Haltet ihn nicht für einen Zombie: Die Babyshambles über ihren abwesenden Frontmann Pete Doherty und ihr neues Album
Es war ja nicht anders zu erwarten: Zum Zeitpunkt unseres Interviews weilte Peter Doherty, das poetische Sprachrohr seiner Generation, zur Erfüllung der gerichtlich vorgeschriebenen Bewährungsauflagen wieder einmal in einer Entzugsklinik. Die britische Boulevard-Presse hatte kurz vor seiner jüngsten Verhaftung noch von einer Versöhnung des verfilzten Bohémiens mit seiner endlich von ihm getrennten, berühmten Geliebten Kate Moss in einer Suite des Nobelhotels Claridge's berichtet. Sobald diese Zeilen gedruckt sind, wird die Seifenoper längst um ein paar Kapitel weitergesponnen worden sein.
Video "Delivery"
Aber all das ist bloß der absurde Hintergrund der eigentlichen Story, in die wir an einem milchigen Londoner Spätsommer-Nachmittag eintauchen wollen. In einem Studio am Hoxton Square treffen wir Drew McConnell und Adam Ficek, die cleane Hälfte der Band Babyshambles, um mit ihnen über das neue Album "Shotter's Nation" zu sprechen, das angesichts des Chaos rundherum geradezu wundersam geordnet klingt. Die Hauptverantwortung dafür trägt Stephen Street, als Produzent von The Smiths und Blur eine der grauen Eminenzen im britischen Pop der letzten 20 Jahre.
"Normalerweise bleibt es Drew und mir überlassen, alle Beteiligten sachte ins Studio zu lotsen und die Dinge in Form zu bringen", erklärt Schlagzeuger Ficek. "Stephen wusste vorher wahrscheinlich nicht wirklich, worauf er sich da eingelassen hatte." Street stutzte nicht nur Dohertys mäandernde Songstrukturen zurecht, er setzte auch klare Grenzen in Sachen Drogenkonsum bei der Arbeit - ein scharfer Kontrast zu den lockeren Arbeitsmethoden des einstigen The-Clash-Gitarrenhelden Mick Jones, der sowohl das Babyshambles-Debüt "Down in Albion" als auch die zwei Libertines-Platten davor produziert hatte. "Mick war selbst ein Teil der Gang", sagt Ficek. "Er wollte den menschlichen Aspekt einfangen", fügt Bassist McConnell hinzu.
Nicht zuletzt wegen seines dem Mainstream anscheinend unzumutbaren Sounds spiegelten die Verkäufe von "Down in Albion" keineswegs die mediale Präsenz der Band wider. Der tägliche Rummel um Pete und Kate fütterte indessen ganze Schwärme von Paparazzi durch, und Moss selbst verdiente nach ihrer kurzen Phase als Paria der Modeindustrie plötzlich dreimal so viel wie zuvor. Bei ihrem labilen Lover zeigten sich die Plattenfirmen dagegen um einiges knausriger. Nach dem Auslaufen ihres Deals beim respektierten Rough-Trade-Label standen Babyshambles plötzlich ohne Vertrag da. "Wir waren im freien Fall", erzählt Adam Ficek. "Wir hatten gerade Pat (Walden, Gitarrist, Anm. d. Red.) verloren. Es war eine düstere, aber auch eine kreative Periode, denn das Spielen im Trio gab uns eine völlig neue Perspektive."
Nach dem geglückten Aufstieg eines Testballons in Form der 5-Track-EP "The Blinding" unterschrieben Babyshambles schließlich bei EMI/Parlophone. Ihr Sound klang nun merklich fokussierter, und mit der Aufnahme des Gitarristen Mick Whitnall in die Band hatte sich eine der vielen zerfransten Verbindungslinien zwischen dem Doherty-Universum des jungen 21. Jahrhunderts und weit älteren Pop-Traditionen zusammengefügt.
"Hol dir einen Drink und wir gehen da hin, wo all die Mods und die Skins zusammenkommen und so tun, als wäre es für immer 1969", heißt es in "Delivery", der von einem klassischen Kinks-Riff angetriebenen, ersten Single-Auskopplung aus "Shotter's Nation". Whitnall hat besagtes 69er-Jahr jedoch auch nur als Säugling erlebt. Er spielte in den Achtzigern in einer trotzkistischen Skinhead-Band aus Doncaster namens Skin Deep und danach in einer Ska-Band namens 100 Men.
Neulich, auf der Bühne des Glastonbury-Festivals, wirkte er in seinem grünbraunen Anzug trotzdem wie ein direkt dem Text von "Delivery" entstiegener Veteran der Mod- und Skinhead-Revivals - als er sich, augenscheinlich leicht umnebelt, zwischen ein paar verirrten Tönen auf seiner Rickenbacker die Mundharmonika verkehrt herum in den Mund steckte.
In einer anderen neuen Nummer namens "Crumb Beggin'" verwandeln sich Babyshambles in eine veritable Garage-Beat-Combo samt stilgemäß groovender Trash-Orgel. Drew McConnell hört in den Akkorden desselben Songs Anklänge an "About A Girl" von Nirvana heraus: "Wir hatten ein Treffen mit Peter in The Priory in Southgate (eine Rehab-Klinik, Anm.d. Red.). Nachher spielten wir ein bisschen Fußball im Garten, er nahm sich eine akustische Gitarre und fing an zu singen: 'Don't take me for a sunbeam.' Am Anfang dachte ich, er singt 'Don't take me for a zombie.'" Ein vielsagendes Missverständnis.
Im letzten Song des Albums, "The Lost Art Of Murder", dessen irreführender Refrain "Get up off your back" auf "Stop smoking... that" (statt "crack") reimt, taucht wiederum das bei dieser Gelegenheit bloß simple Akkorde zupfende, lebende Denkmal der britischen Folkgitarre, Bert Jansch, auf.
Alles in allem ergibt das einen befriedigend bunten Referenzen-Regenbogen. Und die hörbare Freude der Band am Musikmachen lässt einen das morbide Schauspiel der kommerziellen Mythenverwertung rund um ihren Frontmann endlich einmal vergessen.
"Die Kids wollen Blut sehen", meint Adam Ficek trocken, und auch Drew McConnell macht sich da keine Illusionen: "Natürlich gibt es jede Menge Voyeure, die so wie damals bei Johnny Thunders nur darauf warten, die letzte Station des Niedergangs einer Ikone mitzuerleben. Der Punkt, wo uns das als Band betrifft, ist wenn unser Sänger ins Gefängnis geschickt wird, weil irgendein Arschloch 30 000 Pfund für ein Foto von ihm kriegt. Man kann mit Peter nicht einmal die Straße entlanggehen, ohne dass ein Polizist ihn aufhält." Die kommende Tournee im November sieht er dennoch nicht als gefährdet an: "Wir haben einen großen Flugkoffer voller geklonter Peters. Und vor jedem Gig machen wir es auf, verpassen einem Peter einen Schuss Adrenalin in den Hals, er springt heraus und spielt den Gig. Nachher nehmen wir den geklonten Peter mit in den Backstage-Raum und knüppeln ihn zum Spaß auf brutale Weise zu Tode."
Babyshambles: "Shotter's Nation"; erschienen bei EMI/Parlophone