Alles eine Frage der Sterne

Berliner Hobbys: Astrologie Wenn Leonie Perner eine Entscheidung treffen muss, befragt sie zuerst das Horoskop. Gerd Engelsmann

Ob Wohnungssuche, Gesundheit oder das neue Jahr: Leonie Perner erklärt das Leben mit Astrologie

Bevor Leonie Perner eine Entscheidung fällt, befragt sie die Sterne. Zum Beispiel bei der Wohnungssuche. Vor jedem Besichtigungstermin schaut sie ins Horoskop. Stehen die Planeten günstig? "Bisher war der Saturn meistens im achten Haus. Das heißt, dass irgendwo ein Haken ist. Und es hat sich bestätigt: Die Wohnungen taugten alle nicht", erklärt sie.

Noch immer lebt Leonie Perner deshalb in dem Tempelhofer Mietshaus, in das sie vor drei Jahrzehnten eingezogen ist. Die 55-Jährige sitzt auf der lila Wohnzimmercouch und erzählt von ihrer Leidenschaft für Astrologie. Für alles findet sie in der esoterischen Sternenkunde eine Begründung. Auch für sich selbst: Der Mond stand bei ihrer Geburt im Zwilling, deshalb sei sie so sprunghaft. Der Einfluss des Uranus machte sie zum Außenseiter, zu einer ledigen Frau ohne Kinder.

Vor sieben Monaten musste Leonie Perner ihren Fuß operieren lassen. Ihre Arbeit als Vertreterin für Versandhäuser kann sie nicht mehr ausüben, jetzt sitzt sie zu Hause. Daran sei der Saturn schuld, meint sie, er bewirke regelmäßig eine große Veränderung im Leben.

Wenn man es zu lesen weiß, steht all das auf dem Plakat, das an Perners Küchentür hängt. Es zeigt ihr Horoskop, einen Kreis mit den Sternzeichen drum herum. Die Planeten hat Leonie Perner als Magneten darauf gesetzt, so kann sie sie immer verschieben.

Vor allem Frauen interessieren sich für die Deutung der Sterne. Im Astrologie-Zentrum Berlin seien bei den Einführungsveranstaltungen fast immer mehr weibliche als männliche Teilnehmer dabei, sagt dessen Leiter Markus Jehle. "Gerade junge Leute kommen auch deshalb zu uns, weil sie Orientierung suchen, die sie in der Gesellschaft sonst nicht finden", meint Jehle.

Die Astrologie wird auch als Pseudowissenschaft bezeichnet. Nichtsdestotrotz ist sie eine komplizierte Angelegenheit. Wer sich einmal in das System von Tierkreiszeichen und Aszendenten eingearbeitet hat, bei dem bleibt das Hobby nicht auf den Feierabend beschränkt. "Im Kopf beschäftige ich mich eigentlich die ganze Zeit damit", sagt Leonie Perner.

In den 80er-Jahren belegte sie einen Astrologie-Kurs an der Volkshochschule. Heute geht sie alle zwei Monate zu Vorträgen. Sie besitzt auch ein Computerprogramm, mit dem sie für jeden beliebigen Zeitpunkt ein Horoskop errechnen kann. Auch für den kommenden Jahreswechsel: "2007 wird entspannter als das letzte Jahr. Jupiter und Saturn stehen in einer guten Konstellation zueinander", sagt sie.

Es gibt in der Astrologie verschiedene Aussagen, inwieweit das menschliche Leben vorherbestimmt ist. Leonie Perner hat gelernt, dass sie 80 Prozent der Ereignisse nicht beeinflussen kann. Sie weiß nicht, ob sie das wirklich glauben soll. Eine solche Vorstellung verleitet schließlich dazu, die Verantwortung für das eigene Leben einfach ins Weltall abzuschieben.

Perners Bekannte wundern sich über ihr Hobby. Und fragen trotzdem manchmal um Rat. Einer Freundin hat sie prophezeit, ihr Mann würde bald sterben. "Drei Monate später war er tot", erzählt sie. Ob es nicht zu hart sei, einer Freundin so etwas ins Gesicht zu sagen? Leonie Perner überlegt. "Vielleicht schon. Das liegt an meinem Sternzeichen Skorpion. Der will immer mit der Wahrheit heraus."

Manchmal ärgert sie sich auch über die Astrologie. "Es gibt Zeiten, da will ich sie verfluchen", sagt sie. Als Astrologin wisse sie zwar, dass sich bald etwas im Leben ändern werde. Aber was, das wisse sie nicht. "Das macht mich ängstlich und unspontan." Warum sie dann nicht aufhört, in die Sterne zu schauen? "Die Astrologie sitzt so fest in meinem Kopf, die kriege ich nicht raus", sagt sie. Aber auch dafür findet sie gleich eine Erklärung: "Das ist wieder der Skorpion mit seinem Stachel. Der will wissen, was die Zukunft bringt. Der bohrt nach."

Text: Antje Lang-Lendorff, Berliner Zeitung