- Berlin Aktuell
- Kino & Film
- Musik & Konzerte
- Clubs & Party
- Leben & Leute
- Orte & Videos
- Liebe & Dating
- THEMEN
- SERVICE
|
Damit Porly wieder Popcorn spielt
Wenn die Vergesellschaftung stimmt - sich also zwei Tiere verstehen - ist die Meerschweinchenvermittlung perfekt.
Gerd Engelsmann
Melanie Lüdicke vermittelt ungeliebte und vereinsamte Meerschweinchen - und hat selbst acht kleine Nager zu Hause
Wenn ein Meerschweinchen richtig Spaß hat, dann spielt es "Popcorn": Es springt mit allen vier Beinen gleichzeitig hoch. Auch das "Brömmseln" zeigt an, dass es dem Tier gut geht. Das wohlige Brummen klingt wie das Rotieren eines Hubschraubers. Bommel, Luke, Elvis und die anderen Meerschweinchen haben bei der Familie Lüdicke in Mariendorf ihr Paradies gefunden. Sie dürfen von ihrem großzügigen Gehege aus quer durchs Zimmer flitzen. Sie brömmseln viel.
Im Zimmer gegenüber hocken vier weitere Meerschweinchen. Vier Pflegefälle, die es mal ebenso gut haben sollen wie Elvis, Bommel und Co. Melanie Lüdicke gehört dem Verein "Notmeerschweinchen" an, der überzählige und vereinsamte Nager aufnimmt, aufpäppelt und vermittelt. Vince und Porly, die beiden Kurzhaarigen, stammen aus einer Gruppe von elf Tieren, die ohne Fell übernommen wurden. Der Vorbesitzer hatte nichts gegen den Milbenbefall der Tiere getan. Über 200 Meerschweinchen vermittelte der Verein im letzten Jahr, 22 davon waren zwischendurch bei den Lüdickes einquartiert. Tierärzte und Sozialämter stellen den Kontakt her. Manche Leute geben ein Tier ab, weil es nicht länger allein leben soll oder sie eine Allergie haben.
Wenn Melanie Lüdicke, die als Verkäuferin in einem Schreibwarenladen arbeitet, aufzählt, was sie alles für die Tiere tut, klingt das fast nach einem zweiten Volltags-Job. Sie muss die Meerschweinchen abholen, pflegen, füttern, zum Tierarzt bringen, wiegen, die Gehege reinigen. Streu holen die Lüdickes in 600-Liter-Packungen, Heuballen beim Bauern. Dann werden die Tiere fotografiert, um die Bilder auf die Homepage des Vereins zu stellen. Interessenten werden am Telefon erst mal ausgiebig ausgefragt, ob überhaupt das richtige Umfeld für ein Meerschweinchen vorhanden ist. Die Tiere sollen nicht nur genügend Platz, sondern auch einen passenden Gefährten finden, schließlich sind sie gesellige Rudeltiere. "Wir Menschen mögen doch auch keine Einzelhaltung", sagt Melanie Lüdicke. Tiere, die der Verein als Paar übernommen hat, werden nur zu zweit weitergegeben. Bei der Zusammenführung von Singles beobachten die Vermittler deren Vergesellschaftung. Gegenseitiges Jagen und Zähneklappern sei noch okay. Doch wenn sich zwei dominante Tiere ineinander verbeißen, können sie auf keinen Fall zusammenleben. "Das ist eine Frage des Charakters", sagt Melanie Lüdicke. Allerdings komme es nur in einem von zwanzig Fällen vor, dass sich zwei Tiere nicht leiden können. Dann nimmt der Verein das Tier eben wieder mit. Melanie Lüdicke ist auch für die Nachbetreuung zuständig. Sie telefoniert noch mal mit allen neuen Besitzern, um zu erfahren, ob es den vermittelten Meerschweinchen wirklich gut geht.
Pixelquelle
"Sie können sich so gut mitteilen"
Auch in die Finanzierung der Meerschweinchen-Vermittlung steckt Melanie Lüdicke viel Zeit. Vor allem die Tierarzt-Besuche kosten Geld - die Schutzgebühr von 25 Euro pro Vermittlung deckt nicht mal die Kosten der Kastration. Deshalb näht Melanie Lüdicke flauschige Hängedecken und Schlafsäcke für die Tiere, die auf Messen und übers Internet verkauft werden.
Obwohl Melanie Lüdicke schon als Kind mal Meerschweinchen hatte, ist ihre Liebe zu den Nagern erst vor einiger Zeit wieder aufgeflammt. Mit ihnen zusammen zu sein, "das ist eine echte Therapie nach einem stressigen Tag", sagt sie. "Es macht einfach Spaß, ihnen zuzugucken, sie können sich so wunderbar mitteilen." Das erste Paar hatte sie noch beim Zoohandel erworben. Jetzt sind fünf ihrer acht eigenen Tiere frühere Pflegefälle. Ihre Meerschweinchen-Gruppe besteht übrigens ausschließlich aus Böcken. "Ein Weibchen kann die ganze Männerfreundschaft durcheinanderbringen", wirft Thomas Lüdicke ein. Seine Frau sagt, sie könne das nur bestätigen.
Meerschweinchen mögen keine Kaninchen
Keine Langohren: Meerschweinchen sind gesellige Tiere. Sie sollten möglichst zu zweit oder in Kleingruppen leben - auf keinen Fall aber mit Kaninchen.
Keine Kälte: Die Tiere sollten den Winter im Warmen verbringen. Sie kommen schließlich aus Südamerika. In Peru sind sie übrigens eine Grill-Spezialität - wie bei uns der Kaninchenbraten.
Kein Nachwuchs: Der Verein Notmeerschweinchen vermittelt ausschließlich kastrierte Tiere.
Weitere Informationen:
Der Verein im Internet: www.notmeerschweinchen.de.
Telefonkontakt: 0700-37 15-31-00 Das Telefon ist täglich von 11 bis 22 Uhr besetzt.
Die Schutzgebühr beträgt 25 Euro pro Tier.
Text: Torsten Wahl, Berliner Zeitung
|
|