Eine Weltkugel in Händen

Bienen Pixelquelle

Melanie von Orlow engagiert sich für Bienen und andere stachelige Insekten

Eigentlich müsste man im Sommer kommen. Dann könnte man das Haus der von Orlows wahrscheinlich schon von Weitem schwirren, summen und brummen hören. "Mich interessiert alles, was fliegt und sticht", sagt die Hausherrin lachend. So einfach ist das. Und deshalb schwärmen an warmen Tagen ganze Völker von Hummeln, Hornissen, Bienen und Wespen rund um ihr rosenblütenrot gestrichenes Haus in Tegel. Ein Insektenleben auf diesem Grundstück muss man sich vorstellen wie einen Urlaub in einem exklusiven All-inclusive-Hotel: individuell abgestimmte Behausung von styroporgepolsterten Bienenstöcken bis hin zu luftigen Kästen für die Hornissennester. Und dazu ein eigens angelegter Garten mit Schmetterlingsbusch, Knöterich und Obstbäumen, in dem jede Blüte eine neue Insektenleckerei bereithält.

Pro Jahr gewinnt sie 200 Kilogramm Honig - für sich und für Freunde. Aber im Moment ist eben noch Winter und der Garten ist erst mal nicht viel mehr als eine terrassierte Lehmfläche. Ganz unten in einer Ecke stehen sechs Bienenkästen und hier summt es auch, aber eher zum Schrecken als zur Freude der Imkerin: "Die Bienen sollten jetzt eigentlich gar nicht draußen sein. Normalerweise kuschelt sich das Volk in dieser Jahreszeit im Stock zu einer Wärmekugel zusammen und lebt von den Vorräten", erklärt Melanie von Orlow. Der ungewöhnlich milde Winter hat die Tiere schon vor der Zeit nach draußen gelockt und jetzt schnurren sie ihr biologisches Programm ab: Orientierungsflug, Wassersuche, Nahrungssuche, Fortpflanzung. Eine Verwirrung, die im schlimmsten Fall tödlich enden kann. Dann nämlich, wenn der Winter doch noch kommt und die Vorräte verbraucht sind, bevor Blüten neue Nahrung bieten.

Über all diese Vorgänge weiß Melanie von Orlow wahrscheinlich mehr als die meisten Hobbyimker. Klasse: Insekten (Insecta), Ordnung: Hautflügler (Hymenoptera) - nach diesen Koordinaten hat die Berlinerin ihr Leben ausgerichtet. Mit zwölf Jahren baute sie aus ein paar Brettern den ersten Hummelnistkasten. Als sie dann alle in der Bücherei greifbaren Bücher über das Thema gelesen hatte, war der nächste Schritt ein Biologiestudium samt Promotion an der FU. Heute leitet die Mutter von zwei kleinen Kindern die Gruppe "Hymenopterschutz" beim Berliner NABU.

Naturschutz, das bedeutet im Fall der stachelbewehrten Insekten vor allem Imagepflege. Viele Menchen reagieren panisch und töten Insekten aus Angst. Angst, die aus Unwissenheit entsteht, meint Melanie von Orlow: "Hornissen sind lange nicht so giftig wie sie aussehen. Das meiste Gift haben Bienen und auch die stechen wirklich nur, wenn man sie aus Versehen quetscht oder reizt." Mit ihrer Webseite www.hymenoptera.de will Melanie von Orlow gegen diese Unwissenheit angehen. Sie informiert über die verschiedenen Arten, ihren Lebensraum und klärt dabei Fragen wie "Warum können Hummeln fliegen?" und "Töten sieben Hornissenstiche wirklich ein Pferd?" Mit aufklärerischem Eifer sammelt sie dort Zeitungsberichte, in denen von lebensgefährlichen Insektenangriffen die Rede ist und geht den Fällen nach. "Das ist meist alles nicht so dramatisch, wie es klingt", sagt sie.

Mindestens genauso viel Zeit wie die Pflege der Webseite nimmt die telefonische Insektenberatung in Anspruch. Wer in Berlin ein Wespen- oder Hornissennest entdeckt und melden will, landet mit einiger Wahrscheinlichkeit auf ihrem Handy. "Im Sommer ist High-Season, da klingelt das Telefon in einer Tour", sagt die Naturschützerin. Wenn sie die Besitzer nicht von der Ungefährlichkeit der Tiere überzeugen kann, steht eine Umsiedlung an:

"Das dauert mindestens fünf Stunden. Erst werden die Tiere eingefangen, dann das Nest geborgen und schließlich alles in mindestens fünf Kilometer Entfernung wieder aufgebaut." Die zeitaufwändigen Umsiedlungen und das Beraten macht Melanie von Orlow ehrenamtlich als Hobby. Viel Arbeit, wenig Geld - ein schlechter Deal, wenn es nicht diese Glücksmomente gäbe: "Einen Bienenkorb oder ein Hummelnest zu hüten, das ist wie wenn man eine kleine Weltkugel in den Händen hält. Von diesen sozialen Insekten kann man lernen, was Gemeinschaft und Aufopferung heißt: Jede Biene arbeitet ihr Leben lang für die nächste Generation."

Weitere Informationen

Schaukasten für Kinder

Auf dem Abenteuerspielplatz in der Sodener Straße (Wilmersdorf) gibt es einen Hornissen-Schau-Nistkasten für Kinder. In der Domäne Dahlem gibt es ein Bienen-Museum mit Schau-Imkerei.

Die AG Hymenopterschutz des NABU sucht Mitstreiter für Beratung und Umsiedlung. Kontakt: Melanie von Orlow, Tel. 0163 685 95 96

Der Imkerverband informiert über Bienenhaltung. Tel.: 030 92 12 64 42.

Mehr Informationen im Internet unter:

Text: Franziska Walser, Berliner Zeitung