Alles fließt, nichts ist weich


Patti Smith gibt sich in ihrem neuen Album einem alten Konflikt hin: dem Kampf zwischen Kunst und Natur.

Dem Tod kann man nicht davon rennen - wieso ihn also nicht gleich umarmen? Die Punkrockdichterin Patti Smith, die in den letzten 20 Jahren einen geliebten Menschen nach dem anderen beerdigen musste, hat deshalb ein sonderbar liebevolles Verhältnis zum Tod entwickelt. So konnte man die Künstlerin in der unlängst auf Arte ausgestrahlten Langzeit-Dokumentation "Dream of Life" bei allerlei morbiden Zärtlichkeiten beobachten.

Unter anderem besuchte sie bei den Aufnahmen zum nicht gänzlich gelungenen, aber streckenweise höchst eindrücklichen Filmporträt die letzten Ruhestätten ihres Ehemanns Fred Smith, einst Gitarrist bei MC 5, und ihres literarischen Idols Arthur Rimbaud. Aber was heißt bei einer Geisterbeschwörerin wie Patti Smith schon "Ruhestätten"? Trotz Absperrungen kroch und kletterte sie vor laufender Kamera auf dem Grabstein von Rimbaud in Paris herum, als gelte es, den Geist des Verstorbenen zu ertasten.

Ein ähnlich nekrophiles Verhältnis unterhält die Sängerin zu den sterblichen Überresten ihres Freundes Robert Mapplethorpe. Bei den Aufnahmen zu "Dream of Life" holte sie eine kleine Urne heraus, in der sich die Einäscherungsrückstände von Mapplethorpe befinden. "So kann ich ihn überall mit hinnehmen", sagte Patti Smith, während sie zärtlich die Knochenreste in ihre hohle Hand schüttete. Mit dem bisexuellen Fotografen Mapplethorpe hatte sie Anfang der Siebziger in ihren frühen New Yorker Tagen eine Arbeits- und Liebesbeziehung unterhalten, der Freund finanzierte ihr damals auch die erste, heute legendäre Single "Hey Joe". 1989 starb er an Aids.

Nun hat die Allround-Kreative dem Verstorbenen ein Requiem eingespielt: "The Coral Sea", eine musikalische Vertonung ihres schon 1996 unter gleichem Titel veröffentlichten Prosa-Bandes. In der CD-Hülle erklärt Smith, sie habe bei Mapplethorphes schmerzhaftem Dahinsiechen am HIV-Virus fast nur geheult und wollte ihm danach noch etwas anderes als Tränen schenken.

So ist die Doppel-CD "The Coral Sea", eingespielt an zwei Abenden in der Londoner Queen Elizabeth Hall mit dem großen Gitarrenstilisten Kevin Shields von My Bloody Valentine, auch eine Reflexion über die Machtspiele zwischen Leben und Kunst geworden. Denn was ist größer: die Natur oder die menschliche Schaffenskraft, der Körper oder die geistige Verfeinerung? An zentraler Stelle proklamiert Patti Smith über den toten und doch so präsenten Freund kämpferisch: "Art not nature moved him."

Die Kunst also trieb Mapple-thorpe an und nicht die Natur. Die Kunst, das macht sie eindringlich in dieser fast zweistündigen Totenfeier deutlich, war bei ihm also tatsächlich größer als das Leben. "Er ignorierte die Natur", lobpreist sie den Porträtarrangeur und Weltenschöpfer Mapplethorpe, der die Musikerin selbst Mitte der Siebziger in Posen fotografiert hat, die inzwischen längst in die Ikonographie des Punkrock eingegangen sind. Am Ende dann, so Smith habe er dann "Frieden geschlossen mit der Natur".

Der Duktus der 61-Jährigen besitzt noch immer eine unnachahmliche Dringlichkeit. Aufgewühlt, zärtlich, wütend: Die Stimmungen, die Kevin Shields mit seinem sonderbar körperlosen und über zwei Stunden machtvoll schwelenden Gitarrentremolo kunstvoll zu verstärken schafft, wechseln beständig, doch als Widerspruch nimmt das der Hörer nicht wahr. Alles fließt bei Patti Smith - aber nichts ist weich.

Vielleicht ist sie deshalb noch immer die größte weibliche weiße Stimme des Rock'n'Roll. Noch im ausuferndem Chaos gelingt es ihr, die Eindeutigkeit des Gefühls zu beschreiben und jeden Zweifel niederzuringen.

Wer mit der Kunst den Tod überwinden will, das zeigt dieser überhaupt nicht düstere Nekrolog, der darf dessen Macht erstmal nicht anzweifeln, sondern kann eben nur eines machen: ihn so inniglich umarmen wie das hier die Punkrock-Schamanin Patti Smith tut.

Text: Christian Buss/BZ