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Graziöse Bewegungen giftiger Beißklauen
Angst hat er keine: "Die beißen nur, wenn sie sich in die Enge getrieben fühlen", sagt Günter Tischmann.
Max Lautenschlaeger
Günter Tischmann hat gefährliche Haustiere - Vogelspinnen / Einmal wurde auch er gebissen
So richtig romantisch sieht das nicht gerade aus. Das Frauchen wehrt sich und strampelt mit allen acht Beinen. Vielleicht will es ja gar nicht? Doch, doch, sagt Günter Tischmann. Er muss es wissen. Er hat die beiden schließlich verkuppelt - und genau beobachtet, wie erst der Mann mit den Tastern auf den Boden trommelte und dann die Frau. Das war sozusagen ihre Zustimmung zu einvernehmlichem Sex - oder zu, wie es Tischmann ausdrückt, harter Arbeit. Denn das kleine Männchen muss sich mächtig ins Zeug legen, um das viel größere Weibchen über sich zu hieven. Für einen kurzen Moment gelingt das schließlich. Das Männchen bringt seine zwei Taster - die auch Begattungsorgane sind - zum Einsatz, und schwuppdiwupp lässt es das Frauchen wieder auf die Erde fallen und rennt weg, so schnell es die behaarten Beine tragen.
Nicht mal ein romantischer Blick zurück. Na ja, viel gesehen hätte das Männchen trotz seiner acht Augen sowieso nicht, denn die venezolanische Lasiodora Klugi ist - wie alle Vogelspinnen - nicht gerade mit gutem Sehvermögen ausgestattet. Und ungehörig, erklärt Tischmann, sei die Flucht nach dem Sex auch nicht, sondern überlebenswichtig. "Wenn das Männchen nicht schnell genug wegkommt", erklärt der Hobby-Züchter, "können Weibchen giftig werden." Im wahrsten Sinne des Wortes: Unbarmherzig würde das Weibchen dann dem Männchen seine Beißklauen in den relativ ungeschützten Hinterleib hacken, ihr giftiges Sekret reinfließen lassen und dann den Männerkörper aussaugen. So wie es die Vogelspinnen bei ihren Beutetieren machen.
Behaarte Beine und acht Augen - Vogelspinnen sind faszinierende Wesen.
Pixelquelle
Einmal hatte eine asiatische Spinne auch bei dem 70-jährigen Günter Tischmann zugebissen. Als er in einem seiner Terrarien die Scheiben putzte. Acht Tage lang hatte er eine geschwollene Hand und litt unter Muskelkrämpfen. Dabei meinte es das Tier gar nicht böse: "Die wollte sich nur verteidigen, fühlte sich in die Enge getrieben", erklärt Tischmann, "eine Vogelspinne würde einen Menschen nie als Beutetier angreifen, sondern wenn möglich wegrennen. Und gestorben ist noch keiner an so einem Biss." Dennoch muss Tischmann, so lautet die Auflage von der Unteren Naturschutzbehörde und dem Veterinäramt, die Tür zum Spinnenzimmer in der Wohnung verschlossen halten. Denn wer so viele Vogelspinnen wie er hält - 55 erwachsene und Dutzende Jungtiere - muss nicht nur eine Leidenschaft für die Tiere entwickelt haben, er braucht auch eine Genehmigung.
Das mit der Leidenschaft begann vor mehr als zehn Jahren, als es Tischmann "mit der Wirbelsäule" bekam und nicht mehr schwer heben durfte. Für einen Guppy-Züchter wie ihn, der schon als Kind Goldfische hatte, ist so was das Ende. "Wasser schleppen für die Aquarien, das konnte ich nicht mehr", sagt der Rentner, der früher als Gerätewart und Fahrer beim Technischen Hilfswerk arbeitete. Nun züchtet seine Frau die Fischlein, und er hat sich - seit er bei einem Freund mal 'ne Vogelspinne sah - auf die exotischen Tiere spezialisiert, hat Bücher gelesen, ist nach Mexiko zur Exkursion gefahren und ist nun stellvertretender Vorsitzender des Vereins Berlinspinnen.
"Es sind diese Bewegungen, die langsamen, tastenden, graziösen und der Körperbau der Tiere, die mich reizten", sagt Tischmann. Seine erste Spinne, eine Psalmopoeus Cambridgei, hat er immer noch - er öffnet die Scheibe und lässt sie auf seinen Arm krabbeln. "Es sind wilde Tiere. Man sollte sie auch als solche behandeln, mit Respekt." Nur in Ausnahmefällen hole er die Tiere aus den Terrarien. Er stupst sie vorsichtig an und hält seine Hand hin. Wenn sie sich aufbäumen und drohend vier Beine und zwei Taster heben, lässt er sie im Terrarium. "Es sind ja keine Hamster zum Streicheln - obwohl das manche Menschen denken". Vor allem solche, die sich aus Spaß so ein Tier kaufen.
Dennoch verkauft auch Tischmann an Zoohandlungen Tiere, die er gezüchtet hat: "Das ist besser, als wenn diese in der Wildnis gefangen werden." Im Laden kosten Spinnen bis zu 260 Euro. Manchmal bekommt Tischmann auch Tiere geschenkt: Die Spinne, die im Terrarium mit der Aufschrift "Vorsicht!" krabbelt, brachte ihm ein Zoohändler. Der wiederum hatte sie von einem Lebensmittelhändler, der sie in einer Obstkiste fand. Die oft erzählte Geschichte von der Vogelspinne in der Bananenkiste stimmt also. Zumindest kann Tischmann sie bestätigen.
Zum genaueren Inspizieren gibt er Besuchern aber nicht die unbekannte neue Spinne, sondern lieber einen Panzer in die Hand, der so gefährlich aussieht wie ein lebendes Tier. "Auch erwachsene Spinnen häuten sich alle ein bis zwei Jahre", sagt Tischmann. Die mit Silikon gefüllten Hüllen kann man bei ihm dann an der Wand besichtigen - mit dem passenden Hintergrundgeräusch des tropischen Regenwaldes: zirpenden Grillen. "Gestern war Fütterung", sagt er erklärend, "deshalb ist es hier so laut." Noch. Denn noch leben einige Futtertiere in den Terrarien ihrer Todfeinde.
Zur Messe mit eigenem Stand
Vogelspinnen werden so genannt, weil Forscher im 19. Jahrhundert beobachteten, wie sich Baumspinnen junge Vögel aus Nestern als Beute holten.
Der Verein Berlinspinnen trifft sich jeden zweiten Sonnabend im Monat von 15 bis 19 Uhr in der Enzian-Stube, Enzianstraße 2 (S-Bahnhof Botanischer Garten). Bei der Heimtier+Pflanze Messe (19. bis 28. Januar) ist der Verein auch mit einem eigenen Stand vertreten.
Infos im Internet erhalten Sie unter www.berlinspinnen.de.
Text: Peter Brock, Berliner Zeitung
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