Ist das Kunst? - Ja.
Anne-Kathrin Heier

Wo verschwimmen die Grenzen zwischen Politik und Kunst? Wann ist Kunst politisch, wann ist Politik Kunst? Ein Plädoyer für den gelegentlichen Verzicht auf Definitionen.

"Wir holen sie alle, wenn es sein muss. Kunst ist dazu da, die Wirklichkeit erträglich zu machen. Die Wirklichkeit ist unerträglich“, sagt der Künstler Philipp Ruch vom Zentrum für Politische Schönheit in einem Interview, das Die Zeit mit ihm führte. Das Zentrum für Politische Schönheit ist hierzulande das derzeit vielleicht bekannteste KünstlerInnenkollekiv, das sich zur Aufgabe gemacht hat, Politik aus der Künstlerperspektive aufzuarbeiten und damit neue Räume zu schaffen und andere beziehungsweise mehr Menschen zu erreichen und sie davon zu überzeugen, dass jeder Einzelne Verantwortung zeigen kann und muss.

"Kunst ist eine Art Aufruhr" *

An einem Sonntag Ende Juni folgten etwa 5000 Menschen dem Aufruf des Zentrums für Politische Schönheit, in einem "Marsch der Entschlossenen" von Unter den Linden bis zum Kanzleramt zu ziehen. Sie verwandelten anschließend die Wiese vor dem Reichstag in ein riesiges Feld des Gedenkens: An die 100 Gräber wurden teils von den KünstlerInnen, teils eigeninitiativ von den TeilnehmerInnen der Demonstration ausgehoben und mit Blumen und Kreuzen geschmückt. Die Wiese danach war keine Wiese mehr, sondern ein riesiger Friedhof, der symbolisch an das Sterben und würdelose Verscharren von auf der Flucht befindlichen Menschen am Mittelmeer erinnern sollte. Alle, die sich an der "Kunstaktion" beteiligten, kamen hier eben nicht aus einem einzigen kleinen Raum Gleichgesinnter, die sich sonntäglich treffen, um die immer selben Parolen loszuwerden... Nein: Hier läuft die Studentin neben dem Familienvater aus Prenzlauer Berg, der seine zweijährige Tochter auf den Schultern trägt und einen Kinderwagen vor sich herschiebt; hier läuft der Hipster neben dem Gruftie; hier läuft die Politikerin neben dem Friseur. Es ist genau diese bunte Mischung, auf die Berlin sonst so stolz ist und die aber in der Bandbreite selten auf einen Blick zu sehen ist.

"Kunst ist eine Inhaltsfrage" **

Und man spricht miteinander über den Kern der Demonstration und diskutiert nicht zuletzt darüber, ob diese Aktion des Zentrums für Politische Schönheit, nämlich tote Flüchtlinge von den Außengrenzen der Europäischen Union an die Schmerzgrenzen nach Berlin zu bringen, eventuell doch zu weit geht. Ach ja, und ist das überhaupt noch Kunst? -
Wie oft stehen wir in einem Museum vor einem beispielsweise modernen abstrakten Gemälde und können nichts, rein gar nichts damit anfangen? Dann gehen wir nach Hause, legen uns aufs Sofa und schlafen 'ne Runde, in der Hoffnung, dass die Inspiration oder Erkenntnis doch noch kommt ... irgendwann. Was hat das belanglose Bild im Museum ausgelöst? Hat es die Betrachter bewegt? Hat es etwas verändert? Ist das Kunst?

"Kunst ist dazu da, die Wirklichkeit erträglich zu machen. Die Wirklichkeit ist unerträglich." ***

Geht es letztlich bei aller Definitionskrankheit, von der wir alle doch so befallen sind, nicht eigentlich um etwas anderes? - Um Themen nämlich, um Inhalte, um Bewegung, um das, was Dinge bewirken, ganz egal, ob man sie nun Kunst oder Politik oder sonstwie nennt? Während die einen noch diskutieren, ob die Grenze zwischen Kunst und Politik in diesem Fall verwischen darf, ist an anderer Stelle ein neues Grab entstanden, dessen Effektivität beachtlich viele Menschen zum Nachdenken, Mitmachen, Handeln bringt. Angesichts dessen, was die KünstlerInnen des Zentrums für Politische Schönheit mit ihrer Radikalität erreichen, besteht für das Labeln und Kategorisieren und Schubladenziehen schlichtweg keine Notwendigkeit mehr.

"Die Toten kommen ", heißt die Aktion. Und wir müssen hinsehen.



* Pablo Picasso
** Johann Wolfgang von Goethe#
*** Philipp Ruch (ZfPS )

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Quelle: BerlinOnline/akh