Koch mir in Strapsen am Herd deine Feinde - Die Berliner Rap-Crew K.I.Z. gibt dem deutschen HipHop die verlorene Ironie zurück
Guten Tag, guten Tag, wir ham dein Leben gefickt," schreien einen ein paar fröhliche jugendliche Stimmen an. Hallo auch, deutscher HipHop, der uns diesmal in Gestalt von K.I.Z anrüpelt. Den kernigen Gruß haben sie in den Refrain von "Hahnenkampf" aufgenommen, Titelstück ihres neuen Albums. Mit K.I.Z finden wir uns in der Berliner Hardcore-Abteilung, vielleicht im Kreuzberger Ghetto, wo die Vier wesentlich ihre Wurzeln haben. Vielleicht auch in "Neukölln, Hartz IV, Problembezirk / wo 'ne Jungfrau nicht älter als dreizehn wird." Überall dort jedenfalls, wo derzeit Verrohung, soziale Kälte und Diskriminierung zu Hause sind und von der Gangsta-Jugend in grimmigen Sprechgesängen gefeiert werden. So auch bei K.I.Z, deren drei Rapper Tarek, Maxim und Euro8000 kaum etwas auslassen, was derzeit Politiker und Medien umtreibt: "Brich die Schule ab / Stich nen Schwulen ab / Auch du kannst ein Künstler sein / bemal ein Judengrab / Dein Leben ist ein Scheißjob / aber einer muss ihn machen . du willst, dass jeder dich kennt: vielleicht fällt das Licht auf dein Viertel, wenn es brennt."
Ein Auszug aus "Wenn es brennt", der nicht nur hart klingt, sondern in seiner Überspitzung aller gängigen deutschen Ghettoklischees auch so gemeint ist. Allerdings - deswegen würde man K.I.Z als Vierzehnjähriger sicher sehr schick finden - richtet es sich gleichermaßen entschieden gegen die sentimentale Verklärung der Aufstiegsstorys bekannter Rapper wie gegen das verzerrte Bild der Unterschicht, gegen die verblödeten Hasstexte einiger Hardcore-Kollegen ebenso wie gegen die übergroßen Bedenken der institutionalisierten Öffentlichkeit gegenüber einer oft albern provokanten Jugendkultur. Dazu benutzen K.I.Z im deutschen HipHop fast vergessene Stilmittel wie Selbstironie, Anspielungen, Zitate und einen überraschend lässigen Gossenhumor.
"Aber," erklärt Tarek, "es ist ja kein belangloser, beliebiger Humor. Wir versuchen schon, Leute da zu treffen, wo's wehtut, und gleichzeitig wird es niemand wagen, uns als Blödelbarden hinzustellen. Uns ist das schon ernst, nur eben recht vorschlaghammermäßig. Wir wollen etwas kaputtmachen, um was Neues aufzubauen." - "Wir grenzen uns andererseits aber gar nicht ab gegen die Gangsta", sagt Maxim, der als Franzose in Berlin seine Kreuzberger Straße ebenso wie die Diplomatenkids seiner Schule kennenlernte, "ich feier ja diese Berliner Sachen schon. Ich teile nur nicht alle Meinungen."
Vielleicht erinnert der Flow von "Wenn es brennt" nicht umsonst an Bushido, dessen letztes Album mit 250 000 verkauften Alben Platinstatus erreicht hat und damit unterstrich, wie populär deutscher HipHop trotz der allseits konstatierten kreativen Krise ist. 56 mal 14 Meter groß hängt Bushido derzeit am Bahnhof Zoo und scheint mahnend in Richtung seines demnächst erscheinenden neuen Albums "7" zu schauen. Schon gibt es mit "Alles verloren" einen ersten Track, der wieder tiefgefühlt von Männerfreundschaft und der Unausweichlchkeit krimineller Ghettokarrieren dröhnt.
Auch wenn sich K.I.Z. über diese Art Ghettokitsch lustig machen, denunzieren sie in ihren eigenen Raps weder den Ort noch die jeweiligen Protagonisten. Sie misstrauen, wie es in jeder Subkultur üblich ist, der Kritik von außen. Ihre Tracks setzen auf die internen Kanäle. Namen fallen dabei nicht, schon weil es aus sportlichen Gründen "viel lustiger ist, wenn es nur der Betroffene selbst weiß."
Dabei ist die Wortwahl auch zu krass, um sich als positives Beispiel für den Deutschunterricht oder Bundestagsdebatten instrumentalisieren zu lassen. Unbestreitbar gelingt ihnen jedoch, den Diskurs über Sprache und Wahrheit der aktuellen Ghettorepräsentation präzise auseinanderzunehmen.
"Viele der Baggyhosen-tragenden HipHop-Spießer," grinst Tarek, "finden das nicht so lustig, was wir gerade mit ihrer komischen Kultur anstellen. Dass wir sie einfach in ihrer Selbstinszenierung nicht so ernst nehmen: wie sie finster in die Kamera gucken oder irgendwelche Platitüden - geh deinen Weg und leb dein Leben - verbreiten."
Dass es trotzdem funktioniert und mittlerweile sogar die Major-Firma Universal in den Vertrag mit dem Undergroundlabel Royal Bunker eingestiegen ist, liegt daran, dass K.I.Z nicht nur ein gutes Ohr für Klischees haben und sie in originelle Wendungen hineinfummeln können, sondern auch technisch höchst überzeugend rappen. Deshalb gelingt ihnen selbst ein Track wie "Neuruppin", der aus "House of the Rising Sun" "ein Haus in Neuruppin" macht, in dem ein dumpfer Ich-Erzähler wochenends Frauen umbringt: Die abgestandene Musikauswahl und der Fluss des Raps stellen ziemlich elegant die Unbeholfenheit der so genannten Psychokore-Szene nach, die letzthin durch Morddrohungen gegen die Politikerin Monika Griefahn und Waffenbesitz kurz vom Licht der Öffentlichkeit befunzelt wurde.
K.I.Z zitieren aber auch Grandmaster Flashs "The Message" oder erinnern an die großen Hamburger Humoristen 5 Sterne Deluxe; sie erzählen von geriatrischem Sex oder wollen ein böses Mädchen, das "mir in Strapsen am Herd ihre Feinde kocht" und "Pferde heben kann wie Pippi Langstrumpf". Die Beats spielen technoid-gerade Rhythmen ebenso an wie sie jazzig Entspanntes benutzen, Old School-Funk anreißen oder elektropoppig daher hüpfen. Die handwerklichen Skills haben die vier auf bisher zwei recht parodistischen Alben geschärft, zuletzt auf dem Mixtape "Böhse Enkelz", für das sie zu deutschen und US-Beats Stilparodien übten. Ihre lustige Ghettogangster-Persiflage "Was willst Du machen" wurde angeblich sechsstellig aus dem Internet gezogen.
Auch wenn die K.I.Z.ler recht empfindlich die Grenze zwischen Repräsentation und Ausbeutung registrieren und "ausgestopfte Rapper" über ihrem Kamin hängen haben, kämen sie doch nie auf die Idee, die Existenz des Ghettos, wie es im Berliner Rap immer wieder beschworen wird, grundsätzlich anzuzweifeln. "Das heißt ja deswegen nicht Soweto oder Warschau," schränkt Tarek ein. "Ein Jude könnte doch auch auf den Unterschied zwischen der Bronx und Warschau verweisen." Maxim ergänzt: "In Kreuzberg zum Beispiel gibt es Ausgrenzung, die Leute kommen nicht raus aus der Gegend, in der sie geboren sind, örtlich wie sozial gesehen - und das heißt für mich Ghetto. Wenn man feststellt, dass es da scheiße ist, will man sich deswegen noch lange nicht einfach profilieren. Das ist eine blöde bürgerliche Ansicht von Leuten, die das nur aus dem Fernsehen kennen."
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K.I.Z.: Hahnenkampf (Royalbunker/Universal)
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Text: Markus Schneider, BLZ