Die Geschichte des Blaulichts auf vier Rädern
Ingo Koar ist stolz auf seine Autos - wie etwa den Wolga-Streifenwagen.
Gerd Engelsmann
Ingo Koar aus Marzahn sammelt Polizeiautomodelle aus aller Welt - vor allem aber aus der DDR
Der erste Polizist - nach Ingo Koar natürlich - begrüßt die Besucherin schon im Flur der Marzahner Drei-Zimmer-Wohnung: Es ist ein rund 30 Zentimeter großer geschnitzter und schön bunt angemalter Holzkollege aus Südafrika. Hinter einer Tür mit der Aufschrift "Vorschicht freilaufende Bullen" wartet der Rest des Einsatzkommandos - und vor allem der Fuhrpark.
Der 50-jährige Ingo Koar sammelt Miniatur-Polizeiautos. 1 000 Stück hat er schon zusammen: Fein säuberlich aufgereiht Rad an Rad stehen sie in Glasvitrinen an den Wänden. Und zu jedem Fahrzeug kann der Mann eine Geschichte erzählen, denn diese Sammlerstücke gibt es nicht im Spielzeugladen um die Ecke. Viele Modelle hat Koar aus dem Urlaub mitgebracht: Den kleinen Holzpolizisten aus dem Flur zum Beispiel oder das Fahrzeug der berühmten US-amerikanischen Highway-Patrol.
Andere Modelle stammen aus einer anderen Zeit: Aus der Zeit, als Koar noch Schutzpolizist bei der Volkspolizei in Prenzlauer Berg war. Auch zu den Modellen aus der DDR kann Koar Geschichten erzählen, aber es sind andere: "Der Wasserwerfer SK-2 (die gebräuchliche Abkürzung für Straßenkampfwagen 2) wurde beim Bau der Berliner Mauer am Brandenburger Tor eingesetzt. Das Modell ist ein seltenes Stück, eine Einzelanfertigung von einer kleinen Modellbaufirma." Die Sammlung der Volkspolizei-Dienstwagen ist nahezu komplett: der schnittige Wartburg 311-Funkstreifenwagen, die Barkas-Kontrollwagen, die Ladas, Wolgas und auch der Klassiker der Schutzpolizei, der Kleinroller Schwalbe. "Was ist der kleinste Viehtransport? Bulle auf Schwalbe!", zitiert Koar einen Witz, den er sich wahrscheinlich oft anhören musste.
Als Nebenprodukte seines Hobbys haben sich auch Polizeiabzeichen, Comicpolizisten und eine ausführliche Bibliothek über Polizeigeschichte angesammelt. Was nicht in die Vitrinen passt, lagert Koar im Keller oder hat er ausgeliehen an andere Sammler mit größeren Räumen: Uniformen, Schilder und das Holzlenkrad eines Wasserwerfers.
Als 1990 die Polizeihoheit an die neu gebildeten Bundesländer überging, mussten etwa 40 Prozent der Volkspolizei-Angestellten aus dem Dienst ausscheiden. Ingo Koar gehörte zu den 60 Prozent, die auch in der neuen Zeit bleiben durften. Heute ist er Streifenpolizist und immer noch im selben Viertel unterwegs. "Seit dreißig Jahren arbeite ich jetzt in Prenzlauer Berg. Zur Halbzeit war Uniformwechsel", sagt er lapidar über seine deutsch-deutsche Karriere. Das unverwechselbare Sirenengeheul der Volkspolizei hat er noch als Klingelton auf seinem Handy gespeichert.
Ingo Koars private Sammelleidenschaft entstand aus der Begeisterung für seinen Beruf. Der Mann mit dem imposanten Schnurrbart ist gerne Polizist, auch wenn die Arbeit nicht immer leicht ist: "Als Streifenpolizist bist du immer auf der Straße und musst wirklich alles machen. An einem Tag stehe ich auf der Kreuzung und regle den Verkehr. Am nächsten Tag muss ich in einer Wohnung einen Erhängten abschneiden." Irgendwo zwischen diesen beiden Extremen liegt die tägliche Schichtarbeit im Polizeirevier Prenzlauer Berg. Und Ingo Koar genießt es, direkter Ansprechpartner zu sein für die Menschen in dem Bezirk, den er nun schon so lange kennt.
Dabei war es am Anfang nicht etwa Begeisterung, sondern purer Pragmatismus, der Ingo Koar zur Volkspolizei brachte: Für die jungen Bereitschaftspolizisten gab es damals Wohnungen im Grenzgebiet und Koar, der gerade frisch verheiratet war, brauchte dringend eine Wohnung. Seine heute 26 Jahre alte Tochter kam im Volkspolizei-Krankenhaus in der Scharnhorststraße zur Welt, und sie ist heute selbst Polizistin, wie Koar stolz zu Protokoll gibt. Kein Wunder, durfte sie doch als Kind regelmäßig mit Papas Polizeiautosammlung spielen - das prägt.
Bilder von Polizeiautos, auch von Modellen der Volkspolizei, gibt es im Internet unter www.polizeiautos.de.
Links, Fotos, Neuheiten aus der Szene, aber auch Sammlertermine gibt es im Internet auch unter www.modellautoclub-deutschland.de.
Sammlerbörse bei der Polizei: Die Polizeihistorische Sammlung Berlin, Platz der Luftbrücke 6 in Tempelhof (Telefonnummer 46 64 99 47 62), ist montags bis mittwochs von 9 bis 15 Uhr geöffnet, der Eintritt kostet 2 Euro.
Sammlerstücke gibt es bei Ebay oder auf der Homepage www.modelcarworld.biz.
Die jährliche Sammlerbörse der International Police Association (IPA) findet am 25. März in der Polizeiunterkunft Ruhleben, Charlottenburger Chaussee 67, statt. Dort werden unter anderem Polizeihelme, Abzeichen und andere Devotionalien getauscht.
Text: Franziska Walser, Berliner Zeitung