Robert Wyatts - Comicopera
Wie es dennoch weitergeht: Robert Wyatts schönes, trauriges, lebensfrohes Album "Comicopera"
Als das Nachleben begann, ist er in der Blüte seiner Jahre gewesen. 1973, da war er 28, stürzte Robert Wyatt von einem Balkon und brach sich das Rückgrat dabei. Zuvor zählte er zu den bedeutendsten Schlagzeugern seiner Generationen; seine Band Soft Machine bildete - zusammen mit Pink Floyd - die Speerspitze der englischen psychedelischen Musik. Seit 1973 sitzt Robert Wyatt im Rollstuhl, von Schmerzmitteln, Krankheiten, Depressionen geplagt, gepflegt von seiner Frau, der Dichterin Alfreda Benge, in einem kleinen Häuschen in Lincolnshire, einer der entlegensten und ödesten Ecken im mittleren England, irgendwo zwischen dem längst entwaldeten Nottingham und den aufgelassenen Vergnügungsmeilen der Nordseeküste.
Es ist das schmerzreichste, strahlendste Nachleben im Pop. Seit 25 Jahren hat Robert Wyatt nicht mehr öffentlich musiziert. Aber jedes von den Soloalben, die er sich seit "Rock Bottom" (1974) alle fünf bis sechs Jahre abgerungen hat, ist ein musikalischer Schatz. "Comicopera" heißt das neue Werk, das heute erscheint, ein Triptychon, das von Liebe, Krieg und Hoffnung handelt, mit zornigen politischen Liedern über den Hass, den die Soldaten seiner Regierung in die Herzen "befreiter" Völker einpflanzen; aber auch mit den berührendsten, weisesten Liebesliedern, die man sich vorstellen kann.
"Just As You Are" heißt das Duett, das fast am Anfang der Platte steht; ein Duett, das von gegenseitiger Enttäuschung handelt, von Schwäche und dem Geständnis eigener Schuld: doch so kleinmütig ist dieses Geständnis, dass man sich ein Zusammenleben danach eigentlich nicht mehr vorstellen kann. "Wenn ich in deine Augen sehe / kann ich nur Lügen finden", singt die weibliche Stimme (interpretiert von Monica Vasconcelos) - "Was soll ich tun? Soll ich dich wirklich so lieben, wie du bist?" Beide wissen, dass es nicht anders geht; aber so zitternd und klein flackert die Flamme der Liebe in Liebesliedern nur selten; so ratlos und mutlos haben kaum jemals zwei Liebende geklungen, die trotz allem aneinander festhalten. "In your way you've been true", auf deine Weise bist du wahrhaftig gewesen - das ist das Liebevollste, was sie ihm noch sagen kann. "In my way, I've just lived for you", auf meine Weise habe ich nur für dich gelebt - das ist das Ehrlichste, was er erwidern kann, auch wenn er weiß, dass sie nicht mehr weiß, was er mit "für dich" meint.
Das Lied handelt von Robert und Alfreda, den alten Eheleuten selbst; sie haben es gemeinsam geschrieben. Es geht die Alkoholsucht, die Robert immer noch nicht besiegt hat, auch 35 Jahre nicht, nachdem er sich das Rückgrat brach - betrunken.
In frühen Jahren hat Wyatt mit einer feenhaft hohen Stimme gesungen, einem schwirrenden und sägenden Falsett. Diese Lagen erreicht er nicht mehr; doch hat er sich Musik geschrieben, die diesen Mangel in Schönheit verwandelt und in ein Gefühl für das Leben. Trompete, Klarinette und vor allem die wunderbare Posaune, die die britische Jazzmusikerin Annie Whitehead für ihn bläst, verdoppeln und erheben seinen Gesang; schließlich lassen sie ihn weit unter sich und streben davon. Phil Manzanera und Brian Eno (deren erste Band Roxy Music sich Anfang der 70er-Jahre auch aus Bewunderung für die Soft Machine gründete) spielen Gitarre, Bass, Keyboard und "Enotron", ein Gerät, in dem eine einzelne menschliche Stimme in ein summendes Orchester verwandelt wird; ein warmes Stimmenorchestersummen, rauschend grundiert wie von einem jener Fairlight Synthesizer, mit denen Ende der 70er-Jahre das Samplen in die Popmusik einzog.
Die Arrangements, die Wyatt geschrieben hat - nicht selten zusammen mit seiner nahen, fremden Gefährtin Alfreda -, sind wie jazzhafte Texturen gewirkt; wie kleine Fragmente aus einem Orchesterwerk, das noch zu Ende gebracht werden muss. Duke Ellington und Charles Mingus nennt Wyatt als Vorbilder für diese Musik, die absichtlich skizzenhaft bleibt und doch so ans Herz geht wie wenig, was gegenwärtig zu hören ist - wegen ihrer Reife und Würde, ihrer Illusionslosigkeit und Tapferkeit."Comicopera" ist wahrhaft reife Popmusik; sie handelt vom Alter, ohne sich nach Jugend zu sehnen - nicht in der würdelosen Imitation, auf Mick-Jagger-Weise, noch im schlichten Bejammern der vergangenen Zeit
"Comicopera" hat eine popmusikalische Sprache gefunden für den Verfall und das Vergehen, für das Altern des eigenen Körpers und der Welt um einen herum. Was von Wyatts Falsett der frühen Jahre geblieben ist, ist eine kunstvolle Kraftlosigkeit, eine Mattheit, der alles Männlich-Energische fehlt, die sich im Leiden aber auch nicht selber genügt. Wyatt jammert nicht, winselt nicht, er ist nicht melancholisch. Er ringt sich seinen Gesang ab wie einen letzten Seufzer vor dem Zustand der ewigen Ruhe. Doch ist seine Musik keine Todesmusik. Sie kündet von dem Wunder, dass es dennoch weiter geht; wie man sich trotz aller Verletzungen, aller Schwäche und - was das Schlimmste ist - aller Fremdheit, die man auch nach Jahrzehnten an seinen Liebsten noch spürt, mit dem Leben befreundet, das man besitzt.
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Text: Jens Balzer / BLZ
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