"Ali Baba's Blumenladen" soll nach 20 Jahren zwangsgeräumt werden.
BerlinOnline/Hanne Bohmhammel

Ali Baba und die Räumer: Eine Existenz in Spandau steht auf dem Spiel. Kommt es jetzt zur Zwangsräumung?

Wie umarmt vom großen Bruder liegt ein kleiner, bunter Blumenladen unter dem breiten Dach von Edeka. Seit zwanzig Jahren.

"Ali Baba’s Blumenladen" tänzelt in fliederfarbener Schrift über das lange Schild, das so gar nicht zu dem grellen Discounter-Gelb daneben passt. "Ich hätte mich auch 'Edekas Blumenladen' genannt", sagt Tahir Ali Mahmood, der Besitzer von Ali Baba‘s Blumenladen, "wenn ich dann hätte bleiben können." Denn exakt zehn Tage, nachdem er das große Namensschild über dem Laden aufgehängt hatte und fast 20 Jahre, nachdem er seinen ersten Stand auf dem Edeka-Parkplatz eröffnet hatte, kam die Kündigung des Mietverhältnisses von Edeka durch die Tür geflogen. Dieselbe Tür, durch die bis heute alle paar Minuten ein neuer Kunde seinen Kopf steckt.

"Bis wann ham’se denn Sonnabend jeöffnet?", fragt ein alter Herr mit Hut. "Wir wissen nicht, ob es uns Samstag überhaupt noch gibt", sagt Petra Wetzel, Mahmoods Mitarbeiterin seit der ersten Stunde. "Wir sollen am Freitag zwangsgeräumt werden."

Zwangsräumung. Der Begriff steht für eine Stimmung, einen Vorgang hier im Laden, den sich Petra in der Wirklichkeit nicht vorstellen kann, und Ali auch nicht.
Denn dieses Wort bedeutet, dass er "mit nichts gehen soll", so wie er "mit nichts" im Jahr 1994 auf dem Parkplatz erschienen war. Obwohl Ali sich seitdem keinerlei Fehlverhalten im Mietverhältnis erlaubt hat. Edeka sah das 2013 genauso: "Wir bedanken uns für das angenehme Mietverhältnis" stand in der Kündigung vom 16. Mai 2013. Während der sechsmonatigen Kündigungsfrist danach haben Antje Liss vom Edeka-Vermietungsmanagement und Petra Seitz, Marktinhaberin der Filiale in der Falkenseer Chaussee 239, Ali und Petra ein Angebot gemacht: Sie können mit dem Blumenladen dorthin ziehen, wo die Flaschencontainer stehen, vor den Parkplatz an die Straße.

"Wir würden dort gerne hinziehen und weiter mit und nicht gegen Edeka arbeiten", sagt Ali, "aber wir können das nicht bezahlen." Etwa 50.000 Euro würden Umzug, Genehmigung und der neue Bau kosten. "Wir verkaufen Blumen und kein Gold", meint Petra. Von einem alternativen Vorschlag wissen die beiden nichts. Also haben sie die Auszugs-Frist im Januar verstreichen lassen. Als Antje Liss Mitte Januar 2014 kam, um die Schlüssel abzuholen, hat Petra sie ihr einfach nicht gegeben.

"Zwangsräumungen sind nicht nur in den Innenstadtbezirken wie Kreuzberg oder Neukölln ein Problem. Auch Menschen in anderen Stadtteilen sind gefährdet", meint David Schuster vom Bündnis Zwangsräumung verhindern in Kreuzberg. Eigentlich unterstützt das Bündnis vor allem Menschen, die als WohnungsmieterInnen von Räumungen betroffen sind, "aber uns ist wichtig, hier in Spandau präsent zu sein und mit unserem Wissen den Blumenladen und die Mieterinitiative Staaken zu unterstützen."

Ali Mahmood fühlt sich mit dem Bündnis stärker, denn das große Dach von Edeka über seinem Kopf ist für ihn zum Damokles-Schwert geworden. Seit einem Jahr sammelt er Unterschriften, ruft zur Demonstration auf, schreibt dem Spandauer Bezirksbürgermeister Helmut Kleebank (SPD), geht mit dem Bündnis Zwangsräumung verhindern auf die Straße und verteilt mit der Mieterini Staaken 20.000 Flyer. Denn Ali möchte bleiben, hier, neben Edeka, oder gegenüber vor dem Parkplatz.

Dass Edeka seit eineinhalb Jahren auch Schnittblumen und Pflanzen auf dem gleichen Platz verkauft, scheint weder Ali noch die Edeka-Reichelt Gruppe in ihrer Entscheidung zu beeinflussen. "Das kann uns nicht kaputt machen. Denn unser Blumenladen ist nicht nur Verkaufsort, sondern auch Kieztreffpunkt", meint Ali.
Und Petra Seitz braucht diesen Platz für ein Café, nicht weil der Blumenhändler Mahmood Konkurrenz bildet: "Eine Erweiterung des Backwarenbereichs am Eingang ist für die selbstständige Einzelhändlerin Petra Seitz unabdingbar geworden, um weiterhin erfolgreich am Markt zu bestehen", schreibt Antje Liss auf eine Anfrage des Bündnis Zwangsräumung verhindern.

"Es geht doch nur darum, dass ein Stück Menschlichkeit unter uns bleibt", sagt ein anderer Kunde, der eigentlich ganz gerne bei Edeka einkauft. Doch zu Ali Baba hat er eben ein persönliches Verhältnis. "Da kommt man hier rin, die Elke is immer am Tisch hinten und Ali unterwegs. Einfach mal den Kopp rinstecken, hallo sagen, beim Vorbeigehen winken. Einfach nur‘n bisschen Herzlichkeit. Einfach nur dit. Denn letztendlich jeh’ts um Blumen, um eene der schönsten Sachen der Welt“, sagt er. Um Blumen - und vor allem um die Existenz von Menschen, die nächsten Montag nicht wie immer ihre Ladentür aufschließen können, sondern mit anderen Menschen vor dem Jobcenter in Spandau anstehen werden, bis ihnen dort jemand die Tür aufschließt.

Kommentar - Tag der Zwangsräumung. 

Quelle: BerlinOnline/Hanne Bohmhammel