Kinderkrankenhaus Weißensee
BerlinOnline/mh

Vergessene Orte: Kinderkrankenhaus Weißensee

Von Anne-Kathrin Heier

Das sieben Jahre nach der Wende stillgelegte, heute unter Denkmalschutz stehende Kinderkrankenhaus an der Hansastraße, Ecke Buschallee in Weißensee verfällt Jahr für Jahr zusehends.

Eine Nachbarin, die seit langem in einem der gegenüberliegenden Häuserblocks an der Buschallee lebt, sagt: "Ja, das ist schon ein trauriges Bild. Inzwischen kümmert sich niemand mehr darum." Sie zeigt auf das erste Gebäude, unmittelbar hinter dem Bauzaun. Das kleine Haus mit dem spitz nach oben zulaufenden Turm wirkt wie eine düstere Kapelle aus einem Gruselfilm, vollkommen marode, und doch voller Erinnerung. "Das war gewissermaßen die letzte Ruhestätte."

Wir betreten das Gelände - das Loch im Zaun ist groß genug. Unter Laub und hinter Bäumen tauchen nach und nach neue Relikte aus vergangenen Zeiten auf. Auch eine alte Molkerei gehört dazu, im Verfall begriffen, so wie alles andere an diesem Ort. "Neulich hat es hier gebrannt", sagt die Anwohnerin. "Man sagt, hier würden in den Nächten Obdachlose hausen. Wir bekommen davon nicht viel mit."

Die Schritte werden mit Bedacht gesetzt. Nicht nur, weil es scheint, als könnte man jeden Moment in einen mit Blättern bedeckten Kellerverschlag einbrechen, nein: Die Atmosphäre ist seltsam lebendig. Als wäre von dem Betrieb, der hier einst geherrscht hat, noch etwas übrig. Von den Wänden schält sich großflächig der Putz ab. Glasscherben liegen überall verteilt – weiße, blaue. Die an diesem Tag durch das noch zaghafte Frühlingsblätterdach dringende Sonne wirkt beinahe so, als scheine sie nur aus Mitleid. Und um etwas sichtbar zu machen, das heute nur noch wenige Menschen interessiert. "Manchmal", erzählt die Nachbarin, "kommen Fotografen mit ihren Models und machen Modestrecken in den Häusern."

Dass die sonderbare Kulisse für derartige Projekte genutzt wird, ist naheliegend und verstörend zugleich. Auch an diesem Tag treffen wir gelegentlich auf Hobbyfotografen, die durch Zufall auf das alte Kinderkrankhaus gestoßen sind – von der Hansastraße aus ist es für Passanten mit einem wachen Blick kaum zu übersehen. Dass hier noch nichts unternommen wurde, liegt an der bisher ausgebliebenen Investition des Eigentümers. Der hat das Kinderkrankenhaus im Jahr 2005 erworben. Seitdem aber hat sich nichts getan. Auf eine Anfrage teilte der Senat mit, dass es einen Rechtsstreit gebe. Zwar stehe der Eigentümer nicht in der Pflicht, die Gebäude in Stand zu halten; investieren aber müsse er.

Dabei klangen die ursprünglichen Pläne der Firma MWZ Bio Resonanz GmbH verheißungsvoll. Vorgesehen war ein wissenschaftliches Zentrum für die Krebsforschung, ein Therapiezentrum, ein ambulanter Klinikbetrieb und ein Tagungszentrum. Was stattdessen aus dem 28 000 Quadratmeter umfassenden Gelände wird, steht in den Sternen. Das Hauptgebäude heben wir uns auf der spontanen Erkundungstour durch das 1911 eröffnete Kinderkrankenhausareal für den Schluss auf. Drei Stockwerke. Auf den Wänden haben sich mehr oder weniger große Künstler mit Graffiti verewigt – bedeutungsvolle Tags oder sich über ganze Wandbreiten ziehende Bilder. In einem Raum, ganz oben, auf der dem Dachstuhl gegenüberliegenden Seite, liegt in der Mitte ein offenbar in Schnaps getränktes Kinderbuch. Wenige Meter weiter ein verbrannter Kleiderhaufen.

Nach gut zwei Stunden nehmen wir unseren Weg wieder auf und sprechen über die Problematik der Stadtentwicklung an vergessenen Orten wie diesem. Nur ein paar Tram-Stationen entfernt sitzen die Großstadt-Hipster in Co-Working-Cafés und entwickeln große Ideen. Dass die Gegensätze in Berlin alltäglich sind, ist wohl jedem bekannt. Vielleicht aber ist es wichtig und auch möglich, an geeigneten Orten Schnittstellen zu schaffen.

Ehemaliges Kinderkrankenhaus Weißensee

Adresse: Vergessene Orte: Kinderkrankenhaus Weißensee
Hansastraße 150
13088 Berlin

Nahverkehr

Bus
Tram
Quelle: BerlinOnline/Anne-Kathrin Heier