Meditation für Männer

Berliner Hobbys: Angleln Geduld braucht man und Glück - Ralf Behnke hat zumindest Geduld, Glück beim Angeln aber auch nicht immer. Gerd Engelsmann

Ralf Behnke liebt es, am Wasser zu stehen und auf einen guten Fang zu hoffen - so wie rund 30 000 Angler in der Stadt

Im Winter sind die Raubfische hungrig. Die Spree ist so kalt, dass sich die friedlichen Fische in tiefere Gewässer zurückziehen. Ohne Fressen im Bauch schnappen die Raubfische schneller zu als im Sommer. Deshalb angelt Ralf Behnke auf Zander. Er steht mit Schirmmütze und Stiefeln auf der Stralauer Insel. Die Spree liegt ganz ruhig da. Behnke hängt einen kleinen Gummifisch vorne an die Angel, holt mit der Rute aus und wirft den Köder 20 Meter hinaus auf das Wasser. Er beginnt, die Schnur geräuschlos aufzurollen. Ob er heute Glück haben wird?

"Angeln ist keine Frage des Glücks, sondern der Erfahrung", sagt Behnke. "Man muss wissen, in welchen Gewässern sich die Fische wann aufhalten." Die Chancen stehen also gut, denn Behnke kennt sich aus: Mit fünf Jahren hat er zum ersten Mal geangelt, inzwischen ist er 46. Tagsüber arbeitet er als Verkäufer in einem Angelladen. In seiner Freizeit bringt er den Jugendlichen des Landesanglerverbands bei, wie sie am besten einen Fisch an den Haken bekommen. Außerdem leitet er den Angelverein Aalglatt. Und nach der Arbeit stellt er sich zum Entspannen selbst an die Rummelsburger Bucht. Oder an die Spree.

Rund 30 000 Berliner besitzen einen Fischereischein. Robert Arlinghaus vom Leibniz-Institut für Gewässerökologie und Binnenfischerei hat 2002 eine Untersuchung zur Charakteristik von Berliner Anglern veröffentlicht. Demnach sind mehr als 95 Prozent von ihnen männlich. Die meisten sind verheiratet und gehen im Durchschnitt 35 Tage im Jahr Fische fangen. Viele fahren dazu an Brandenburger Gewässer.

Auch Behnke angelt lieber in der Natur als in der Stadt. "Da kann man Vögel beobachten und wenn man Glück hat eine Ringelnatter." Manchmal stelle er nach Stunden fest, dass er die ganze Zeit an gar nichts gedacht habe. "Das ist ein bisschen wie bei einer Meditation. Man wird fast eins mit der Natur", sagt er. Ein bisschen Natur gibt's auch in Berlin. Der Himmel hängt grau überm Fluss, ein Blesshuhn ruft. Dann rattert eine S-Bahn über die Brücke. Behnke wirft wieder die Angel aus. "Man muss den Grund abtasten, wenn man Zander fangen will." Er lässt den Köder absinken und rollt die Schnur wieder auf.

Seit der Besiedlung der Region um Berlin fischen Menschen in der Spree. Mit der Industrialisierung im 19. Jahrhundert nahm die Berufsfischerei ab - und die Freizeit-Fischerei zu.

Heute fehlt den Hobby-Anglern der Nachwuchs. Das Durchschnittsalter liegt der Arlinghaus-Studie zufolge bei 51 Jahren. Behnke führt das vor allem auf die Berliner Regelungen zurück. "Man kann hier erst ab zwölf einen Schein erwerben. In dem Alter haben die meisten Kinder ihr Hobby schon gewählt." Vielleicht liegt es auch an den Kosten: Arlinghaus zufolge geben Angler im Jahr durchschnittlich 2 900 Euro fürs Hobby aus.

Plötzlich zieht etwas an der Schnur. Fehlalarm. "Jetzt hängt der Köder an irgendeinem Schrott", sagt Behnke. Er ruckelt, bis der Gummifisch wieder frei ist.

Wenn tatsächlich ein Zander an der Angel hinge, müsste Behnke ihn erst mit einem Schlag auf den Kopf betäuben und mit einem Messer ins Herz stechen. Ob ihm das Töten etwas ausmacht? "Das ist schon in Ordnung. Ich ess die Fische schließlich auch." Auch die Tiere aus der Berliner Spree kommen bei Behnkes auf den Teller. "Nur einmal habe ich einen Aal rausgezogen, der hat so nach Benzin gestunken, den habe ich gleich wieder reingeworfen", erzählt Behnke. Er verzeichnet jeden Fisch mitsamt Datum, Ort und Gewicht in einem Fangbuch, das er seit seiner Kindheit führt.

Nach zwei Stunden schraubt Behnke die Angel wieder auseinander und packt die Gummifische ein. Heute kann er nichts ins Fangbuch eintragen. Ein bisschen Glück gehört eben doch dazu.

Waidgerecht

Wer angeln will, muss beim Fischereiamt eine Prüfung ablegen. Die Ausbildung dazu, die den waidgerechten Umgang mit Fischen erklärt, bietet der Landesanglerverband Berlin an. Für Erwachsene, die kein Mitglied sind, kostet ein Lehrgang 46 Euro. Der Fischereischein hat eine Gültigkeit von fünf Jahren. Informationen dazu unter Tel. 030 427 17 28 oder im Internet unter www.landesanglerverband-berlin.de.

Text: Antje Lang-Lendorff, Berliner Zeitung