Der Künstler Robin Thiesmeyer an seinem Arbeitsplatz in Schöneberg.
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Der Künstler Robin Thiesmeyer berührt mit seinen Zeichnungen Stellen, von denen wir gar nicht wussten, dass es sie gibt.

Robin Thiesmeyer ist ziemlich viel. Künstler, Schriftsteller, Vater, Melancholiker, Werbetexter, Humorist und ein außergewöhnlicher Beobachter mit einer sehr eigenen Perspektive auf die Dinge, die uns umgeben. Wer einmal in die Welt von meta_bene, seinem Webcomic, eingetreten ist, der will da nicht mehr raus. Hier sprechen keine Menschen. Hier sprechen Tiere. Zeigen bittere, absurde, komische Lebensausschnitte, die von jedem Betrachter nachvollzogen und mit dem eigenen Alltag in Verbindung gebracht werden können. Es etabliert sich eine Welt, die irgendwie süchtig macht. Thiesmeyers Figuren denken nach, philosophieren, kommentieren den ganz normalen Wahnsinn, und sie tun das wie selbstverständlich und werden dabei zu distanzierten Freunden. Und die sind ja - absichtslos und naturverbunden - gelegentlich angenehmer als jene menschliche Wesen, denen der verdammte angeborene Egoismus allzu oft im Weg steht.

Wir sprachen mit Robin Thiesmeyer über seinen Webcomic meta_bene, über seine neue Selbstständigkeit, über Schwärme und Individuen.


Wie bist Du zu dieser Form von meta bene gekommen?

Das hat sich über einen langen Zeitraum entwickelt. Ich habe schon während des Studiums in Hildesheim angefangen, diese großen Schwärme von Käfern oder Schaben zu malen. Das sind relativ chaotische Strukturen gewesen. Da habe ich gemerkt, dass, wenn ich Beziehungen unter den einzelnen Elementen herstelle, eine Art von Landschaft entsteht.

Du zeichnest Schwärme – was hat Dich an diesem Motiv, an dieser Form gereizt?

Ich bin zunächst auf das Tier gekommen über diese Strichtechnik. In der japanischen Tuschzeichnung gibt es bestimmte Striche für bestimmte Pflanzen oder Tiere. Ich habe immer schon kalligraphisch gearbeitet und zugleich zu meiner Kurzprosa, die ich geschrieben habe, kleine Comics gemalt. Mit dem Kalligraphie-Stift entwarf ich dann diese Schaben, die daraufhin in großen Schwärmen auftraten. Damit hab ich erst einmal nach Ende des Studiums aufgehört, um mich auf das Schreiben zu konzentrieren. Aber ich hab das Thema immer im Kopf behalten. Und vor zwei Jahren, als mein Sohn geboren wurde, kam als neues Tier die Schwalbe dazu. Schwalben haben diesen Schwung, der so eine große Freude ausdrücken kann. Ich male beispielsweise immer freitags ein Bild mit Schwalben, die sagen eigentlich immer nur "Hui" als Ausdruck der Freude oder Vorfreude auf das Wochenende. Schließlich habe ich das Ganze im Sommer wieder aufgenommen und abends viel für mich gearbeitet. Die Fische kamen dazu. Und die Käfer. Dann entstand die Idee, dass man die sprechen lassen, also Sprechblasen einbauen könnte. Einige Bilder waren plötzlich da: mit den Fischen, der Schwalbe, darüber hinaus ein Vogel, der auf dem Ast sitzt. Ich hab angefangen, zu experimentieren. Am Ende gab es dann eine Reihe von Tieren, die immer wieder auftauchten.

meta bene Robin Thiesmeyer/meta_bene

Warum Tiere – und nicht zum Beispiel Menschen?

Das war immer schon Thema: Am Anfang, als ich meine Kurzgeschichten geschrieben habe, kam immer ein Tier, zumindest im Titel, vor. Das ist ohnehin schon so aufgeladen, das Tier, beispielsweise durch Geschichten aus der Fabelwelt. Ich hatte früher mal Comicserien gemacht mit traurigen Tieren, das waren so depressive Wesen. Die sahen von der Anlage her niedlich aus, mit so runden Augen, hatten dann aber ganz viele Ringe darunter.
Die Schaben zum Beispiel sind vielleicht erst mal niedlich, weil die so klein sind und nicht besonders detailreich, man entwickelt aber auch sofort einen gewissen Ekel. Ich hatte mich am Anfang ein bisschen an diesen Feuerwanzen orientiert. Die sind manchmal in der Natur auch auf einem Haufen zu sehen, in einer Ecke oder an einem Laternenmast tummeln die sich – das sind gewissermaßen chaotische Strukturen, vergleichbar mit denen von Ameisen. Der Zufall spielt eine große Rolle, aber es gibt auch bestimmte Kommunikationsstrukturen, weshalb bei ihnen vermeintlich chaotisch die Organisation im natürlichen Raum auch funktioniert. Da kommt die Frage auf: Ist das ein großes Durcheinander oder ist es ein organisiertes Kollektiv aus einzelnen Individuen, die logisch miteinander verbunden sind?
Bei den Fischen ist das natürlich anders, die sind immer ganz gleichförmig. Obwohl ich das dann immer breche: Sobald ich zwei Fische gegenüberstelle wie zwei Menschen, die sich unterhalten, wird es komisch. Ein Fisch schert aus, ist für eine kurze Zeit nicht Teil der Schwarms, kommuniziert mit einem anderen Fisch, bevor er sich wieder in den Schwarm einfügt. Und schon hat man eine Geschichte.

Apropos Geschichten erzählen: Am Anfang gab es diese Sprechblasen noch nicht. Hat das Bild – der Schwarm – von sich aus eine Geschichte erzählt, die Dich auf die Idee der Sprechblase gebracht hat?

An einen konkreten Urmoment kann ich mich gar nicht erinnern. Ich habe mich einfach immer, auch im Studium, mit literarischen Kurzformen beschäftigt: Zitate, Aphorismen, Witze. Die beiden Formen ließen sich gut vereinbaren.

meta bene Robin Thiesmeyer/meta_bene

Du hast einen Blog, verbreitest ausgewählte Zeichnungen auf Twitter. Verändert sich die Arbeit, sobald Öffentlichkeit hinzukommt?

Ja total. Am Anfang war ich ängstlich, vor allem, als es immer mehr wurde. Ich brauchte ein bisschen Zeit, um das Format Twitter zu erkunden. Mit jedem Bild, das ich postete, wurden es mehr Follower. Ich probiere da viel aus. Manche Sachen kommen besser, andere schlechter an. Bei Twitter passiert alles sehr schnell, so kann es auch sein, dass mal etwas durchfällt und somit das Feedback ausbleibt. Der Zeitpunkt ist wichtig, meistens poste ich abends. Außerdem nehme ich gewisse Themen, die vielleicht gerade aktuell sind, auf: Ich hab zum Beispiel eine Zeichnung gemacht, als Lou Reed gestorben ist. Und ich begann, mit Hashtags zu arbeiten. Nun mag ich das nicht so sehr, das nimmt dem Ganzen häufig den Interpretationsspielraum, wenn man so eindeutige Verbindungen herstellt. Trotzdem: Man lernt, sich in dem Medium sicherer zu bewegen, macht das strukturierter, verknüpft bestimmte Themen miteinander. Zu konkret sollen sie aber auch nicht sein – auf einer Metaebene.

Stichwort Metaebene: Du fasst Deinen Blog, dieses Projekt unter meta bene zusammen

Ja, ein Name musste her. Ich wollte zunächst eine Liste machen mit allem, was mir einfällt. meta bene war das erste, was ich aufgeschrieben habe – und es kam dann kein weiterer Begriff hinzu. Der Titel hat einfach gepasst. Er ist so flexibel. Einerseits nichtssagend, andererseits lässt sich da vieles hineindenken. Schriftbild. Nota bene. Flüchtig notiert. Die Fußnote (*Nota bene: lat. notare; übrigens, nebenbei bemerkt, beachte wohl).

Und in gewisser Weise rückt dadurch letztendlich der Inhalt in den Vordergrund.

Genau. Manche lesen das als "Die Metaebene". Bei mir ist es artikellos. Das passt für mich, vielleicht auch, weil ich in einer Phase angefangen habe, in der ich viel arbeiten musste. Das Projekt war wie ein Fluchtort. Nach der Arbeit, am Abend, setzte ich mich dran und machte diese Zeichnungen, befasste mich also mit einer Gedankenwelt, die mit der Alltagswelt nichts zu tun hatte.

Ist das so, dass Du diese zwei Bereiche vollkommen trennst? Oder kommen Dir, wenn Du tagsüber so durch die Straßen gehst, auch Ideen für Zeichnungen, die Du abends machen könntest?

Während der festen Anstellung entwickelte ich die Figur des Pinguins, dem Dreiviertelmelancholiker, der im Prinzip immer nur an seinem Arbeitsplatz zu sehen ist. Heute ist das nicht mehr so ganz trennscharf, aber zu Beginn hat der Pinguin ganz stark Sachen reflektiert, die mir so auf der Arbeit passiert sind. Manchmal hab ich den ganzen Tag darüber nachgedacht, was für eine Zeichnung ich am Abend mache. Teilweise waren das komplexe Situationen, die sich nicht sofort "übersetzen" ließen. Dann habe ich ewig darüber nachgedacht: Wie könnte so ein Thema im Rahmen von meta bene funktionieren? Schließlich hat diese doch sehr minimalistische Form nur limitierte Möglichkeiten. Das kann schwierig werden.

meta bene Robin Thiesmeyer/meta_bene

Überraschen Dich auch gewisse Reaktionen der Leute, beispielsweise auf Twitter?

Ich versuche, mich davon frei zu machen. Es kommt immer wieder vor, dass ich mich versteife auf den öffentlichen Erfolg einer einzelnen Zeichnung. Eigentlich ist das furchtbar. In der Regel fällt aber kein Bild wirklich durch. Manchmal weiß ich vorher: Das ist nur für die eingefleischten Fans, die nicht nur auf den schnellen Gag hoffen.

Du sprichst es schon an: Das Thema Humor. Wie wichtig ist der Humor in Deiner Arbeit?

Naja, es soll immer eine Mischung sein. Klar gibt’s manchmal auch nur diesen einen Gag, der mir eingefallen ist, der ist dann bloß albern. Aber en gros mag ich das, wenn es so ein bisschen bitter ist. Das passt zum Stil und das passt auch sehr zu mir – wenn da ganz fiese Wahrheiten drin stecken. Das ist manchmal vielleicht gar nicht auf den ersten Blick erkennbar. Oft nehme ich mich selbst auf die Schippe. Viele Einfälle entspringen negativen Gefühlen, die ich im Verlauf der Zeichnung bei mir zu drehen versuche. Und manchmal weiß ich gar nicht, ob die Dinge wirklich lustig sind. Das Humoristische kommt auch oft einfach dadurch, dass es Tiere sind, die sprechen.

Die Tiere bei Robin Thiesmeyer. Im Grunde haben sie alle einen eigenen Charakter, der auch in jeder neuen Zeichnung wieder durchschimmert?

Ja, es gibt verschiedene Stimmungen, die man so zuordnen kann. Natürlich hat es manchmal auch damit zu tun, welchen Ausdruck man denen geben kann. Die Käfer können weniger ausdrücken als die Vögel oder die Antilopen. In der Regel entsprechen sie unterschiedlichen Themenfeldern. Fische zum Beispiel sind ja eigentlich immer in Bewegung. Und selbst wenn sie nicht in Bewegung zu sein scheinen, dann stoppen die nur kurz, denn Fische bleiben ja nie stehen, oder ganz selten. Und selbst wenn die stehenbleiben, dann erarbeiten sie sich das. Ein Fisch auf der Stelle, der muss sich anstrengen, um auf der Stelle bleiben zu können. Deshalb sind das so situativere Sachen.

Der Vogel auf dem Ast ist der Philosoph; es kommen auch andere Vögel vor, aber für gewöhnlich ist er allein und gilt als der große Denker unter den Tieren.

meta bene Robin Thiesmeyer/meta_bene

Dann gibt es die Antilope, die kam auch später dazu, genauso wie die Kraniche. Mit den Antilopen werden oft "kumpelige" Geschichten erzählt. Der Kranich taucht häufig in einem gesellschaftlicheren Zusammenhang auf, manchmal auch als "affektierter Dichter" auf einer Cocktailparty.

Ich habe mich lange mit der Tradition der Tuschzeichnung beschäftigt, mit abstrakter Kunst. In der Abstraktion spielt die Leere eine große Rolle. Verschiedene Formen der Auslassung. Und jetzt ist es in der asiatischen, speziell japanischen Tradition so, dass das Weiße ganz zentral ist. Das heißt, du hast so einen Wasserfall, dieser Wasserfall ist eigentlich weiß. Das ganze Bild passiert drumherum, und trotzdem fließt durch dieses Weiß irgendwie das Wasser. Durch die weiße Fläche entsteht ein Interpretationsspielraum. Also: Fische sind nun mal im Wasser, das muss ich nicht malen. Oder diese Kraniche, die stehen im Prinzip eher im See. Oder Antilopen, die verortet man auf der Wiese. Vogel auf dem Ast – den male ich dazu. Weil er ja sonst nicht sitzen kann...

Berlin – was ist das für Dich, wie ist das Leben als freischaffender Künstler in Berlin?

Vorteile: Die Strukturen ändern sich ständig. Man kann da immer wieder andocken. Ich versuche jetzt zum Beispiel, eine Ausstellungsfläche zu finden. Ich glaube, das könnte gut funktionieren. Zudem gibt es extrem viele Leute, die Erfahrungen haben in meinem Bereich, von denen ich lernen kann. Und klar: Berlin kann sehr inspirierend sein, wenn man sich mit Schwärmen befasst. Dieses Herumgewusel überall. Leute stehen irgendwie alle in einer Beziehung zueinander, die sie ständig ausblenden, ausblenden müssen: Würde man jeden einzelnen in der Umgebung wahrnehmen, würde man ja auf der Stelle verrückt werden.

Am Alexanderplatz laufen die Leute nur bis zur Hauswand. Das ist eine chaotische Mischung aus Menschen und diesen klaren geometrischen Strukturen der Architektur. Auch menschliche Schwarmregeln sind ja vielseitig. Wenn man die durch so ein Nadelöhr jagt wie z.B. in der Friedrichstraße, vom S-Bahn-Bereich im Untergeschoss zu den oberirdischen Linien. Die gehen auf einmal alle in dieselbe Richtung, also anders als auf dem Alexanderplatz, wo alles chaotisch kreuz und quer rennt, da haben die auf einmal so eine klare Richtung, alle wollen nach oben. Ich denke da an Sinfonie der Großstadt . Da wird Musik unter das Chaos gelegt, und das Ganze sieht plötzlich total harmonisch aus, obwohl jeder Einzelne den totalen Frust hat...

Im Rahmen von "Supporter of the Independent" konnte eine Plakataktion realisiert werden. Deine Schwärme hingen in Schaukästen im Großformat, verteilt über die ganze Stadt. In welchem Verhältnis steht das sprechende Tier auf meta_bene zu den großformatigen Schwarmbildern?

Da steht auf der einen Seite das sprechende Tier. Und das wird in den großen Formaten wieder in den Schwarm zurückgeführt. Bei dieser Methode in der Strichtechnik achte ich genau auf die Position jeder einzelnen, kleinen Figur. Leute, mit denen ich in der Werbung zusammengearbeitet habe, sagten: "Warum machst Du das so? Scan' es doch einfach ein, reproduziere den Käfer ein paar Mal und verzerre den ein bisschen, das kommt doch aufs Gleiche raus." - aber das tut es eben nicht! Es ist reine Handarbeit. Jede neue Figur muss in einer bewusst überlegten Beziehung stehen zu den bereits auf dem Blatt befindlichen Figuren. Man kann dabei fatale Fehler machen. Es ist ein unheimlich schönes Arbeiten, das sehr lange dauert: Man baut so einen Organismus aus vielen Individuen. Dann lässt man einzelne mit Sprache hervortreten, wie sie jetzt auch in den meta_bene-Bildern zu sehen sind. Der Schwarm existiert für mich immer im Hinterkopf: Wo kommen sie her, wohin gehen sie wieder zurück.


Das Interview führte Anne-Kathrin Heier.

Robin Thiesmeyer

Robin Thiesmeyer ist Autor und Grafiker. Er wurde 1979 in Bonn geboren. In Bonn studierte er Philosophie, in Hildesheim Kreatives Schreiben und Kulturjournalismus. Robin Thiesmeyer ist Vater eines zweijährigen Sohnes, er lebt mit seiner Familie in Berlin-Schöneberg.

Die Bilder von Robin Thiesmeyer sind käuflich zu erwerben. Weitere Informationen für Galeristen und Interessierte - hier nochmal im Überblick:

Webcomic - Blog meta_bene 

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Kampagne "Supporter of the Independent" 

Quelle: BerlinOnline/akh
(Bilder: Robin Thiesmeyer/meta_bene)