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Ein luftgefederter Präsident
Ralf Putzke hinterm Steuer eines seiner Lieblinge. Der 45-Jährige sammelt historische Busse.
Max Lautenschlaeger
Als Kind malte er sie, nun sammelt er sie - Ralf Putzke hat ein Faible für ausgewachsene Busse
Im Wunderland der Bus-Sammler ist es kalt. Doch wer durch die ungeheizte Lagerhalle im Spandauer Ortsteil Haselhorst streift, dem wird trotzdem warm ums Herz. "Das ist unser Präsident", sagt Ralf Putzke leise und zeigt auf einen Einstöcker, dessen Kühlergrill im Halbdunkel schimmert. "Auf diesen Bus sind wir besonders stolz." Kein Kratzer im Fensterglas verzerrt den Blick in das fast 44 Jahre alte luftgefederte Fahrzeug, dessen ehrwürdiges Aussehen zu seinem Spitznamen passt. Drinnen leuchten Glühlampen der weniger starken Sorte, deren Schein sich zart auf den moosgrünen glatten Sitzbezügen spiegelt. Die dunkle Täfelung mit Holzmuster erinnert an gemütliche Fernsehabende vor der Schrankwand mit Toast Hawaii. "Haben Sie auch nichts vergessen?" fragt ein bunter Aufkleber der Berliner Verkehrsbetriebe (BVG) freundlich, bevor es wieder nach draußen in die kalte Halle geht.
Wo ein Sammelkartenautomat an schlaue Tarifangebote vergangener Zeiten gemahnt: "5 Fahrten Kurzstrecke 7 DM." Und das Plakat "Arbeitsplatz BVG: modern & sicher" daran erinnert, dass öffentliche Betriebe einst händeringend Mitarbeiter suchten. Aber das Wichtigste sind die Busse, die hierher vor Schneidbrenner und Schrottpresse gerettet worden sind. Wie der 150 PS starke Büssing-"Präsident", der 1962 in Braunschweig gebaut wurde und mehr als 810 000 Kilometer zurückgelegt hat - meist für die BVG.
Ein alter Kindervirus
"Sie sind unsere Kostbarkeiten", erklärt Putzke. Die Halle ist die Schatzkammer der Arbeitsgemeinschaft Traditionsbus Berlin, die sich dem Sammeln, Aufarbeiten und Fahren alter BVG-Busse verschrieben hat. "Andere interessieren sich für Briefmarken, wir interessieren uns für Verkehrsgeschichte", sagt der 45-Jährige. Er bekam das Virus als Kind. Die Fahrten im 99er-Bus zur Schule nach Spandau, die dröhnenden Motoren, die alles ins Vibrieren brachten - das prägte ihn.
Mit zehn Jahren begann der Berliner Busse mit auffälliger Werbung zu malen. "1973 bekam ich von meinem Vater eine weitere Einstiegsdroge: eine Kamera. Tausend Filme habe ich seitdem für Busbilder verbraucht." 1989 beschlossen Putzke, ein anderer Jung-Kaufmann und ein Busfahrer, ihre Leidenschaft auf eine neue Grundlage zu setzen. Eine mit vier Rädern: In Rüdesheim am Rhein kauften sie für umgerechnet 1 500 Euro den Doppeldecker 1534, der dort für die Touristenfalle Drosselgasse warb. Tapfer ignorierte das Trio Blicke ausgebremster Autofahrer und überführte den Bus Baujahr 1961 über die Transitstrecke. Dank des detektivischen Spürsinns der Enthusiasten wuchs die Sammlung bald. Egal, ob alte BVG-Ein- und Doppeldecker fern von Berlin als Wohnmobil, Imbissstube, Gartenlaube oder Jugendfreizeitheim ein Dasein fristeten - die Sammler spürten sie auf. "Derzeit haben wir 30 fahrfähige Busse, von denen zwölf für den Straßenverkehr zugelassen sind", sagt Geschäftsführer Stefan Freytag.
Was als Erfüllung eines Kindheitstraums begann, ist ernsthaftes Engagement geworden: zur Rettung von Sachzeugen der Verkehrsgeschichte. Busse sind etwas Alltägliches, lautet ein Einwand. Richtig, sagt Putzke: "Aber mit ihnen ist es wie mit Telefonzellen: Plötzlich sind sie weg." Reine Privatsache sind die Finanzierung der Buskäufe und des Kampfes gegen "SRG" - "Siff, Rott und Gammel". Zuschüsse bekommen die Sammler nicht. Ihre Leidenschaft teilen sie gern, demnächst wieder am ersten oder zweiten Sonnabend im Mai: Dann rollen bis zu zehn Traditionsbusse auf der Linie M 45 nach Spandau. An der Reise in die Vergangenheit darf jeder teilnehmen - zum BVG-Tarif.
Zudem verkehrt täglich ein Oldtimer im BVG-Auftrag auf der Linie 218 - meist Doppeldecker 2437 von 1973, der fast 1,1 Millionen Kilometer auf dem Buckel hat.
Im Oldtimer zur Pfaueninsel
Die Arbeitsgemeinschaft Traditionsbus (ATB) sammelt, pflegt und betreibt historische Linienbusse, die einst für die BVG durch Berlin gefahren sind. Täglich ist einer der Oldtimer auf der BVG-Linie 218 (Pfaueninsel-Wannsee-Theodor-Heuss-Platz) unterwegs. Einige Busse lassen sich mieten (Tel. 68 30 26 41).
Im Internet gibt es weitere Infos unter www.traditionsbus.de.
Text: Peter Neumann, Berliner Zeitung
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