Mit Karacho in eine neue Welt

Berliner Hobbys: Motorraeder Jochen Loth fährt nicht nur seine KTM - er wartet sie auch liebevoll. Max Lautenschlaeger

Jochen Loth fährt Motorrad über Stock und Stein - und auch querfeldein bis Breslau

Diese Erfahrung, das hat Jochen Loth festgestellt, kann ganz neue Welten öffnen. Da kommen Herausforderungen auf einen zu, die man nicht kannte - die man aber, wenn man sie kennt, nicht mehr missen will. Die man dann immer wieder sucht, weil die neue Welt schnell zur Leidenschaft wird.

Diese neue Welt entdeckte der 44-jährige Zahnarzt Loth nach der Wende. Bis dahin war er mit seiner Suzuki auf den für Motorradfahrer langweiligen Straßen West-Berlins unterwegs. Dann fiel die Mauer. Und Loth, der als junger Mann in seiner Heimat, dem Sauerland, die Vorzüge von Straßenmaschinen auf kurvigen Strecken genoss, erlebte, wie es ist in dieser neuen Welt - zunächst mit der Enduro eines Freundes: über Feldwege düsen, Berg rauf und runter, durch Schlamm und Sand. "Am besten Vollgas bei sandigem Boden, wer zu langsam ist, bleibt stecken", hat er gelernt.

Inzwischen hat Jochen Loth neben seiner Straßen-BMW, einer R 1100 S mit 98 PS, eine Geländemaschine fürs Hobby, eine KTM EXC 520 mit 500-Kubikzentimeter Ein-Zylinder-Motor. So einfach wie damals nach der Wende ist es aber nicht mehr, durchs Brandenburgische zu düsen: "Inzwischen wird es immer problematischer, Strecken zu finden, auf denen Enduro-Fahren erlaubt ist." Loth nimmt oft lange Anreisewege in Kauf, um auf privaten Plätzen mal mit Karacho querfeldein fahren zu dürfen. Denn die meisten Waldwege sind inzwischen für den Verkehr gesperrt.

Das Highlight für den Enduro-Fahrer wird auch dieses Jahr wieder die Rallye Berlin-Breslau sein. Fünf Mal hat Loth daran schon teilgenommen und kam einmal sogar auf Platz zehn. Eine Woche lang geht es bei der Rallye fernab der Straßen in Deutschland durch ehemalige Tagebaugebiete und in Polen über Truppenübungsplätze. "Dort stehen die Militärs am Rand neben ihren Panzern und schauen uns zu", erzählt Loth. "Zwar rast man schon mal mit 130 Sachen durch den Wald, entscheidend ist bei der Fahrt aber Geschicklichkeit und Navigieren." Die steilen Abhänge des Tagebaus, der Matsch auf Übungsplätzen - da muss man erst mal durchkommen. Wenn man das mit Tempo 30 schafft, so Loth, ist man schon ganz schön gut. Und vor allem muss man erst mal den Weg finden: "Wir Motorradfahrer haben ja keinen Beifahrer zum Navigieren." Wenn dann auf dem sogenannten Roadbook steht nach 2,35 Kilometern an der Weggabelung links, muss er den Abzweig allein finden. Dabei bleibt es nicht aus, dass man sich während der Rallye mal verfährt - und auch ein paar blaue Flecken kann es geben. "

Lieber im Gelände fahren als auf der Straße

Sicherer ist es dennoch, mit dem Motorrad im Gelände zu fahren als auf der Straße, denn dort kommt es nur auf einen selbst an, auf der Straße aber auf die anderen", erklärt Loth, der selbst noch keinen schweren Unfall hatte - aber auch sehr auf Sicherheit bedacht fährt - und im Gelände niemals allein. "Es macht mehr Spaß und ist einfach sicherer, mit Freunden loszufahren." Schließlich muss man sich unterwegs auch mal helfen - nicht nur bei einem Sturz, sondern auch beim "Schrauben". Denn dass Luftfilter und Kettensätze selbst ausgewechselt werden und der Motor vom Fahrer überholt wird, ist Ehrensache. "Anders geht das bei Rallyes nicht", sagt Loth, der schon als 15-Jähriger am Mofa bastelte. Und damals das Gefühl bekam, das ihn seither nicht mehr losließ: "Auf 'nem Motorrad ist man an der frischen Luft, kriegt beim Fahren alles unmittelbarer mit", sagt Loth. "Man hat das Gefühl, eins zu werden mit der Maschine - wie Reiter und Pferd. Je besser man fährt, desto eher hat man das Gefühl." Sein Audi A4 ist für Loth deshalb nur "Mittel zum Zweck", wenn er im Winter irgendwohin muss. Motorradfahren hingegen ist für ihn Vergnügen. Solange er nur auf Straßen unterwegs war, musste er sich für dieses Hobby auch nicht rechtfertigen: "Aber als Enduro-Fahrer bekommt man zu hören, dass dies Umweltverschmutzung sei. Dabei fährt doch jeder irgendein Gefährt." Loth will sich eigentlich gar nicht mehr beteiligen an diesen "immergleichen Diskussionen". Er versteht die Aufregung auch nicht, die oft um Genehmigungen von Enduro-Wettkämpfen gemacht wird: "Wenn wir da einmal langfahren wollen, ist das Umweltverschmutzung. Wenn alle immer da langfahren wollen, wird eine Straße gebaut und es beschwert sich keiner."

Auf stabilen Maschinen durchs Gelände

Enduro ist die Bezeichnung für stabil gebaute Geländemotorräder. Eine klassische Enduro ist die Yamaha 500 XT, die 1975 auf den Markt kam. Motocross hingegen ist eine reine Rennsportart für Maschinen ohne Straßenzulassung im Gelände.

Informationen über das Endurofahren und zur Rallye Berlin-Breslau im Netz unter: www.endurofunten.deund www.breitengrad.com.

Text: Peter Brock, Berliner Zeitung