Graue Eminenzen des Underground-HipHop


Dieses Album ist ein Erzeugnis des reinsten Luxus. Die 42 Tracks, die der DJ, Produzent und Rapper Madlib hier in nur 67 Minuten vorbeirauschen lässt, sprechen Bände über den unsteten Geist, der sie vor dem geneigten Hörer ausbreitet.

Und für den, der sie hört, kommen sie gefährlich nah an ein psychedelisches Erlebnis, das einen kreuz und quer durch ein erstaunliches Universum von Musikstilen, Geräuschen und Beats trägt. Sehr naheliegend das Pseudonym Beat Konducta - Beat-Dirigent -, das sich Madlib für diese Serienarbeit zugelegt hat, deren Folgen 5 und 6 er hier präsentiert.

Seit den mittleren Neunzigern beschäftigt sich Otis Jackson, Jr., so heißt Madlib bürgerlich, nun schon mit der Kunst des gut geschnittenen Beats. Bereits 1993 konnte man den damals 19-Jährigen, dessen Eltern beide Musiker sind, mit seinem Trio Lootpack auf Tracks der Westküsten-Crew Tha Alkaholics hören. Seit 1996 ist er der Vorzeigekünstler des renommierten Independent-Labels Stones Throw aus L.A., der Werkstatt des experimentierfreudigen DJs Peanut Butter Wolf, wo er seither als eine Art Hausproduzent zahlreiche Tracks produziert hat. Nebenher fiel Madlib seit der Jahrtausendwende durch Solo-Projekte auf, am nachdrücklichsten unter seinem Pseudonym Quasimoto, dessen Markenzeichen neben den wildernden Beats die in Heliumhöhe beschleunigte Stimme ist. Doch auch durch seine Bearbeitungen von Jazz-Klassikern des Blue-Note-Archivs und Kollaborationen mit anderen Rappern und Produzenten verdiente er sich in den letzten zehn Jahren den Ruf einer grauen Eminenz des Underground-HipHop.

Für sein bestes Album halten dabei viele Fans und Kritiker "Champion Sound", das er 2003 gemeinsam mit seinem Kollegen J. Dilla alias Jay Dee alias James Yacey unter dem Namen Jaylib veröffentlichte. Dilla - ein musician's musician, also einer, der vor allem von Kollegen und Kennern verehrt wird - starb vor drei Jahren an einem Nierenleiden, bevor ihm neben dem Respekt auch ein breiter Durchbruch gegönnt war. Seither gibt es auf Stones Throw (und unter verschiedenen anderen Adressen) immer wieder Aufnahmen aus dem Nachlass. Die ergänzt Madlib nun mit dieser Beat-Konducta-Veröffentlichung, die er seinem Künstlerfreund als musikalisches Denkmal gewidmet hat.

Doch auch wenn sie nun ein wenig mehr in die von Dilla bevorzugten Soulgefilde tauchen, handelt es sich dabei, wie bei den anderen Folgen, eher um Ideen und Skizzen, so aufpoliert, dass sie wie ein Mixtape arrangiert und in Fluss gebracht sind. Zu hören gibt es prachtvoll aufgearbeitete, gescratchte und verkantete Schlaufen aus knisterndem, schepperndem Sixtiessound, süßen Frauenchören, Radiostimmen und Reggaetoastern, Fingerschnalzen, Bläserschnipseln und Sirenen. Und darunter federnde Bässe, Pianoakkorde und schwere Bassdrums.

Wer durch diese Hommage auf den Geschmack gekommen ist, bekommt auf dem ersten Teil einer geplanten Compilation-Reihe die Gelegenheit, Dillas eigene Arbeit durch Klassiker von Erykah Badu und De La Soul, Busta Rhymes oder Common kennenzulernen. Auch wenn nicht ganz klar ist, nach welchen Kriterien die Tracks von "Dillanthology 1" zusammengestellt sind, so bekommt man hier eine schöne Sammlung ebenso knackiger, wie soulbeeinflusster HipHop-Stücke aus den Neunzigern. Durch die sich bei aller stilistischen Breite zwischen Latin-Beats, Jazz-Samples und Synth-Bässen eine sehr eigene, gleichermaßen funkige wie elegante Handschrift zieht.

Madlib: Beat Konducta 5&6 (Stones Throw/Groove Attack)

J. Dilla: Dillanthology 1 (Rapster/ !K7)

Text: Markus Schneider/BLZ