeitgleich und am historisch bedeutsamen 11. September nämlich werden in den USA die neuen, jeweils dritten Alben von Kanye West und 50 Cent veröffentlicht. Das Doppel-Ereignis wurde mit wochenlangen Kabbeleien vorbereitet. So versprach Gangsta-Rapper 50 Cent, er werde aufhören zu musizieren, sollte er weniger verkaufen als sein bürgerlicher Rivale. Gern wollte er ein Gipfelgespräch nach US-Wahlkampf-Art inszenieren. Was Kanye, der in einer Neufassung der Bibel gerne an prominenter Stelle auftauchen würde, mit einem lässigen: "Worüber sollten wir denn reden? Ich geh lieber arbeiten" konterte.

Das ging einige Wochen und Singles lang, am Ende standen beide Alben zehn Tage vor ihrer Veröffentlichung im Netz. Die Firmen nennen so etwas Leck, andere nennen es Verkaufsstrategie. Werbewirksam streiten sich schon vorab Fans im Netz über die Musik. Was leicht den Verlust von ein paar Tausend Hörern aufwiegt, die sich die Alben illegal runterladen - einschließlich einiger Journalisten, die von den Hochsicherheitsflausen der Industrie die Nase voll haben. Immerhin hätten dank des Spektakels, so Kanye West in der New Yorker Wochenzeitung Village Voice, die Medien so die ganze Promotion allein getragen.

Die Sparmaßnahmen kann man nachvollziehen. 50 Cent und Kanye West sind zwar die derzeit einflussreichsten Rapper der Welt. Das heißt aber nicht mehr besonders viel. Um 44 Prozent sind laut Branchenblatt Billboard die Verkäufe seit Anfang des Jahrzehnts zurückgegangen, allein 30 Prozent im vergangenen Jahr - weit mehr als in allen anderen Popgenres.

Was nicht zuletzt an der immer dreisteren Redundanz der Raps liegt. 50 Cent hat sein aktuelles Album nach seinem Taufnamen "Curtis" genannt. "Schau mich lieber nicht an, wenn ich durch den Kiez komme. Ich werde noch immer töten, wenn ich muss", lässt er in einem Refrain den Sänger Akon winseln und erklärt anderswo: "Es heißt, ich sei ein Unfall, der darauf wartet, zu passieren". Das war selbst vor Jahren nicht besonders originell, als es minderjährige Rapper wie Shyheim formulierten. Aus dem Munde eines 32-Jährigen, der seinen Ruhm auf neun beim Dealen zugezogene Einschusslöcher gründet und sich seither erfolgreich eine Existenz als Rapper, Labelchef und Modeunternehmer aufgebaut hat, wirken die Sätze so dümmlich, wie sie die sprachliche Lieblosigkeit zeigen, mit der Curtis Jackson indes seine Reime bastelt. Als hätten die Schüsse auch eine Sprach-Perforation verursacht, die nun wie auf einem Walzenklavier immer dieselbe Melodie spielt.

Kanye West wiederum reussierte 2004 auf dem Posten des bürgerlichen Strebers, der nun - auch auf seinem Album "Graduation" - wieder daran leidet, auf der Straße nicht ernst genommen zu werden. So hetzt er einerseits gegen Studenten und Bürgerliche. Anderseits macht er sich über ungebildete Rüpel wie 50 Cent lustig und verspricht seiner Mutter, einer Englisch-Professorin, den Uni-Abschluss nachzuholen. Live verfügt er nicht über die Präsenz eines 50 Cent, die über dessen sprachliche Beschränkung immer hinweghalf. Dafür liegt Wests Reiz in der Gebrochenheit seiner Figur, die zwischen Minderwertigkeitskomplex und Größenwahn pendelt.

Auf den beiden Vorgängeralben führte das zu spannenden Widersprüchen, die West auch ins richtige Leben verlängerte. So stilisierte sich der millionenfach verkaufte, in Modemagazinen für seine Garderobe gelobte Stenz für das Musikmagazin Rolling Stone zum afroamerikanischen Heiland mit Dornenkrone. Man hatte ihn bei der Grammyverleihung übergangen, was er auf einen mutigen TV-Auftritt zurückführte, in dem er George W. Bush beschuldigte, Rassist zu sein. Auf "Graduation" hat West die Ambivalenz deutlich zurückgedrängt - anders als bei 50 Cent eine absichtliche Reduktion. Er wolle schließlich vor Bands wie den Rolling Stones oder U2 jeden Abend vor 50 000 Leuten auftreten, und da seien schlichtere Texte eine Arbeitserleichterung.

Das Jammern hat er deswegen nicht gelassen. So beschuldigt er in "Big Brother" seinen ehemaligen Mentor Jay-Z, ihm Ideen geklaut und ihn nicht lieb zu haben. Anderswo vermerkt er, Paparazzi mehr zu hassen als Nazis, um sogleich mit Nerzstiefeln zu protzen, sich mit Pop-Produzent Will.I.Am zu vergleichen und trotzdem von allen verachtet zu fühlen.

Musikalisch überrascht er dafür wie immer. Allerdings vor allem Genre-intern. Seine in Heliumhöhe beschleunigten Soulsamples setzt er sparsamer ein. Stattdessen flirtet er mehr mit artfremden Sounds. Am Spektakulärsten dabei seine Single "Stronger", die Wiederaufbereitung von Daft Punks "Harder, Better, Faster". Zudem fallen viele dräuende Synthesizer auf, harte Beats und die Ahnung einer Art Prog-Hops. Denn er arbeitet nicht nur mit Coldplays Chris Martin zusammen, er sampelt sogar die Krautrocker Can und die Jazzrocker Steely Dan. Vor allem inspiriere ihn jedoch Justin Timberlake. Der weiße Popper und er seien, fand er seltsamerweise, die Michael Jackson und Prince ihrer Zeit.

50 Cent dagegen arbeitet wieder mit dicken Beats, Ghetto-Fanfaren und dem gelegentlichen melancholischen Pianosample. Dafür überrascht er mit Justin Timberlakes süßlichem Falsett und den für dessen allgegenwärtigen Produzenten Timbaland typisch quietschenden Synthiestakkatos.

Beide Alben verbreiten auf ihre Art den süßlichen Duft von Überreife und Dekadenz. 50 Cent wirkt dabei fast rührend, wie er ästhetisch einfach kapituliert und sich mit seinen Klischees in die Ghetto-Nische zurückzieht. Interessanter ist allemal Kanye West, der immerhin versucht, das Genre in der Popmusik zu halten. Doch auch bei ihm scheint es, als ereile HipHop nun das Schicksal von Blues und Funk. Die ästhetischen Muster - der Umgang mit Sprache, mit Technologie und Identität - sind schließlich zum weltweiten Popstandard geworden. Weshalb das lärmige Klagen und Wüten der Urheber plötzlich so seltsam provinziell dasteht wie der ostentative Anschluss an Poptrends und die ungerührte Überheblichkeit.

Text: Markus Schneider / BLZ