Die Elektro-Legende Depeche Mode, mit 100 Millionen verkauften Alben eine der erfolgreichsten Bands der Welt, veröffentlicht am 17. April ihr mittlerweile zwölftes Studioalbum „Sounds of the universe“.
Verstörende Intros sind in der Diskographie der britischen Band nicht selten. Man denke an „I feel you“ vom 1993er Album „Songs of faith and devotion“ oder an „A pain that I’m used to“ vom letzten Album „Playing the angel“ von 2005. Der Beginn des neuen Albums übertrifft dies bei Weitem: Die erste Minute von “In chains” ist die vertonte Absage an jede Eingängigkeit, was insofern aber passt, als Depeche Mode bei allem kommerziellen Erfolg immer auch für das Alternative und Experimentierfreudige stehen. Eines vorweg: Es lohnt sich auch dieses Mal, darauf zu verzichten, die CD wegen vermeintlicher Beschädigung umtauschen zu wollen.
Musikalisch ist der Opener ein Höhepunkt des Albums. Textlich bietet er das, was man von Depeche Mode erwartet und was auch in den anderen Titeln des Albums mitschwingt: Liebe, Sexualität, Abhängigkeit, Dominanz, Melancholie. Die von Chef-Songschreiber und Multi-Instrumentalist Martin Gore gesungene Ballade „Jezebel“ über Isebel, das verruchte Weib aus dem Alten Testament, zeugt von Gores Vorliebe für biblische Anklänge. Das sehr gute „Perfect“ versucht dann gar die Annäherung an das Transzendente, wenn verschiedene Universen besungen werden – wohl einer der Gründe für den Titel des Albums.
Wie schon 2005 auf „Playing the angel“ stammen einige Stücke auf dem Album aus der Feder von Lead-Sänger Dave Gahan. „Hole to feed“ fügt sich gut ins Gesamtbild des Albums. Das dunkle, sehnsuchtsvolle „Come back“ weiß musikalisch durchaus zu gefallen, wirkt verglichen mit anderen Depeche Mode-Titeln aber textlich teilweise eher banal. Fairerweise muss man sagen, dass der Vergleich mit Gore, einem der besten Songschreiber der letzten Jahrzehnte, fast zwangsläufig zuungunsten von Gahan ausfallen muss, der sich so gesehen gut schlägt. Es bleibt bei beiden Titeln aber der Eindruck zurück, dass mehr möglich gewesen wäre.
Das gesamte Album lässt sich vielleicht als Versuch eines Revivals der musikalischen Experimente der frühen Jahre deuten. Gore besorgte sich während der Aufnahmen unzählige alte analoge Synthesizer und Drumcomputer, die auf dem Album auch deutlich Spuren hinterlassen haben. Der breite, futuristisch anmutende Elektro-Sound-Teppich ist dann wohl der andere Grund für den Titel des Albums. Gitarren-Sounds, die seit Anfang der 90er Jahre fester Bestandteil bei Depeche Mode sind, halten sich eher im Hintergrund. Dennoch kann nicht von einem durchgängig nach Retro klingenden Album gesprochen werden.
Das grandiose „In sympathy“ etwa, gewiss eine der nächsten Single-Auskoppelungen, oder Titel wie „Peace“ oder auch „Fragile Tension“ klingen schon irgendwie nach alten Synthie-Tagen. Andere Titel entziehen sich aber dieser Einordnung. „Little Soul“ ist eine atmosphärisch gelungene Ballade, die Gore und Gahan gemeinsam singen. Das einzige Instrumental-Stück „Spacewalker“ macht dem Album-Titel alle Ehre. Die beiden Geheimtipps des Albums „Miles Away – The truth is“ und insbesondere „Corrupt“ haben mit Pop nichts zu tun. Vor allem „Corrupt“ gefällt nach mehrmaligem Hören, eben ohne von vornherein in irgendeiner Form eingängig zu sein.
Die erste Single „Wrong“ schließlich, die bereits erschienen ist und aufgrund eines ebenso brillanten wie schockierenden Videos einigen Gesprächsstoff lieferte, klingt hart elektronisch und eben nicht einfach nach Depeche Mode in den 80ern. Gores Text zu „Wrong“, der Schmerz und Ironie pur bietet, ist sicher außergewöhnlich und mag von einer gewissen Reife zeugen, die man aber auch erwarten kann, wenn man 30 Jahre im Geschäft ist. „Wrong“, bei dem sich manch einer noch immer fragen mag, was hier eigentlich Strophe und was Refrain ist, ist insofern bezeichnend für das Album, als er zwar durchaus beim ersten Hören zündet, aber seine wirklichen Qualitäten doch erst nach mehreren Durchgängen richtig offenbart. Es gehört sicher zu den besten Depeche Mode-Songs dieses Jahrzehnts.
Dass das ganze Album mitunter mehrere Anläufe braucht, um wirklich gemocht zu werden, ist dann auch als Kompliment zu verstehen in Tagen, in denen die Charts anscheinend dominiert werden von eingängigen, aber eben auch allzu belanglos wirkenden Titeln, die schnell langweilig werden.
Die Messlatte für ein Depeche Mode-Album liegt hoch. Auch wenn mancher sicher mehr erwartet hätte: „Sounds of the universe“ ist keine Enttäuschung und spielt in der gleichen Liga wie sein Vorgänger „Playing the angel“ und macht den kleinen Hänger von 2001 mit dem Album „Exciter“ endgültig vergessen. Die Vorfreude steigt auf die große Stadion-Welt-Tournee, die am 10. Mai startet und die Band am 10. Juni auch nach Berlin ins Olympiastadion führt.
Text: Benjamin P. Lange