Souverän, schräg und hysterisch soulsensibel: "The Odd Couple", Gnarls Barkleys zweites Album
Who's Gonna Save My Soul" ist das schönste Stück Musik des jungen Jahres. Es ist der langsamste Song von "The Odd Couple", dem neuen Album von Gnarls Barkley, ein verzweifelter zudem, und trotzdem die zweite Single. Sänger Cee-Lo klingt mit seinem tragischen, hellen Tenor und der gospelartigen Emphase wie ein mental stark angegriffener Al Green, die 70er-Soullegende, die sich später der Kirche zuwandte. DJ Danger Mouse lässt dazu den Beat komisch rasseln, als habe er ein depressives Schlossgespenst gesamplet, ganz hinten verbreiten zwei nur eben so wahrnehmbare, wimmernde Akkorde einer alten Orgel sachten Schauer. Diese sehr spezielle und ungewohnte Engführung von Sounds der Sechziger- und Siebzigerjahre, von Soul, Pop und Easy Listening mit moderner DJ-Kunst und Beats ist das Markenzeichen Gnarls Barkleys.
So wirkte dann auch der ungeheure Erfolg des US-Duos vor zwei Jahren recht unwahrscheinlich. Im Gefolge der zielstrebig durchdrehenden Single "Crazy" - die erste nebenbei, die allein durch Downloads britische Nummer Eins wurde - entwickelte sich das froh verzwirbelte, retrofuturistische Konzept zum Popereignis des Jahres. Das Debüt-Album "St. Elsewhere", Sankt Anderswo, tauchte in allen Jahres-Charts auf und verkaufte sich in Millionenhöhe. Und das, obwohl Musik wie Musiker die Sehnsucht nach dem ziemlich Anderen mit komischen Klängen und buckligen Rhythmen sowie eigenartigen Bühnenoutfits - als Totengötter des Mardi Gras oder als Figuren aus "Wizard of Oz", "Austin Powers" oder "Star Wars" - deutlich mainstreamvergessen zum Ausdruck brachten.
Es sind schon stabilere Existenzen als Brian Burton und Thomas Calloway, so die bürgerlichen Namen der beiden, an der Aufgabe gescheitert, einem Hype einen würdigen Nachfolger anzuhängen. Gnarls Barkley jedoch ist es aufs Schönste gelungen. Vor allem, weil sie ganz entspannt ihre stilistischen Vorgaben gefestigt haben. Statt eines sprühenden Originalitätsanfalls gibt es nun elegante Konzeptcrazyness. "The Odd Couple" hört sich daher zwar recht genau an wie das Debüt, ist aber zugleich weniger aufgeregt und schrill.
Ein seltsames Gespann sind sie natürlich schon, der moppelige, überdrehte Rapper und Sänger Cee-Lo Green aus dem "Dirty South", wie man Mitte der Neunziger die HipHop-Szene aus den Südstaaten der USA nannte, und der ehemalige TripHop-DJ Danger Mouse, der in New York aufwuchs, in Atlanta studierte und für längere Zeit in London lebte. Cee-Lo spielte in Atlanta mit dem Gangsta-Trio Goodie Mob in der zweiten Hälfte der Neunzigerjahre drei Alben ein. 2002 und 2004 veröffentlichte er zwei Alleingänge, die ebenso soulvoll wie psychedelisch angekratzt waren, aber über Kritikererfolge nicht hinauskamen - zu schräg als Soul-Pop für die Charts, zu verspielt und songförmig für die HipHopper.
Video: Gnarls Barkley - The Odd Couple (Warner)
Danger Mouse wiederum - den Künstlernamen hat er von einer britischen Cartoonfigur der Achtziger geliehen - wurde bekannt mit dem wohl erfolgreichsten illegalen Album der Geschichte. Über eine Million mal wurde angeblich sein "Grey Album" aus dem Netz gezogen, für das er 2004 das weiße Album der Beatles mit dem "Black Album" Jay-Zs mixte. Das brachte ihn nicht nur ins Visier der Lifestyle-Presse wie GQ, wo man ihn 2004 unter die Männer des Jahres wählte. Sondern führte zum musikalischen Durchbruch, als ihn Damon Albarn im Jahr darauf für die Produktion des zweiten Albums seiner Cartoonband Gorillaz verpflichtete. Dabei lässt sich Danger Mouse nicht auf HipHop-nahe Projekte festlegen, wie seine Arbeit für die Dancepunks The Rapture oder das Rock-Duo The Black Keys zeigt. Demnächst hört man ihn zusammen mit dem etwas verblassten postmodernistischen Beatnik Beck.
Die stilistische Offenheit und das aufgekratzte Gerappel Gnarls Barkleys erinnern wiederum an das HipHop-Duo OutKast, zu deren Umfeld namens Dungeon Family auch der Goodie Mob gehörte. OutKasts größter Erfolg "Hey-Ya" wirkt wie eine Art Vorbote von "Crazy". Mit seiner modischen Dandyhaftigkeit scheint OutKasts André 3000 jedoch auch Rollenvorbild für die Selbstinszenierungen Gnarls Barkleys zu sein - die damit nicht nur karnevalesker Verkleidungslust frönen, sondern, gerade für HipHop-Kontexte auch durchaus gewagt, mit Motiven gebrochener Männlichkeit und Genderrollen spielen. So posieren die beiden auf Fotos als Paar mit Cee-Lo als Frauenbesetzung, und geben dessen Falsett und den Texten voll Unsicherheit und Beklemmung so auch einen Ton sexuellen Zweifels.
Noch schöner als auf dem Vorgänger verbinden sich auf "The Odd Couple" die hysterische Soulsensibilität Cee-Los und das Poptrash- und Soundtrack-Universum, aus dem Danger Mouse seine Sounds und verwackelten Rhythmen schöpft. Dabei entsteht sein eigentümlich staubiger Flohmarkttouch nicht zuletzt durch die Angewohnheit, alle Instrumente außer Stimme, Bass und Drums ungewohnt in den Hintergrund zu stellen. Naturgemäß glänzt "The Odd Couple" nicht mehr im grellen Reiz des Neuen, dem das erste Werk die Aufmerksamkeit verdankte. Umso deutlicher treten bei aller hinzugewonnenen Souveränität Wirrnis, Schmerz und eine Einsamkeit, bei der man, wie Cee-Lo singt, "selbst vom eigenen Schatten verlassen" ist. Doch dienen Schrägheit und Verwundungen nun nicht mehr dem Selbstzweck. Sondern, wie sich das im Pop gehört, der Rettung unsrer Seelen.
Statt eines sprühenden Originalitätsanfalls gibt es nun elegante Konzeptcrazyness.