Sehnsucht nach Freiheit
dpa

winterREISE hinter verschlossene Türen

Es ist der erste richtige Frühlingssonntag, jeder Mensch und Hund ist heute draußen. Mein Weg führt vorbei an Mauern, die ebenso hoch wie breit zu sein scheinen. Ich betrete das Gebäude durch eine Schleuse. Menschen sitzen hinter Glas. Ein Schild erklärt mir, 15 Euro Bargeld seien als Mitbringsel erlaubt. Ungewöhnlich? Hier nicht. Von Michelle Trimborn

Die Jugendstrafanstalt Berlin, kurz JSA, ist das einzige Gefängnis für junge männliche Straftäter in Berlin, derzeit sind es 320. Direkt gegenüber befindet sich der "große Bruder", die JVA Plötzensee. Die Häftlinge sind dort älter, die Mauern höher. Meinen Ausweis lasse ich bei den Beamten am Eingang, alles wird eingeschlossen. Nur Zettel und Stift dürfen mit.

Das Projekt "aufBruch" existiert seit 1997 und bringt Theaterstücke in Berliner Gefängnisse. Im Mittelpunkt steht hier aber nicht der sozialpädagogische Anspruch, sondern der künstlerische. Das von Gefangenen für Nicht-Gefangene aufgeführte Stück soll als Vermittler dienen zwischen den zwei Welten, zwischen Drinnen und Draußen. Die aktuelle Inszenierung in der JSA ist Teil des Projektes winterREISE, das Hiphop, Film und Theater mit Franz Schuberts Liederzyklus Winterreise verbindet.

"Casting im Jugendknast"

Die Proben laufen seit Januar, heute ist Generalprobe vor Publikum. Die Jugendlichen haben sich dafür beworben, an dem Stück mitarbeiten zu dürfen. Casting-Show im Knast. „Aber es gibt schon einen entscheidenden Unterschied zu Dieter Bohlen! Auch wenn jemand talentfrei scheint, aber das hier wirklich will und dafür Opfer bringt, bekommt er eine Chance“, erklärt Regisseur Peter Atanassow. Man merkt schnell, dass das Projekt für ihn nicht nur Arbeit, sondern Herzenssache ist.

Sinn und Zweck des Ganzen? Resozialisierung. Und vor allem: Eine Sache mit Erfolg zu Ende bringen und das allen zeigen. „Bis hierher haben die meisten eher ein 'Du kannst nichts'-Leben geführt“, berichtet Janina Deininger, Leiterin der sozialpädagogischen Abteilung.

Machtspiele

Herr der Fliegen, einen Klassiker deutscher Englischlehrpläne, bekommen wir heute zu sehen. Es ist schwierig, das Stück zu betrachten, ohne Parallelen zum Jugendknast zu sehen. Eine Welt ohne Frauen, ohne Erwachsene, Gruppenrivalität zwischen denen, die einfach nur bestmöglich raus wollen, und denen, die herrschen wollen, gerne auch mit Gewalt. Es geht um Macht, wer sprechen darf, wer Essen bekommt und wer am Ende heil aus der Sache rauskommt.

Türen werden geöffnet und sofort wieder abgeschlossen, wenn sie mit einem lauten Geräusch zufallen. Es sieht hier nicht anders aus als in einem Schulgebäude, lange Flure, viele Türen. Aber frei bewegen kann man sich auch als Besucher nicht. Unser Ziel ist der Kultursaal der Anstalt. Das Stück beginnt mit einer Drehorgel und Schuberts Lied vom Leierkastenmann. Das Bühnenbild ist minimalistisch: Eine große Leinwand. Nicht mehr als drei Requisiten. Als die Schauspieler die Bühne betreten, ist schnell klar, wer Jäger und wer Gejagter ist. Schwarze Bomberjacken und aggressive Stimmung gegen den stillen, karierten Pullunder. Schulschläger Jack gegen Schulstreber Piggy.

"Regeln sind für Dummköpfe!"

Die Arbeit am Stück war intensiv. 20 Stunden pro Woche neben Arbeit oder Schule haben die Jugendlichen investiert. Herausgekommen ist kein sozialpädagogisches Laienprojekt, sondern ernstzunehmendes Theater. Man ist versucht, alles auf das Leben im Gefängnis zu beziehen. Sätze wie "Regeln sind für Dummköpfe!" oder dass man "sauber und anständig bleiben soll", bekommen in diesem Kontext eine ganz andere Bedeutung. Da winterREISE ein Hiphop-Projekt ist, fehlt auch der Rap nicht. "Das waren auch die schwierigsten Szenen", erzählt mir Cuba, der den Perceval spielt, später.

Der Stolz

Cuba ist der älteste Schauspieler auf der Bühne. Warum er im Knast sitzt, habe ich ihn nicht gefragt. Kurz nach seiner Inhaftierung hat er sich für das Projekt beworben per Vormelder, dem Formular für alles, was abweicht vom getakteten Gefängnisalltag. Cubas Grund für die Teilnahme war es, etwas Sinnvolles zu tun zu haben. Ist er stolz auf das, was er gerade geleistet hat? Dass er durchgehalten habe, darauf sei er stolz. Anfangs waren sie 18, nicht alle haben es bis hierher geschafft.

Dass er mit diesem Projekt zum ersten Mal in seinem Leben etwas durchgezogen hat, trifft auf Cuba nicht zu. Er bildet sich fort, nutzt seine Zeit. Das Projekt ist für ihn vor allem auch eine Möglichkeit zu zeigen, was er kann. Dass er den Willen hat, etwas zu tun. Im Stück hat Cuba nicht gerappt, aber gesungen, trainiert wurde er von einem Opernsänger. Neues lernen. Andere Vorteile haben die Teilnehmer durch das Projekt nicht. Aber einen positiven Eintrag in ihrer Akte.

"Knastis und Intellektuelle"

Ob ich denn nun Angst habe, fragt er mich. Ich blicke mich um: Da sind einige Künstler, Journalisten und elf Häftlinge. Aber keine Angst. "Und wenn du uns auf der Straße sehen würdest, würdest du irgendeinen Unterschied an uns sehen?" Vorurteile. Cuba gibt zu, dass auch er welche hat. "Wenn ich in eine Uni kommen würde, würde ich auch denken, das sind alles nur so Intellektuelle...". Kennen lernen scheint hier die Formel für das Glück zu sein.

Andere Freiheit

Ich verabschiede mich und wünsche Erfolg für den nächsten Tag. Die Premiere wird aufregend, die Jugendlichen durften ihre Familien einladen. Zwei mal im Monat ist es ihnen im Normalfall erlaubt, Besuch zu empfangen. Jede zusätzliche Gelegenheit ist viel wert.

Am Ausgang bekomme ich im Austausch gegen den Besucherausweis dann meinen Personalausweis, den nehme ich mit. Eine ganze Menge von Vorurteilen lasse ich im Knast zurück. Und als ich beim Verlassen des Gebäudes auf die dunkle Straße trete, fühlt sich die Freiheit ein bisschen anders an.

Herr der Fliegen wird am 19. und 21. März um 17.30 Uhr aufgeführt, Karten kann man bei der Volksbühne kaufen. Der große Liederabend mit Teilen der Einzelproduktionen von winterREISE findet im Herbst 2014 statt.

Jugendstrafanstalt Berlin

Adresse: winterREISE hinter verschlossene Türen
Friedrich-Olbricht-Damm 40
13627 Berlin
Quelle: BerlinOnline / Michelle Trimborn