Mit ein paar Kugeln die Welt retten

Berliner Hobbys: Flipper Beim Testspiel: Jens Domke in der Friedrichshainer Kneipe "Feuermelder", wo seine Flipper stehen. Max Lautenschlaeger

Jens Domke spielt Flipper - nicht einfach so, sondern aus Leidenschaft, und um eine Mission zu erfüllen

Die Legende stimmt nicht. Das ist ihm wichtig. Er hat nicht 1986 vergeblich versucht, aus der DDR zu fliehen, um flippern zu können. Er saß danach auch nicht sieben Monate lang im Knast, weil er nur deshalb aus dem Unrechtsstaat raus wollte, weil es dort diese amerikanischen Unterhaltungsspielgeräte nicht gab. Dass Jens Domke, heute 39 Jahre alt, damals fliehen wollte, stimmt. Dass er freigekauft wurde aus DDR-Haft stimmt auch. Nur dass er all das fürs Flippern auf sich nahm, das ist eine schöne Legende, die man sich in manch Kreuzberger Kneipe gerne erzählt, die aber mit der Wirklichkeit nichts zu tun hat. Denn mit den Spielgeräten ohne Geldgewinnchance hatte der gelernte Maurer, der es 2003 bei den Deutschen Flipper-Meisterschaften auf Platz sechs schaffte, damals noch gar nichts am Hut.

Seine Leidenschaft, die zum Hobby und inzwischen sogar zum Beruf wurde, begann am Kudamm. "Mein Freund hatte damals 'ne Kneipe und nach Feierabend sind wir an den Kudamm in ein Café und haben dort die Einnahmen investiert", erzählt Domke. Die beiden jungen Männer legten das Geld nicht in Molle und Korn, sondern in Milchkaffee und Kugeln an - sie flipperten sich durch die Nächte. Manchmal macht das Domke heute noch: "Wer gut spielen will, muss trainieren, und trainieren heißt spielen, spielen, spielen." Und zwar nicht an Flippersimulationen am heimischen Computer, sondern an echten 140 Kilogramm schweren Geräten, die aussehen wie schief gestellte Kindersärge, aber so grellbunt leuchten und inzwischen derart komplexe Computersteuerungen und Soundsysteme haben, dass sie locker dafür 300 Watt Strom in der Stunde benötigen. "So was Echtes zum Anfassen, zum Schütteln, das braucht man einfach, sonst ist das Spiel nichts", sagt Domke.

Flipper 140 Kilogramm schwer, bunt leuchtend und laut klingend: ein Flipper. Pixelquelle

Wenn einer wie er an den Automaten steht, und die Flipper, also die gummiummantelten elektromagnetisch bewegten Drei-Zoll-Arme bewegt, die Stahlkugeln zurück aufs Spielfeld katapultieren, dann ist das nicht lukrativ für den Wirt. Denn während der Durchschnittsspieler mit einem 50-Cent-Spiel drei bis fünf Minuten Spaß hat, hält ein Quasi-Profi wie Domke die Kugeln locker ne Stunde oder länger auf der schrägen Ebene.

Allerdings trifft der entgangene Gewinn in seinem Fall nicht nur den Wirt, sondern auch ihn, denn inzwischen ist der passionierte Spieler zum professionellen Aufsteller geworden. 45 Geräte in 33 verschiedenen Ausführungen hat er in Gaststätten - meist in Kreuzberg und Friedrichshain - stehen.

Geplant war diese Karriere, das Zum-Beruf-Machen des Hobbys, eigentlich nicht. Aber seit sich Domke am Kudamm Freispiel um Freispiel erflipperte, kam er von den Geräten nicht mehr los. Als er dann selbst ne Kneipe eröffnete, war klar, dass ein Flipper rein musste. Und weil dieser oft kaputt war, hatte er genug Gelegenheit, dem Techniker über die Schultern zu schauen. Bald konnte er das Reparieren nach der Lektüre taschenbuchdicker Schaltkreiserklärungen mindestens ebenso gut und eines Tages wurde er vom Automatenaufsteller als Flipper-Techniker abgeworben - bevor er sich schließlich als solcher selbstständig machte und nun nur noch seine eigenen Geräte repariert.

"Seither spiele ich auch anders als andere", sagt Domke. Während sich der Gelegenheitsspieler mit dem Bier in der Hand einfangen lässt vom akustischen und visuellen Trommelwirbel den die Geräte verursachen, hört und sieht Domke immer genau hin - wo brennt ein Lämpchen nicht, welcher Lautsprecher klingt blechern, welches Gummibändchen fühlt sich ausgeleiert an. "Aber der Reiz ist trotzdem noch der Highscore." Das heißt, in die Liste aufgenommen zu werden, in der die Besten stehen. Um dorthin zu kommen, in den virtuellen Olymp, genügt es bei den modernen Geräten längst nicht mehr einfach nur Kugeln am Rollen zu halten. Man muss Missionen erfüllen. Und das ist es auch, was Domke so reizt an dem Spiel - nicht nur Geschicklichkeit zeigen, sondern auch eine fiktive Geschichte durchstehen zu können. Im besten Falle als Held. Bei Domkes Lieblingsflipper "Attack from Mars" muss man die Welt - und unter anderem auch Berlin - vor Aliens schützen, muss vom Display vorgegebene Wege mit den Kugeln einschlagen, um Ufos abzuschießen. Gemütlicher, aber keineswegs einfacher geht's beim Simpson-Flipper zu, der genaue Sprach-Anleitungen gibt, wie man die Kugeln aufs Sofa der Comic-Familie im ersten Stock katapultiert: "Shot into garage to get into living room." Domke muss mit der Kugel die Garagentür treffen, damit diese ins Wohnzimmer gehievt wird. Je öfter er trifft, desto schwieriger wird es. Der kleine Bart fährt auf einem Skateboard sympathisch übers Display, aber der Computer hat erkannt, dass ein Könner am Spielen ist und erhöht den Schwierigkeitsgrad.

Trotzdem: Souverän bedient Domke die fünf (!) Flipperarme des Simpson-Geräts und hält vier Kugeln gleichzeitig auf der schiefen Ebene. Für ihn ist das nichts: "Bei Apollo 13 muss man mit 13 Kugeln fertig werden", sagt er. Nun weiß man auch, warum er beim Spiel Milchkaffee trinkt: "Alkohol und Flippern geht nicht, da leidet die Reaktionsfähigkeit." So was kann nur ein Profi sagen.

Seit 1947 am Ball

Pinball - so bezeichnete man schräg gestellte mit Nägeln beschlagene Bretter, auf denen Kugeln ihren Weg finden müssen. Derartige Spiele sind seit Jahrhunderten bekannt. Der erste Flipperautomat mit dem namensgebenden "Flipper"-Hebel entstand 1947 in den USA.

Pinball Wizard - der Song von The Who erschien 1969 auf dem Konzept-Album Tommy, der ersten Rock-Oper. Held ist ein tauber, stummer und blinder Junge, der Flipperkönig wird.

Mehr Infos im Netz unter: www.flipperverein.de und www.flippern.de

Text: Peter Brock, Berliner Zeitung