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Cat Power "Jukebox"
Sing it again, Chan! Auf ihrem neuen Album "Juke Box" deutet Cat Power Evergreens neu
Die Finger tippeln auf dem Piano abenteuerlustig in die hohen Tonlagen, der Gesang strebt behände nach vorne, die Bläsersätze knallen euphorisch wie ein Silvesterfeuerwerk überm Times Square: Nein, die Möglichkeit des Scheiterns scheint Frank Sinatras "New York" nicht zu beinhalten. Oder vielleicht doch? So wie Cat Power alias Chan Marshall den Klassiker auf ihrem neuen Album interpretiert, klingt er voll düsterer Vorahnung. Statt als Swing singt sie ihn als dunkle und unterkühlte Soul-Ballade. Die von Sinatra ehedem so grundoptimistisch geschmetterte Selbstversicherung "If I can make it here, I'll make it everywhere" verwandelt sich bei Marshall zur Drohung: Wer es in New York nicht schafft, ist nur ein Verlierer mehr, der die Straßen bevölkert.
Als 19-Jährige wurde die Sängerin einst Anfang der Neunziger selbst in die Stadt gespült. Vorher war sie nach abgebrochener Highschool durch die USA getrampt, in New York besorgte sie sich die erste Gitarre. Unter dem Namen Cat Power spielte sie Songs, die so gemütlich waren wie ein Wohnloch in der Lower East Side, in dem mal wieder die Heizung streikt. Die porösen Akkorde blätterten auf den Hörer herab wie der Putz von der Decke. Alle Lieder kreisten um dasselbe Thema: die Unfähigkeit zur Kommunikation, den Unwillen, sich in irgendeiner Form in eine irgendwie geartete Gemeinschaft einzuordnen. Prominente wie Steve Shelley von Sonic Youth am Schlagzeug begleiteten die Sängerin für ihre Lamenti; die aber sang ihre Lieder ohne Rücksicht auf die Rhythmusvorgaben der Mitspieler.
Heute ist Chan Marshall ein Star. Karl Lagerfeld spielt ihre Songs bei seinen Modenschauen. Zwei Millionen Mal hat sich ihr letztes Album, "The Greatest" verkauft, auf dem sie ihre eigentlich unversöhnlichen Songs von bekannten Memphis-Haudegen in ein schmeichelndes Southern-Soul-Gewand kleiden ließ.
Die älteren Herren wirken nun zum Teil auch wieder mit auf dem Werk "Jukebox", für das Marshall die Hits und Nicht-Hits anderer Leute neu deutet. Neben Mabon "Teenie" Hodges, der seine schwülen Gitarren-Licks schon für Al Green gespielt hat, ist diesmal auch der legendäre Spooner Oldham dabei. Oldhams rauchige Orgelkaskaden hinterließen ihre Spuren bereits sowohl in den Songs von Bob Dylan und Neil Young als auch in denen von Wilson Pickett und Percy Sledge. Kein Wunder also, dass die Neuinterpretationen überwiegend im rauen und rustikalen Rhythm'n'Blues-Stil daherkommen.
"Umdichtung und Wahrheit" könnte das Motto lauten, unter dem auch dieses Projekt vorangetrieben wurde. Schon auf ihrem Album "The Covers Rercords" (2000) hatte sie ja neue Erkenntnisse aus uralten Songs zutage gefördert, etwa aus der Stones-Kamelle "(I Can't Get No) Satisfaction", die sie zu einer testosteronfreien Elegie des Triebverzichts umbaute.
Obwohl der Einstieg mit der oben beschriebenen Verwandlung der Gewinner-Hymne "New York" in eine Verliererballade ebenso spektakulär ausgefallen ist, nähert sich Chan Marshall hier doch insgesamt zaghafter den Originalen. Was wohl auch damit zu tun hat, dass sie diesmal nicht die Evergreens alter Herren weiblich ausdeutet, sondern einigen der ganz großen weiblichen Stimmen huldigt, etwa Jessie Mae Hemphill oder Billie Holiday.
Sing it again, Chan! Dieser Aufforderung kommt Marshall mit großer Inbrunst nach, ohne dem Material ganz neue Aspekte abzugewinnen. Im Falle von Janis Joplins "Woman Left Lonely" - bei der die Sängerin das alkoholbefeuerte Tremolo des Vorbilds gespenstisch entschleunigt - liegt das natürlich auch an dem Umstand, dass mit Spooner Oldham ein alter Weggefährte der Blues-Göttin an den Tasten sitzt.
Und an "Blue", diese Jahrhundert-Elegie von Joni Mitchell, muss sowieso jeder Modernisierungsversuch scheitern. So wie Blumenkind Joni, die größte Analystin und Sensibilistin ihrer Zeit, in diesem Song über Drogenwirklichkeit und Geschlechterkrieg sang, lässt sich heute einfach kein neuer Aspekt hinzufügen. "Acid, booze, and ass / Needles, guns, and grass / Lots of laughs, lots of laughs": Mitchell beschwor all den Rausch, die Gewalt und den Sex der Hippie-Ära aus dem Moment heraus mit tragischem Gestus, Chan Marshall indes haucht diese Beschreibung der verzweifelten Entfesselungsversuche nun zu Spooner Oldhams dräuender Hammondorgel als gespenstisches Memorandum einer Überlebenden.
Auch das ist ja die Aufgabe einer jeden großen Sängerin: an die Grausamkeiten vergangener Tage zu erinnern.
Cat Power: Jukebox (Matador/Beggars/Indigo)
| Text: |
Christian Buss, BLZ |
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